Leben in der Tiefsee

57 bislang unbekannte Meeresarten in nur zwei Wochen identifiziert

 Dennis Lenz

57 bislang unbekannte Meeresarten in nur zwei Wochen identifiziert
(Symbolbild) Im Mar-del-Plata-Canyon wurden zahlreiche bislang unbekannte Meeresarten identifiziert. Die Funde stammen aus einer Tiefseeexpedition und wurden anschließend von Spezialisten verschiedener Tiergruppen gemeinsam untersucht. Innerhalb von zwei Wochen konnten 57 mutmaßlich neue Arten und fünf neue Gattungen abgegrenzt werden. Die formale wissenschaftliche Beschreibung einzelner Arten folgt davon getrennt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

57 bislang unbekannte Meeresarten sind innerhalb von nur zwei Wochen aus Proben einer Tiefseeexpedition identifiziert worden. Dazu gehören Seegurken, Ruderfußkrebse, Korallen und weitere ungewöhnliche Bewohner des Südatlantiks. Hinzu kommen fünf mutmaßlich neue Gattungen. Der Fund zeigt, wie viele Tierformen selbst in einer bereits spektakulär dokumentierten Meeresregion wissenschaftlich noch keinen Namen besitzen.

Unterhalb der lichtdurchfluteten Wasserschichten beginnt ein Lebensraum, in dem Farben, Körperformen und Bewegungsweisen oft kaum an vertraute Küstentiere erinnern. Genau dort liegt vor Argentinien der Mar-del-Plata-Canyon. Während einer Expedition im August 2025 steuerte das Forschungsschiff Falkor (too) den ferngesteuerten Tauchroboter SuBastian in diesen tief eingeschnittenen Bereich des Meeresbodens. Kameras übertrugen auffällige Seegurken, Korallen, Seesterne und Krebstiere aus der Dunkelheit. Einige der Bilder verbreiteten sich bereits damals international. Für die biologische Forschung begann die entscheidende Arbeit jedoch erst nach dem Auftauchen. Ein Tier, das ungewöhnlich aussieht, ist noch nicht automatisch eine neue Art. Erst der systematische Vergleich mit bereits beschriebenen Arten, Sammlungen und Fachliteratur kann zeigen, ob die beobachteten Merkmale tatsächlich eine bislang unbekannte Linie darstellen.

Die besondere Herausforderung der Tiefsee liegt darin, dass viele Organismen nur selten gesammelt werden. Manche Arten sind winzig und unterscheiden sich durch Details, die auf den ersten Aufnahmen kaum auffallen. Andere besitzen auffällige Körperformen, gehören aber zu Gruppen, deren Vielfalt selbst Fachleuten noch zahlreiche offene Fragen stellt. Klassische Taxonomie kann deshalb Jahre beanspruchen. Die Tiere werden präpariert, vermessen, fotografiert und gegebenenfalls genetisch untersucht. Anschließend müssen Forscher prüfen, ob vergleichbare Exemplare bereits unter einem anderen Namen beschrieben worden sind. Der aktuelle Fund setzt an diesem Engpass an. Statt Proben nacheinander an viele Arbeitsgruppen zu verteilen, wurden Spezialisten verschiedener Tiergruppen für einen konzentrierten Workshop zusammengebracht. Das verändert nicht die wissenschaftlichen Kriterien für eine Artbeschreibung, beschleunigt aber den frühen Schritt, besonders aussichtsreiche neue Arten überhaupt als solche zu erkennen.

Wie 57 bislang unbekannte Meeresarten so schnell erkannt wurden

Der Ocean Census Species Discovery Workshop brachte 20 Taxonomen und Nachwuchsforscher aus Lateinamerika und Europa zusammen. Die Arbeit fand im Juli 2026 in Buenos Aires statt. Innerhalb von zwei Wochen ordnete das Team einen großen Teil der während der Expedition gesammelten Tiere ein und registrierte 57 mutmaßlich neue Arten sowie fünf neue Gattungen. Unter den Funden befinden sich 20 Ruderfußkrebse, 22 Stachelhäuter wie Seegurken und Haarsterne, 14 Nesseltiere wie Korallen und Seefedern sowie ein weiterer Fund aus einer anderen Tiergruppe. Die Zahl 57 beschreibt damit nicht 57 spontan im Workshop entdeckte lebende Tiere. Die Exemplare waren bereits während der Expedition gesammelt worden. Neu ist die taxonomische Auswertung, die ihre Unterschiede zu bekannten Arten systematisch sichtbar machte.

Warum eine hornartige Seegurke besonders auffällt

Einer der aufmerksamkeitsstärksten Funde gehört zur Gattung Peniagone. Wegen hornartig wirkender Fortsätze erhielt das Tier während der Arbeit den Spitznamen Loki. Dieser Name ist noch keine formale wissenschaftliche Artbezeichnung. Die Unterscheidung ist wichtig, weil populäre Spitznamen schneller entstehen können als eine taxonomisch gültige Beschreibung. Seegurken gehören zu den Stachelhäutern und sind damit entfernt mit Seesternen verwandt. Viele Tiefseevertreter sehen erheblich anders aus als die gedrungenen Formen, die aus flacherem Wasser bekannt sind. Dünne Körperwände, auffällige Anhänge und ungewöhnliche Fortbewegungsweisen können Anpassungen an den tiefen Lebensraum sein. Aus dem spektakulären Aussehen allein lässt sich jedoch nicht ableiten, wofür jede Struktur dient. Anatomie, Verhalten und Verwandtschaft müssen getrennt untersucht werden. Gerade deshalb bleibt das konservierte Exemplar wissenschaftlich wichtiger als sein virales Kamerabild.

Was fünf neue Gattungen zusätzlich bedeuten

Eine neue Art gehört normalerweise zu einer bereits bekannten Gattung, wenn ihre Merkmale ausreichend gut in deren definierte Gruppe passen. Eine neue Gattung geht einen Schritt weiter. Sie bedeutet, dass die Kombination der beobachteten Merkmale nach der taxonomischen Auswertung nicht sinnvoll in die bestehenden Gattungen eingeordnet werden kann. Die Auswertung des Schmidt Ocean Institute nennt neue Gattungen unter anderem bei Korallen, Seegurken und Krebstieren. Damit betrifft die Entdeckung nicht nur feinste Unterschiede zwischen nahen Verwandten. Einige Funde erweitern offenbar auch die bekannte Gliederung ganzer Tiergruppen. Trotzdem bleiben diese Einordnungen wissenschaftlich überprüfbar. Eine spätere detaillierte Analyse kann Verwandtschaftsverhältnisse präzisieren oder bestehende Gattungsgrenzen verändern. Taxonomie ist deshalb keine einmalige Etikettierung, sondern eine fortlaufende Rekonstruktion biologischer Vielfalt.

Wie Bilder und Genetik gemeinsam neue Arten abgrenzen

Die moderne Artbestimmung kombiniert häufig klassische Morphologie mit molekularen Daten. Körperform, Stacheln, Mundwerkzeuge und mikroskopische Strukturen liefern sichtbare Merkmale. DNA-Sequenzen ermöglichen einen zusätzlichen Vergleich. Stimmen beide Ebenen überein, stärkt das die Abgrenzung. Widersprechen sie sich, entsteht eine neue Frage. Zwei Tiere können äußerlich fast identisch wirken und genetisch stark getrennte Linien darstellen. Umgekehrt können auffällige Unterschiede innerhalb derselben Art vorkommen, etwa zwischen Geschlechtern oder Entwicklungsstadien. Die Beschleunigung durch einen gemeinsamen Workshop beseitigt diese Probleme nicht. Sie verkürzt vor allem Kommunikations- und Vergleichswege. Spezialisten können ein verdächtiges Exemplar unmittelbar gemeinsam bewerten, statt es über Monate zwischen Sammlungen und Instituten weiterzureichen. Für die endgültige Veröffentlichung bleiben ausführliche Diagnosen, Typusexemplare und formale Namen nötig.

Warum eine virale Expedition wissenschaftlich trotzdem Jahre weiterwirkt

Die Expedition von 2025 war ungewöhnlich öffentlich. Livestreams zeigten die Tiefsee nahezu in Echtzeit und machten einzelne Tiere bereits während der Tauchgänge bekannt. Wissenschaftliche Ergebnisse folgen jedoch in einem anderen Rhythmus. Der Moment der Kamerabeobachtung, die Bergung eines Exemplars, die erste taxonomische Zuordnung und die formale Beschreibung können Monate oder Jahre auseinanderliegen. Das erklärt, warum dieselbe Expedition mehrfach neue Nachrichten hervorbringen kann, ohne dass dieselbe Entdeckung bloß wiederholt wird. Ein spektakuläres Bild dokumentiert das Tier an seinem Lebensort. Eine spätere Artbeschreibung beantwortet dagegen Fragen nach Anatomie, Verwandtschaft und eindeutigen Erkennungsmerkmalen. Für die Forschung sind beide Informationen wertvoll. Gerade bei empfindlichen Tiefseetieren kann die Videoaufnahme sogar Merkmale des lebenden Körpers bewahren, die nach der Konservierung weniger deutlich erkennbar sind.

Was die Zahl 57 noch nicht über die Tiefsee verrät

Aus 57 neuen Arten lässt sich nicht berechnen, wie viele unentdeckte Arten insgesamt im Mar-del-Plata-Canyon leben. Die Proben stammen aus bestimmten Tauchgängen, Tiefen und Lebensräumen. Andere Jahreszeiten, Sedimente oder bislang nicht besuchte Abschnitte könnten weitere Gemeinschaften enthalten. Auch die Häufigkeit einzelner Arten ist aus dem Nachweis nicht automatisch bekannt. Ein selten gesammeltes Tier kann tatsächlich selten sein oder nur schwer mit der verwendeten Methode zu erfassen. Für ökologische Aussagen werden deshalb wiederholte Beobachtungen benötigt. Der unmittelbare Befund bleibt trotzdem außergewöhnlich: Eine einzige Expeditionssammlung enthielt genügend bislang unbekannte Vielfalt, um binnen zwei Wochen Dutzende neue Arten und mehrere neue Gattungen abzugrenzen. Die Tiefsee erscheint damit nicht nur als schwer zugänglicher Lebensraum, sondern als weiterhin unvollständig erfasstes biologisches Archiv.

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