Kosmische Fundstücke

Zwei Steine aus der Sahara stammen womöglich vom sonnennächsten Planeten

 Dennis Lenz

Zwei Steine aus der Sahara stammen womöglich vom sonnennächsten Planeten
(Symbolbild) Zwei im Jahr 2023 in der Sahara entdeckte Meteoriten passen zu keiner bekannten Meteoritengruppe und beschäftigen die Planetenforschung seit ihrer Klassifizierung. Ihre eisenarme Mineralogie ähnelt auffällig der Kruste eines Himmelskörpers, von dem bislang kein einziges bestätigtes Bruchstück auf der Erde existiert. Eine Analyse im Fachjournal Icarus wägt die Indizien und die offenen Widersprüche ab. Die endgültige Antwort könnte erst der Vergleich mit frischen Messdaten aus dem All liefern. (Foto: © Forschung und Wissen)

Zwei Meteoriten aus der Sahara geben der Planetenforschung ein seltenes Rätsel auf. Die 2023 gefundenen Steine mit den Namen Northwest Africa 15915 und Ksar Ghilane 022 passen zu keiner bekannten Meteoritengruppe, ihre Mineralogie ähnelt jedoch verblüffend der Kruste des Merkur. Sollte sich die Herkunft bestätigen, wären es die ersten identifizierten Bruchstücke des innersten Planeten, die je auf der Erde gefunden wurden. Eine Analyse im Fachjournal Icarus benennt allerdings auch gewichtige Widersprüche.

Meteoriten sind für die Wissenschaft kostenlose Boten aus dem All, denn sie liefern Material von Himmelskörpern, die keine Raumsonde je beproben konnte. Vom Mond und vom Mars liegen inzwischen hunderte bestätigte Stücke in den Sammlungen, herausgeschlagen durch Einschläge und nach langer Reise auf der Erde niedergegangen. Ausgerechnet vom Merkur fehlt dagegen jedes gesicherte Fragment. Dynamische Modellrechnungen legen nahe, dass gemessen an der Zahl der Mond- und Marsmeteoriten eigentlich rund zehn Merkur-Meteoriten existieren müssten. Der Grund für die Fehlanzeige liegt in der Physik, denn Material, das vom sonnennächsten Planeten weggeschleudert wird, muss zusätzlich gegen die gewaltige Anziehungskraft der Sonne anlaufen, um jemals die Erdbahn zu erreichen. Möglich ist das, aber deutlich schwerer als bei Mond oder Mars.

Hinzu kommt, dass der Merkur selbst kaum erforscht ist. Nur die Sonden Mariner 10 und MESSENGER haben ihn bisher besucht, und keine Mission konnte je Proben von seiner Oberfläche zurückbringen. Das Wissen über die Zusammensetzung der Merkurkruste beruht deshalb ausschließlich auf Fernerkundungsdaten aus dem Orbit. Frühere Kandidaten für einen Merkur-Meteorit fielen bei genauer Prüfung durch, darunter der Stein Northwest Africa 7325, dessen chromreiche Pyroxene schlecht zu den Messwerten passten. Genau vor diesem Hintergrund sorgen die beiden Neufunde aus Marokko und Tunesien für Aufsehen, denn sie erfüllen mehr Kriterien als alle Kandidaten zuvor und stammen nach den Analysen wahrscheinlich vom selben Mutterkörper.

Fundstücke aus der Sahara mit ungewöhnlicher Mineralogie

Beide Steine sind sogenannte Achondrite, also Bruchstücke eines Himmelskörpers, der bereits in Kruste, Mantel und Kern differenziert war. Ihre Silikate sind nahezu eisenfrei, Ksar Ghilane 022 besteht zu mehr als 90 Prozent aus einem kalziumarmen Pyroxen, dazu kommen exotische Sulfide wie Oldhamit, die auf eine extrem sauerstoffarme Entstehungsumgebung hindeuten. Genau eine solche chemisch reduzierte Umgebung leiten Forscher aus den MESSENGER-Daten auch für die Oberfläche des Merkur ab. Der Meteoritenforscher Ben Rider-Stokes von der britischen Open University, der die Untersuchung leitete, spricht deshalb von einer aufregenden Überraschung, wie die Meldung der Open University zur im Juni 2025 in Icarus erschienenen Analyse dokumentiert. Ein Merkur Meteorit in einer irdischen Sammlung wäre für die Planetologie ein Jahrhundertfund.

Ein Altersproblem von rund 500 Millionen Jahren

Dieselbe Analyse benennt jedoch auch die Schwachstellen der Hypothese. Das größte Problem ist das Alter, denn die Steine kristallisierten vor rund 4,53 Milliarden Jahren und wären damit etwa 500 Millionen Jahre älter als die heutige Merkuroberfläche, deren Alter auf rund vier Milliarden Jahre geschätzt wird. Außerdem enthalten beide Meteoriten nur Spuren des Minerals Plagioklas, während Fernerkundungsdaten für die Merkurkruste einen Anteil von über 37 Prozent nahelegen. Auch die Sauerstoffisotope ähneln eher der Meteoritengruppe der Aubrite, deren Mutterkörper unbekannt ist. Rider-Stokes betont allerdings, dass die Altersschätzungen für die Planetenoberfläche auf unsicheren Kraterzählungen beruhen und ein abschließendes Urteil derzeit schlicht nicht möglich ist. Die Steine könnten demnach auch von einem zerstörten Urkörper mit merkurähnlicher Chemie stammen.

Die Antwort könnte eine Raumsonde liefern

Neuen Schub erhält die Debatte durch die Raumfahrt, denn Ende 2026 schwenkt erstmals seit über einem Jahrzehnt wieder eine Mission in eine Umlaufbahn um den innersten Planeten ein und soll dessen Oberflächenzusammensetzung mit moderner Instrumentierung neu vermessen. Präzisere Daten zu Mineralbestand und Alter der Kruste würden den Vergleich mit den beiden Wüstenfunden auf eine völlig neue Grundlage stellen. Solange keine Probenrückführung existiert, bleiben Meteoriten ohnehin die einzigen greifbaren Zeugen ferner Welten, ähnlich wie der kuriose Fall eines Steins, der ein Hausdach durchschlug und dessen außerirdische Aminosäuren Forscher verblüfften. Jeder dieser Funde erweitert das Archiv des frühen Sonnensystems um ein Kapitel.

Warum die Suche nach solchen Steinen weitergeht

Unabhängig vom Ausgang zeigt der Fall, wie viel Information in unscheinbaren Wüstensteinen steckt. Heiße Wüsten wie die Sahara sind ideale Sammelgebiete, weil dunkle Meteoriten auf hellem Sand auffallen und die Trockenheit die Verwitterung bremst. Systematische Suchkampagnen und ein wachsender Handel bringen Jahr für Jahr neue ungewöhnliche Stücke in die Labore, deren Klassifizierung mitunter ganze Modellvorstellungen ins Wanken bringt. Wie komplex die Herkunftsgeschichten sein können, verdeutlicht auch der Asteroid Nysa, der nach neuen Beobachtungen aus drei Teilen besteht und einen eigenen Mond besitzt. Sollten die beiden Sahara-Funde eines Tages tatsächlich dem Merkur zugeordnet werden, hätte die Menschheit erstmals ein Stück des sonnennächsten Planeten in der Hand, lange bevor eine Raumsonde dort landen kann.

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