Ein Röntgenblitz aus den Tiefen des Alls hat fast zehn Minuten lang geleuchtet und damit alle bisherigen Beobachtungen dieser Art übertroffen. Astronomen führen ihn auf die Kollision zweier Neutronensterne zurück, die vor mehr als sechs Milliarden Jahren stattfand. Der begleitende Gammablitz dauerte dagegen nur eine halbe Sekunde. Was aus den beiden Sternen entstand, macht das Ereignis für die Forschung besonders interessant.
Neutronensterne gehören zu den dichtesten Objekten im Universum. Sie entstehen, wenn ein massereicher Stern am Ende seines Lebens kollabiert und eine Supernova zündet. Übrig bleibt ein Kern, der mehr Masse als die Sonne in einer Kugel von nur etwa 20 Kilometern Durchmesser vereint. Kreisen zwei solcher Objekte umeinander, verlieren sie durch die Abstrahlung von Gravitationswellen allmählich Energie, nähern sich an und verschmelzen schließlich. Bei einer solchen Kollision werden enorme Energiemengen frei, und es entstehen schwere chemische Elemente. Lange galten kurze Gammablitze als wichtigstes Lichtsignal dieser Ereignisse. Sie dauern oft weniger als zwei Sekunden und verschwinden so schnell, dass Teleskope sie nur mit Glück und sehr schneller Reaktion erfassen. Ein Röntgenblitz, der minutenlang anhält, eröffnet deshalb neue Möglichkeiten.
Entdeckt wurde das Ereignis von einem Satelliten, der genau für solche Signale gebaut wurde. Seit dem Start der chinesischen Mission Einstein Probe im Januar 2024 haben Astronomen Hunderte heller Röntgenblitze aus fernen Galaxien registriert. Diese schnellen Röntgentransienten können unterschiedliche Ursachen haben. Manche wurden bereits mit dem Tod massereicher Sterne in Verbindung gebracht, andere blieben bislang rätselhaft. Die Schwierigkeit besteht darin, dass oft weder die Entfernung der Quelle noch die freigesetzte Energie bekannt ist. Ohne diese Angaben lässt sich kaum entscheiden, ob ein kollabierender Riesenstern oder eine Sternenkollision hinter dem Blitz steckt. Bei dem nun ausgewerteten Ereignis gelang es einem internationalen Forscherteam erstmals, diese Lücke weitgehend zu schließen und den Röntgenblitz eindeutig einer Verschmelzung zuzuordnen.
Das Ereignis mit der Bezeichnung EP250704a, zugleich als Gammablitz GRB 250704B katalogisiert, trat am 4. Juli 2025 auf. Gleich drei Satelliten registrierten es, neben Einstein Probe auch die chinesisch-französische Mission SVOM und das chinesische Röntgenobservatorium Insight-HXMT. Der Gammablitz dauerte nur etwa eine halbe Sekunde, ein typischer Wert für die Kollision zweier Neutronensterne. Einstein Probe zeichnete dagegen fast zehn Minuten lang helle Röntgenstrahlung auf. Bereits wenige Stunden nach der Entdeckung verbreitete das Einstein-Probe-Team über das Netzwerk für astronomische Kurzmeldungen der NASA eine erste Mitteilung, damit Observatorien weltweit ihre Instrumente auf die Quelle richten konnten. Nach Angaben der beteiligten Forscher handelt es sich um den am längsten anhaltenden unmittelbaren Röntgenblitz, der je bei der Verschmelzung kompakter Objekte beobachtet wurde.
Entscheidend war die Geschwindigkeit der Nachbeobachtung. Die Gruppe der Astrophysikerin Eleonora Troja von der Universität Rom Tor Vergata, gefördert durch einen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats, hatte jahrelang nach einer belastbaren Verbindung zwischen schnellen Röntgentransienten und Neutronensternkollisionen gesucht. Frühere Kandidaten verblassten jedoch zu schnell, um genügend Daten zu liefern. Diesmal reagierte der Doktorand Niccolò Passaleva innerhalb weniger Minuten. Er befand sich nach eigenen Angaben gerade auf der Heimfahrt im Zug, als die Meldung eintraf, und beantragte von seinem Laptop aus Beobachtungszeit an einem der größten Teleskope der Welt. So konnten die Messungen beginnen, solange die Quelle noch hell genug für eine detaillierte Untersuchung war.
Um die Herkunft des Röntgenblitzes zu klären, setzte das Team auf das Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte in Chile sowie auf das Radioteleskop Very Large Array in den USA. Mit dem Spektrografen X-Shooter zerlegten die Forscher das Licht der Quelle in seine Bestandteile und fanden charakteristische Absorptionsmuster. Daraus ließ sich die Rotverschiebung bestimmen, ein Maß für die Entfernung. Der Wert von 0,661 bedeutet, dass das Licht mehr als sechs Milliarden Jahre unterwegs war. Die Explosion ereignete sich also lange bevor die Sonne und ihre Planeten entstanden. Mit der bekannten Entfernung konnten die Astronomen nun auch abschätzen, wie viel Energie bei dem Ereignis tatsächlich freigesetzt wurde.
Danach folgte die entscheidende Prüfung. Hätte ein kollabierender massereicher Stern den langen Röntgenblitz ausgelöst, wäre an derselben Stelle eine helle Supernova zu erwarten gewesen. Mit dem Instrument FORS2 am Very Large Telescope suchten die Forscher in tiefen Aufnahmen gezielt nach einem solchen Nachleuchten. Sie fanden keines. Zusammen mit der gemessenen Entfernung und den Eigenschaften des extrem kurzen Gammablitzes sehen die Astronomen darin einen starken Beleg dafür, dass das Ereignis aus der Verschmelzung zweier Neutronensterne stammt. Für die Forschung ist das bedeutsam, weil damit zum ersten Mal ein minutenlanger Röntgenblitz dieser Art sicher einer solchen Kollision zugeordnet werden kann, statt nur vermutet zu werden.
Die lange Dauer des Röntgenblitzes erklären die Forscher mit dem Objekt, das bei der Kollision entstanden sein dürfte. Verschmelzen zwei Neutronensterne, kann das Ergebnis sofort zu einem Schwarzen Loch kollabieren. Unter bestimmten Bedingungen bleibt jedoch zunächst ein schnell rotierender Neutronenstern mit einem gewaltigen Magnetfeld zurück, ein sogenannter Magnetar. Magnetare besitzen die stärksten Magnetfelder, die im Universum bekannt sind. Gibt ein solches Objekt seine magnetische Energie an die Umgebung ab, kann es eine Explosion heller und länger leuchten lassen, als es sonst möglich wäre. Genau dieses Verhalten passt nach Einschätzung von Eleonora Troja zu den Röntgendaten, die beim Blick auf das Ereignis sofort auffällig gewesen seien.
Auch eine unabhängige Arbeitsgruppe um den mexikanischen Astrophysiker Nissim Fraija kam in einer im Januar 2026 vorgelegten Analyse zu dem Schluss, dass ein langlebiger Magnetar die Emission antrieb. Die nun erschienene Studie von An Li, Chen-Wei Wang, Niccolò Passaleva und zahlreichen Koautoren ist in der Fachzeitschrift Science Bulletin erschienen und stützt sich auf die Daten zahlreicher Instrumente. Eine Einschränkung bleibt allerdings bestehen: Der Magnetar selbst wurde nicht direkt beobachtet, seine Existenz wird aus dem Verlauf der Strahlung erschlossen. Andere Modelle für die lange Röntgenemission lassen sich deshalb noch nicht vollständig ausschließen, auch wenn die Daten nach Ansicht der Autoren am besten zu einem neugeborenen Magnetar passen.
Der Befund eröffnet einen neuen Weg, Neutronensternkollisionen aufzuspüren. Wenn solche Verschmelzungen häufiger minutenlange Röntgenblitze erzeugen, könnten Satelliten wie Einstein Probe sie deutlich öfter erfassen als bisher über die extrem kurzen Gammablitze. Aus einer größeren Zahl solcher Ereignisse ließe sich dann ableiten, wie oft bei einer Kollision zweier Neutronensterne ein Magnetar entsteht und wie oft sofort ein Schwarzes Loch. Diese Frage berührt die Physik der Materie unter extremen Bedingungen, denn sie hängt davon ab, wie viel Masse ein Neutronenstern tragen kann, bevor er kollabiert. Jeder neue Fall liefert damit indirekt Informationen über einen Zustand der Materie, der sich in keinem Labor der Erde herstellen lässt.
Besonders große Hoffnungen setzen die Forscher auf die Kombination mit Gravitationswellen. Detektoren wie LIGO in den USA und Virgo in Italien registrieren die winzigen Verzerrungen der Raumzeit, die bei der Verschmelzung kompakter Objekte entstehen. Im Jahr 2017 gelang es erstmals, eine Neutronensternkollision sowohl über Gravitationswellen als auch über Licht zu beobachten. Niccolò Passaleva hofft, dass sich im nächsten Messlauf der Gravitationswellendetektoren ein solcher Röntgenblitz direkt mit einem passenden Gravitationswellensignal verknüpfen lässt. Dann wüssten die Astronomen nicht nur, dass zwei Neutronensterne verschmolzen sind, sondern könnten aus dem Signal auch ihre Massen bestimmen und so genauer verstehen, unter welchen Bedingungen ein Magnetar aus der Kollision hervorgeht.
Science Bulletin, Minutes-long soft X-ray prompt emission from a compact object merger; doi:10.1016/j.scib.2026.08.021