Im Gardasee tauchen immer öfter Raubfische von drei Metern Länge auf, die italienische Medien bereits als Monster vom Gardasee bezeichnen. Dahinter steckt der größte reine Süßwasserfisch des Kontinents, ein Spitzenprädator ohne natürliche Feinde. Der Fisch wächst ein Leben lang und erreicht in warmen, nahrungsreichen Seen ein Gewicht von mehr als 100 Kilogramm. Was viele Badegäste nicht ahnen, ist eine Jagdstrategie, die Biologen erst vor wenigen Jahren zweifelsfrei dokumentiert haben und die weit über das Wasser hinausreicht.
Ein ausgewachsener Europäischer Wels, wissenschaftlich Silurus glanis, ist der größte reine Süßwasserfisch Europas und gehört zur Familie der Echten Welse. Solche Tiere können mehr als zwei Meter lang werden, in Ausnahmefällen nähern sie sich drei Metern und einem Gewicht von rund 100 bis 200 Kilogramm. Als nacht- und dämmerungsaktiver Raubfisch verbirgt sich der Wels tagsüber am schlammigen Grund tiefer Gewässer und ortet seine Beute mit hochempfindlichen Barteln und einem ausgeprägten Seitenlinienorgan. Sein Speiseplan reicht von kleineren Fischen über Krebstiere bis zu Wasservögeln. Weil der Fisch ein Leben lang wächst und in warmen, nahrungsreichen Seen kaum natürliche Feinde besitzt, kann er über Jahrzehnte zu einem gewaltigen Spitzenprädator heranreifen. Genau diese Kombination macht ihn zu einem der auffälligsten Profiteure der Klimaerwärmung in europäischen Binnengewässern.
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung derzeit am Gardasee, dem größten See Italiens und einem beliebten Reiseziel für deutsche Urlauber. Taucher und Fischer berichten dort von einer auffälligen Zunahme sehr großer Exemplare und einer rasanten Ausbreitung des Bestands, während zugleich weitere invasive Arten wie die Quagga-Muschel und der Rote Amerikanische Sumpfkrebs das ökologische Gleichgewicht verschieben. Der Wels selbst gilt in Mitteleuropa als heimisch, doch in vielen Seen und Flüssen Süd- und Westeuropas wurde er vom Menschen eingeführt und verhält sich dort wie eine invasive Art. In diesen neu besiedelten Gewässern zeigt der Fisch Verhaltensweisen, die aus seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet nicht bekannt sind. Eine davon hat Biologen so sehr überrascht, dass sie den Wels in einer Fachpublikation mit einem der berühmtesten Meeresräuber überhaupt verglichen haben.
Als Spitzenprädator greift der Wels tief in die Nahrungsnetze eines Sees ein. Ab einer Körperlänge von etwa einem Meter hat der Raubfisch praktisch keine Fressfeinde mehr und kann Bestände von Weißfischen, Barschen oder Felchen spürbar reduzieren. Für ein Kilogramm Zuwachs benötigt ein Wels grob sechs bis sieben Kilogramm Beute, weshalb große Individuen enorme Mengen anderer Fische aus dem System entnehmen. In manchen italienischen Seen führte diese Fraßleistung dazu, dass ganze Bestände einheimischer Arten einbrachen. Ähnlich wirkmächtige Topräuber haben die Ökologie von Gewässern in der Erdgeschichte immer wieder umgeschrieben. Am Gardasee gilt vor allem der endemische Carpione, eine nur dort vorkommende Salmonidenart, als bedroht, weil der wachsende Welsbestand den Druck auf ohnehin seltene Fische zusätzlich erhöht.
Den spektakulärsten Beleg für die Anpassungsfähigkeit des Welses lieferte ein französisches Forschungsteam am Fluss Tarn, wo die Art in den 1980er Jahren eingesetzt wurde. Die Wissenschaftler beobachteten und filmten, wie sich einzelne Welse gezielt aus dem Wasser auf Kiesbänke schoben, um dort Tauben zu erbeuten, und anschließend wieder in die Strömung zurückglitten. In der Studie, die im Fachjournal PLOS ONE erschien und dieses Verhalten erstmals systematisch als Strandjagd eines Süßwasserfisches beschrieb, werteten die Forscher 45 solcher Attacken aus, von denen rund 28 Prozent mit einem gefangenen Vogel endeten. Isotopenanalysen zeigten, dass Landvögel bei einzelnen Tieren einen erheblichen Anteil der Nahrung ausmachen. Weil dieses Verhalten aus dem heimischen Verbreitungsgebiet nicht bekannt ist, deuten die Autoren es als erlernte Spezialisierung, mit der einzelne Individuen die Grenze zwischen Wasser und Land bewusst überschreiten. Die Parallele zu jagenden Schwertwalen brachte dem Wels dabei den Beinamen Süßwasser-Killerwal ein.
Die derzeitige Ausbreitung des Welses hängt eng mit steigenden Wassertemperaturen zusammen. Der wärmeliebende Fisch laicht erst oberhalb von etwa 20 Grad Celsius zuverlässig ab, und sein Wachstum beschleunigt sich in warmen Sommern deutlich. Fachleute beobachten, dass die Art sich vor allem dort stark vermehrt, wo die mittlere Jahrestemperatur eine Schwelle von rund zehn Grad Celsius überschreitet. Am Bodensee stieg die Oberflächentemperatur von etwa 11 bis 12 Grad Celsius im Jahr 1990 auf 13 bis 14 Grad im Jahr 2024, und parallel dazu hat sich der Anteil der Gewässer mit Welsnachweis in Baden-Württemberg innerhalb weniger Jahrzehnte nahezu verdreifacht. Übersichtsarbeiten zur Ökologie des Welses ordnen ihn deshalb als anpassungsfähigen Neubürger ein, dessen Rolle in neu besiedelten Systemen noch nicht abschließend erforscht ist. Wie stark sich das veränderte Jagdverhalten und die wachsende Ausbreitung langfristig auf heimische Fischgemeinschaften auswirken, gilt als eine der drängenden offenen Fragen der Gewässerökologie.
PLOS ONE, Freshwater Killer Whales Beaching Behavior of an Alien Fish to Hunt Land Birds; doi:10.1371/journal.pone.0050840
Fish and Fisheries, Voracious invader or benign feline A review of the environmental biology of European catfish Silurus glanis; doi:10.1111/j.1467-2979.2008.00321.x