Zwei rund 160 Millionen Jahre alte Fossilien aus Wyoming gehören zu einer neu beschriebenen Art, deren Körperstütze ungewöhnlich kurz und massig gebaut war. Das Rostrum von Wyoteuthis linsterorum erreicht vorne etwa 60 Millimeter Durchmesser und ist damit breiter als bei allen bislang beschriebenen Belemniten. Computertomographie und Formmerkmale ordnen das Tier einer Linie zu, die im späten Jura fast verschwunden war. Offen bleibt, warum ausgerechnet dieser gedrungene Vertreter so selten im damaligen Meer auftauchte.
Die beiden Fossilien stammen aus dem Redwater Shale Member der Sundance Formation im US-Bundesstaat Wyoming. Paläontologen um Alexey Ippolitov, Jessica Lippincott, William Wahl und Dean Lomax beschreiben die neue Art in Papers in Palaeontology. Erhalten blieb vor allem das Rostrum, ein massiver innerer Hartteil des Tieres, der bei Belemniten hinter dem gekammerten Phragmokon lag. Schon beim ersten Blick fällt auf, wie stark die Form von den oft langen, schlanken und geschossähnlichen Fossilien abweicht, die viele Sammler mit Belemniten verbinden.
Der Holotyp gelangte durch die Familie Linster in die Wissenschaft und gab der neuen Art ihren Namen. Co-Autor Dean Lomax kannte Cliff und Sandy Linster persönlich und hatte bereits als Jugendlicher mit ihnen Fossilien ausgegraben. Solche menschlichen Wege spielen bei paläontologischen Funden häufig eine wichtige Rolle, weil auffällige Stücke zunächst von Sammlern entdeckt, aufbewahrt und später für wissenschaftliche Untersuchungen zugänglich gemacht werden. Beide bekannten Exemplare werden heute im Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis verwahrt.
Besonders markant ist der Querschnitt des Rostrums. Im vorderen Bereich erreicht er ungefähr 60 Millimeter, während das Fossil insgesamt eher kurz und tonnenförmig wirkt. Die Autoren bezeichnen Wyoteuthis linsterorum deshalb als einen der gedrungensten bekannten Belemniten. Der Hinterabschnitt endet stumpf, die Spitze sitzt leicht zur Bauchseite versetzt, und feine Riefen sowie grubenartige Vertiefungen liefern zusätzliche Merkmale für die taxonomische Einordnung.
Die Form ist für das späte Jura ungewöhnlich. Viele andere Belemniten jener Zeit besaßen deutlich länglichere Rostren, die im Gestein wie schmale Geschosse erscheinen. Ein direkter Vergleich mit heutigen Kalmaren ist nur eingeschränkt möglich, weil Belemniten eine ausgestorbene Gruppe der Kopffüßer darstellen und ihre Weichteile nur selten erhalten bleiben. Wie vielseitig moderne Kalmare biologisch sind, zeigt ein aktueller Befund zur RNA-Bearbeitung bei Kalmaren, der die enorme Anpassungsfähigkeit lebender Kopffüßer sichtbar macht.
Für die Einordnung verließen sich die Paläontologen nicht allein auf die Außenform. CT- und Mikro-CT-Aufnahmen machten den inneren Aufbau sichtbar, ohne die seltenen Fossilien zu beschädigen. Dabei untersuchte das Team unter anderem die Lage der Alveole, den Winkel der inneren Struktur und den Verlauf charakteristischer Rillen. Beim Paratyp ist die Alveole vollständig mit Sediment gefüllt, während die Oberfläche stellenweise noch Spuren leichter Erosion vor der endgültigen Einbettung trägt.
Die Kombination dieser Merkmale spricht für die Familie Megateuthididae. Diese Belemniten waren vor allem im frühen und mittleren Jura verbreitet, verschwanden später jedoch weitgehend aus den Fossilabfolgen. Wyoteuthis tritt deshalb in einer Zeit auf, in der diese Linie bereits nur noch durch wenige, weit voneinander getrennte Funde belegt ist. Die Autoren interpretieren die neue Gattung als seltenen Überlebenden eines älteren Zweigs, der im nordöstlichen Pazifik offenbar länger existierte als bislang sichtbar war.
Zeitlich gehören die Fundschichten zum Oxfordium des späten Jura und sind ungefähr 160 Millionen Jahre alt. Damals bedeckte das Sundance Sea große Teile des heutigen westlichen Nordamerikas. In diesem flachen Meer lebten zahlreiche Kopffüßer, Fische und Meeresreptilien, deren Überreste heute in Sedimentgesteinen Wyomings erhalten sind. Gerade deshalb fällt auf, dass von Wyoteuthis linsterorum bisher lediglich zwei Exemplare bekannt sind.
Eine mögliche Erklärung ist eine enge ökologische Spezialisierung. Das Tier könnte bestimmte Lebensräume oder Nahrungsquellen bevorzugt haben und deshalb in den untersuchten Ablagerungen nur selten aufgetreten sein. Die Autoren diskutieren auch, dass ein solcher Belemnit häufiger weiter draußen am offenen Schelf gelebt haben könnte und nur gelegentlich in den Bereich gelangte, in dem die Redwater-Shale-Sedimente entstanden. Solange weitere Funde fehlen, bleibt diese Frage offen und lässt sich nicht allein aus der auffälligen Form beantworten.
Für die Evolutionsgeschichte der Belemniten ist der Fund wichtiger als seine bloße Dicke. Die Megateuthididae hatten ihre große Verbreitung lange vor der Ablagerung der Redwater Shale, während später andere Familien zunahmen. Wyoteuthis verschiebt deshalb das Bild dieser Ablösung und zeigt, dass einzelne Reliktpopulationen länger überdauerten. Wahrscheinlich steht die neue Gattung einer nordamerikanischen Form namens Brevibelus nahe, die aus älteren jurassischen Schichten bekannt ist.
Ein ähnlich grundlegendes Problem kennen Paläontologen bei anderen fossilen Kopffüßern: Weichteile verschwinden meist, während harte Strukturen das Bild der Tiere dominieren. Ein besonders außergewöhnlicher Fall ist ein 99 Millionen Jahre alter Ammonit in Bernstein, bei dem ein sonst marines Tier in einem völlig anderen Konservierungsmilieu erhalten blieb. Auch bei Wyoteuthis entscheidet das, was fossilisiert ist, darüber, welche Fragen sich überhaupt zuverlässig beantworten lassen.
Die massige Form lädt zu einer naheliegenden Vorstellung ein: Ein besonders dickes Rostrum müsse zu einem besonders großen Tier gehört haben. Genau davor warnen die Autoren. Zwischen Rostrumgröße und Weichteilkörper besteht bei Belemniten keine einfache feste Beziehung, und aus dem erhaltenen Hartteil lässt sich weder eine außergewöhnliche Gesamtlänge noch eine Stellung als Spitzenräuber ableiten. Das Fossil belegt in erster Linie einen ungewöhnlichen Körperbau des Rostrums, nicht automatisch einen riesigen Kalmar.
Andere fossile Kopffüßer zeigen, wie vorsichtig solche Rückrechnungen behandelt werden müssen. Bei vermeintlichen Riesenoktopussen der Kreidezeit beruhen Größenangaben beispielsweise auf erhaltenen Schnäbeln und Vergleichswerten lebender Arten, wodurch erhebliche Unsicherheiten entstehen. Bei Wyoteuthis ist die Aussage deshalb enger: Das Rostrum ist außergewöhnlich breit, die tatsächliche Körpergröße des Tieres bleibt offen.
Heute liegen beide bekannten Stücke im Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis. Dort bleibt auch der Kontrast sichtbar, der die neue Art wissenschaftlich auffällig machte: ein gedrungener, stumpfer Hartteil neben den sonst viel schlankeren Belemnitenformen aus vergleichbaren Schichten. Für weitere Aussagen über Lebensweise, Verbreitung und Körpergröße braucht es neue Exemplare, idealerweise mit zusätzlichen Strukturen oder besser erhaltenen Übergängen zum übrigen Skelett.
Bis dahin bleibt das Bild auf zwei Fossilien begrenzt. Ihr schwer wirkendes, fast tonnenförmiges Rostrum macht Wyoteuthis linsterorum sofort erkennbar, während gerade die fehlenden Weichteile den wichtigsten Teil des Tieres im Dunkeln lassen. Was heute im Museum als kompakter Stein mit Rillen, Brüchen und stumpfer Spitze liegt, ist damit zugleich ein sehr konkreter Fund und ein noch unvollständiger Blick auf einen seltenen Bewohner des Jurameeres.
Papers in Palaeontology, ‘The big chunky belemnite’: a new relict megateuthidid from the Oxfordian (Late Jurassic) of Wyoming, USA, and its place in the evolutionary history of the group; doi:10.1002/spp2.70123
University of Manchester, “Peculiar” new species of Jurassic squid found in Wyoming
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