Das Vera C. Rubin Observatory hat jenseits von Pluto den Zwergplanet-Kandidaten 2026 ED138 identifiziert, dessen Durchmesser derzeit auf 600 bis 1500 Kilometer geschätzt wird. Rund 46 Astronomische Einheiten trennen den eisigen Himmelskörper von der Sonne, womit er deutlich außerhalb der Neptunbahn kreist. Seine Helligkeit und Entfernung machen ihn zu einem der größten bislang bekannten Kandidaten in dieser fernen Region des Sonnensystems. Ob aus dem Lichtpunkt tatsächlich ein offiziell anerkannter Zwergplanet wird, entscheidet sich erst mit weiteren Messungen.
Matthew Holman vom Center for Astrophysics Harvard & Smithsonian stieß auf 2026 ED138, als er Beobachtungsdaten des Rubin-Observatoriums mit einer gemeinsam mit Kevin Napier entwickelten Suchsoftware auswertete. Das Programm durchsucht Milliarden registrierter Lichtpunkte nach Bewegungsmustern, die zu ein und demselben Objekt gehören. Holman fiel dabei ein besonders heller, weit entfernter Punkt auf, dessen Eigenschaften auf einen ungewöhnlich großen Körper schließen ließen. Die Originalmeldung des Vera C. Rubin Observatory beschreibt, wie anschließend weitere Aufnahmen gesucht wurden, um die Bahn zu bestätigen.
Die ersten Rubin-Daten zu dem Objekt stammen aus einem Zeitraum vom 4. März bis 11. Juli 2026. Später fanden die Astronomen 2026 ED138 auch in älteren Archivbildern anderer Himmelsdurchmusterungen, die bis 2016 zurückreichen. Dadurch ließ sich seine Bahn über mehr als zehn Jahre verfolgen, obwohl niemand auf den alten Aufnahmen gezielt nach diesem Körper gesucht hatte. Gerade diese rückwirkende Spur macht aus einem neuen Lichtpunkt ein Objekt mit einer deutlich besser bestimmbaren Umlaufbahn.
Direkt vermessen können Astronomen den Durchmesser von 2026 ED138 bislang nicht, weil selbst das Rubin-Observatorium den fernen Körper nur als Lichtpunkt erfasst. Seine Größe wird deshalb aus der beobachteten Helligkeit, der Entfernung und einer angenommenen Oberflächenreflexion, der Albedo, abgeleitet. Je nachdem, wie viel Sonnenlicht die Oberfläche zurückwirft, reicht die gegenwärtige Schätzung von ungefähr 600 bis 1500 Kilometern. Zum Vergleich gehört Hygiea mit rund 430 Kilometern Durchmesser zu den kleinsten Körpern, die wegen ihrer annähernd runden Form als Zwergplanet gelten.
Bei eisigen Objekten dieser Größenordnung reicht die eigene Schwerkraft nach heutiger Einschätzung aus, um das Material langfristig in eine annähernd runde Form zu ziehen. Genau diese Form ist für die Einordnung wichtig, denn ein Zwergplanet muss genügend Masse besitzen, um durch seine Eigengravitation ein hydrostatisches Gleichgewicht zu erreichen. 2026 ED138 erfüllt dieses Kriterium wahrscheinlich, doch seine tatsächliche Form ist bislang nicht direkt abgebildet. Der Begriff Zwergplanet-Kandidat beschreibt deshalb den aktuellen Wissensstand genauer als eine endgültige Einstufung.
Dass ein derart großer Körper erst jetzt auffällt, liegt vor allem an seinem Standort am Himmel. 2026 ED138 befindet sich aus Sicht der Erde nahe der Ebene der Milchstraße, wo dicht gedrängte Sterne und zahlreiche andere Lichtquellen jede automatische Suche erschweren. Auf einzelnen Bildern verschwindet der schwache Punkt förmlich im Sternenfeld. Erst die wiederholten Aufnahmen des Vera C. Rubin Observatory und die Software, die kleinste Positionsänderungen zwischen vielen Beobachtungen zusammenführt, trennten seine Bewegung vom scheinbar unbewegten Hintergrund.
Rubin fotografiert den Südhimmel immer wieder mit einer 3,2-Gigapixel-Kamera und erzeugt dadurch eine Folge von Momentaufnahmen, in denen sich bewegte Objekte verraten. Für Astronomen ähnelt die Suche weniger einem einzelnen spektakulären Foto als einem riesigen Daumenkino: Ein schwacher Punkt steht Nacht für Nacht an einer leicht anderen Stelle. Holmans Software verknüpft solche Spuren, prüft ihre Bewegung und sucht anschließend gezielt in älteren Datensätzen nach passenden Positionen. Das leise Klicken einer Rechnermaus ersetzt dabei die klassische Entdeckung am Okular, während der eigentliche Fund aus Milliarden Datenpunkten herausgeschält wird.
Zurzeit befindet sich 2026 ED138 etwa 46 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt. Eine Astronomische Einheit entspricht dem mittleren Abstand zwischen Erde und Sonne, sodass das Sonnenlicht den Kandidaten aus einer Entfernung erreicht, die rund 46-mal größer ist als bei der Erde. Pluto zieht im Mittel in etwa 40 Astronomischen Einheiten um die Sonne und liegt damit näher. Wie empfindlich selbst Pluto auf seine große Entfernung reagiert, zeigen Messungen, nach denen sein Atmosphärendruck zuletzt um 16 Prozent sank.
Mit seiner Lage außerhalb der Neptunbahn gehört 2026 ED138 zu den transneptunischen Objekten, kurz TNOs, die einen wichtigen Teil des Kuipergürtels und seiner Umgebung bilden. Solche Körper bewahren Material aus der frühen Entstehungsphase des Sonnensystems und tragen deshalb Informationen über die Wanderung der großen Planeten. Ihre heutigen Bahnen sind gewissermaßen die eingefrorenen Spuren früherer Begegnungen mit Neptun und anderen massereichen Körpern. Größe, Zusammensetzung und Bahn eines neuen TNO helfen daher, die dynamische Geschichte des äußeren Sonnensystems Stück für Stück zu rekonstruieren.
Die Bahn von 2026 ED138 ist fast 25 Grad gegen die Hauptebene des Sonnensystems geneigt. Astronomen ordnen den Körper deshalb den sogenannten heißen klassischen TNOs zu, deren Bahnen stärker geneigt oder exzentrisch sind als die der dynamisch ruhigeren kalten Population. Diese Bahnklasse deutet darauf hin, dass 2026 ED138 nicht immer genau dort kreiste, wo er heute beobachtet wird. Gravitationswechselwirkungen mit Neptun können solche Objekte aus ihren ursprünglichen Bahnen herausheben und in deutlich geneigte Umlaufbahnen versetzen.
Für die Planetenforschung ist dieser Unterschied mehr als eine technische Klassifizierung. Wenn viele Körper ähnliche Bahnneigungen, Größen und Oberflächeneigenschaften zeigen, lassen sich daraus Modelle testen, nach denen Neptun in der Frühzeit des Sonnensystems seinen Abstand zur Sonne veränderte. Kleine eisige Welten wurden dabei gestreut, eingefangen oder auf neue Bahnen gelenkt. 2026 ED138 erweitert nun gerade die Gruppe der großen Objekte, bei denen solche dynamischen Spuren besonders interessant sind.
Für eine endgültige Einstufung braucht es vor allem bessere Angaben zu Durchmesser und Oberfläche. Infrarotmessungen können die Wärmestrahlung des Körpers erfassen und damit die Größe deutlich enger eingrenzen, weil Helligkeit allein immer von der unbekannten Albedo abhängt. Ein kleiner, stark reflektierender Körper kann im sichtbaren Licht ähnlich hell erscheinen wie ein größerer, dunkler Körper. Genau deshalb umfasst die aktuelle Spannweite noch 900 Kilometer zwischen der kleinsten und der größten Schätzung.
Bestätigt sich eine runde Form bei entsprechender Größe, würde 2026 ED138 zu einer kleinen Gruppe großer Welten jenseits von Neptun gehören. Die Internationale Astronomische Union erkennt derzeit fünf Zwergplaneten offiziell an: Ceres, Pluto, Eris, Haumea und Makemake. Neue Kandidaten erweitern diese Liste nicht automatisch, weil eine formale Klassifizierung belastbare Beobachtungen und eine eindeutige Einordnung voraussetzt. Für 2026 ED138 beginnt deshalb nach der Entdeckung die langsamere Phase genauer Nachmessungen.
Rubin dürfte dabei noch viele weitere Spuren liefern. Schon vor dem regulären Langzeitprogramm meldete das Team Beobachtungen von mehr als 11.000 neuen Asteroiden, darunter ungefähr 380 transneptunische Objekte. Das Observatorium soll den südlichen Himmel über Jahre immer wieder erfassen und damit gerade jene schwachen Körper finden, die zwischen Sternen, Galaxien und Bildrauschen bislang untergingen. Beim nächsten Blick auf 2026 ED138 bleibt also derselbe winzige Lichtpunkt im überfüllten Sternenfeld, doch seine vermessene Bahn reicht inzwischen über mehr als ein Jahrzehnt zurück.
NSF–DOE Vera C. Rubin Observatory, NSF–DOE Vera C. Rubin Observatory Reveals Its First Dwarf Planet Candidate in Our Solar System
University of Washington, Rubin Observatory reveals its first dwarf planet candidate in our solar system
Mit KI-Unterstützung erstellt
Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.