Sterngeburt im Staub

Katzenkopf im Carinanebel trägt ein leuchtendes rotes Auge

 Dennis Lenz

Katzenkopf im Carinanebel trägt ein leuchtendes rotes Auge
Die Collage zeigt den Katzenkopfnebel im Carinanebel dreifach: links im sichtbaren Licht von Hubble, in der Mitte im nahen und rechts im mittleren Infrarot von James Webb. Strahlung und Sternwinde formen die dichte Staubsäule, in der junge Sterne entstehen. Die helle Quelle am „Kopf“ gehört wahrscheinlich zu einem jungen Stern, der noch im Staub steckt. (Foto: © NASA & ESA, ESA/Webb, CC BY 4.0)

Im Carinanebel haben Hubble und James Webb eine Staubsäule aufgenommen, deren Form an eine sitzende Katze mit leuchtendem Auge erinnert. Das auffällige „Auge“ gehört wahrscheinlich zu einem jungen Stern, der noch teilweise in dichtem Staub steckt. Die beiden Teleskope sehen dieselbe Struktur in verschiedenen Wellenlängen und legen dadurch Schichten frei, die im sichtbaren Licht verborgen bleiben. Gerade dieser Vergleich zeigt, wie Strahlung und Sternwinde die bizarre Form formen und gleichzeitig langsam zerstören.

Rund 7.500 Lichtjahre von der Erde entfernt liegt im Carinanebel eine kleine, besonders markante Sternentstehungsregion, die Astronomen wegen ihrer Silhouette „Cat’s Head Nebula“ nennen. Die gemeinsame Auswertung von Hubble und James Webb zeigt eine langgezogene Staubsäule, deren dichter Kern das Licht dahinter weitgehend verschluckt. Ihr oberer Teil wirkt wie ein nach rechts gedrehter Kopf, während ein einzelner heller Punkt an der passenden Stelle den Eindruck eines Auges erzeugt. Hinter der kuriosen Form steckt ein physikalisch aktiver Schauplatz, an dem Gas verdichtet, erwärmt, ionisiert und teilweise in neue Sterne eingebaut wird.

Die Aufnahmen sind keine bloße Spielerei mit einer zufälligen Tierform, sondern ein Vergleich derselben Region in sichtbarem sowie infrarotem Licht. Hubble registriert vor allem die leuchtenden Gase und die dunkle Silhouette des Staubs, während das James-Webb-Weltraumteleskop tiefer in die Staubschichten blickt. Dadurch verändert sich das Erscheinungsbild des Katzenkopfnebels von einer fast undurchsichtigen Säule zu einem komplexen Geflecht aus Sternen, warmem Staub und feinen Filamenten. Genau diese Unterschiede verraten, welche Bestandteile vor, in und hinter der Struktur liegen.

Hubble lässt im Carinanebel eine dunkle Staubsäule hervortreten

Im sichtbaren Licht erscheint das zentrale Filament dunkelbraun und weitgehend undurchsichtig, weil seine Staubkörner einen großen Teil des dahinterliegenden Sternlichts blockieren. An der rechten Kante liegt dagegen ein heller Saum, der dort entsteht, wo energiereiche ultraviolette Strahlung benachbarter massereicher Sterne auf das Material trifft. Das Gas wird dabei ionisiert und beginnt selbst zu leuchten, während die erhitzten äußeren Schichten langsam von der Säule abgetragen werden. Dieser Kontrast zwischen dunklem Kern und heller Kante macht die Silhouette so klar erkennbar.

Das vermeintliche Auge fällt in Hubbles Darstellung rötlich auf und sitzt in einer Region, in der sich dichter Staub mit einer jungen Lichtquelle überlagert. Nach der Interpretation des Beobachtungsteams handelt es sich wahrscheinlich um einen jungen Stern, der noch teilweise in seinem Entstehungsmaterial steckt. Solche Objekte sind in frühen Entwicklungsphasen oft von Gas und Staub umgeben, aus denen sie zuvor Masse aufgenommen haben. Ein einziger heller Punkt erhält dadurch eine doppelte Bedeutung: Er erzeugt die auffällige Tierassoziation und markiert zugleich einen möglichen Ort aktiver Sternentstehung.

Carinanebel verliert Material unter ultraviolettem Licht

Die Katzenform dürfte sich über längere Zeit durch die intensive Strahlung und die Winde massereicher Sterne herausgearbeitet haben. Dünnere Bereiche des ursprünglichen Gas- und Staubkomplexes wurden schneller abgetragen, während dichteres Material der Erosion länger standhielt und als schmale Säule zurückblieb. An ihrer Oberfläche läuft Photoevaporation ab, bei der energiereiches Licht Gas erwärmt und aus der Struktur herauslöst. Der Katzenkopfnebel ist deshalb kein statisches Gebilde, sondern eine Momentaufnahme eines fortlaufenden Zerfallsprozesses.

Solche Rückkopplungen können Sternentstehung zugleich fördern und behindern. Eine Stoß- oder Strahlungsfront kann Gas lokal zusammendrücken und damit die Bildung dichter Kerne begünstigen, während dieselbe Energie an anderer Stelle Material entfernt, bevor daraus ein Stern entsteht. Wie empfindlich Sternentstehung auf die Verteilung von Gas reagiert, zeigt auch ein früherer Bericht darüber, dass Sternentstehung trotz reichlich vorhandenem Wasserstoff einbrechen kann. Im Carinanebel lässt sich dieser Wettbewerb zwischen Verdichtung und Erosion direkt an den beleuchteten Rändern und dichten Staubzonen verfolgen.

Hubble trennt im Carinanebel mehrere Gasfarben voneinander

Hubbles Farbdarstellung basiert auf mehreren Filtern, die unterschiedliche Bestandteile des Nebels hervorheben und anschließend zu einem Farbbild kombiniert werden. Dabei tragen Emissionen von Sauerstoff, Wasserstoff und Schwefel ebenso zum Ergebnis bei wie Sternlicht, das an Staub gestreut wird. Oberhalb der Säule dominieren blaue und cyanfarbene Bereiche, weiter unten wechseln die Töne über Gelb und Orange bis zu Rot. Diese Farben sind damit keine natürliche Ansicht für das menschliche Auge, sondern eine wissenschaftliche Übersetzung verschiedener Strahlungsanteile in sichtbare Farbtöne.

Gerade diese Zuordnung macht physikalische Grenzen deutlich, die in einer gewöhnlichen Aufnahme weniger auffallen würden. Wo ionisiertes Gas besonders kräftig strahlt, ist die Umgebung energiereicher; wo dichter Staub dominiert, verschwindet ein größerer Teil des sichtbaren Hintergrundlichts. Der helle Rand auf einer Seite der Säule markiert deshalb nicht einfach eine dekorative Kontur, sondern eine Zone, an der die Umgebung das Material aktiv verändert. Hubbles Wide Field Camera 3 liefert so eine Art Oberflächenkarte der Wechselwirkung zwischen Staub und Strahlung.

Webb blickt im Carinanebel tiefer durch den Staub

Im nahen Infrarot verändert sich die Szene deutlich, weil längere Wellenlängen Staub besser durchdringen als sichtbares Licht. Webb macht innerhalb und hinter dem Filament zahlreiche Sterne sichtbar, die in Hubbles Darstellung verdeckt oder stark abgeschwächt bleiben. Zusätzlich treten schwache Hintergrundgalaxien hervor, deren Licht die Milchstraße und den Carinanebel auf dem Weg zur Erde durchquert hat. Die Staubsäule verliert dabei ihren fast schwarzen Charakter und zeigt eine strukturierte Oberfläche mit feinen Dichteunterschieden.

Nahe dem Bereich, der wie der Bauch der Katze wirkt, zeichnet sich außerdem eine schwache, strahlartige Struktur ab. Das Beobachtungsteam hält einen Ausfluss eines jungen Sterns für eine mögliche Erklärung, weil solche Jets entstehen können, wenn ein entstehender Stern Material über seine Pole hinausschleudert. Das Bild allein reicht für eine sichere Zuordnung jedoch nicht aus. Genau solche kleinen Details sind für Astronomen wertvoll, weil sie mögliche Ziele für spätere Spektroskopie oder hochaufgelöste Nachbeobachtungen markieren.

Webb macht im Katzenkopfnebel warme Kohlenstoffmoleküle sichtbar

Im mittleren Infrarotlicht treten andere Bestandteile hervor als in Hubbles Aufnahme oder Webbs Nahinfrarotbild. Warmer Staub und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAH, senden dort besonders deutlich Strahlung aus, wenn sie von Sternlicht angeregt werden. Dadurch erscheinen feine Fäden, kleine Verdichtungen und bogenförmige Strukturen links der Hauptsäule klarer. Unterschiede in Farbe und Helligkeit können auf wechselnde Zusammensetzung, Strahlungsstärke und Staubemission zurückgehen und lassen sich deshalb nicht einfach als Temperaturkarte lesen.

Rechts der Säule liegt in dieser Ansicht eine weitere helle Quelle vor rötlich leuchtendem Material. Ein schmales Filament kreuzt in der Projektion die Lichtquelle; beide Strukturen können dabei in unterschiedlicher Entfernung entlang derselben Sichtlinie liegen. Solche Überlagerungen gehören zu den Schwierigkeiten bei der Interpretation dreidimensionaler Sternentstehungsgebiete aus zweidimensionalen Bildern. Zusätzliche Spektraldaten oder Bewegungsmessungen könnten zeigen, ob sich Gas und Stern gemeinsam bewegen oder nur zufällig in derselben Blickrichtung liegen.

Carinanebel liefert Hubble und Webb verschiedene nächste Ziele

Die neu kombinierten Ansichten machen aus einer auffälligen Form mehrere konkrete Untersuchungsorte: den eingebetteten Stern im Kopfbereich, den möglichen Ausfluss nahe der Mitte, den ionisierten Rand und die feinen Staubfäden neben der Säule. Beobachter können diese Stellen künftig gezielt spektroskopisch untersuchen und ihre chemische Zusammensetzung, Bewegung sowie den Entwicklungszustand der jungen Sterne vergleichen. Da die intensive Strahlung der Umgebung das Filament weiter abträgt, verändert sich auch die materielle Grenze zwischen dichtem Sternentstehungsgebiet und offenem Nebel. Gerade an dieser Grenze lässt sich verfolgen, welche dichten Kerne lange genug bestehen bleiben, um neue Sterne hervorzubringen.

NASA/ESA/CSA, Ghostly Cat’s Head Nebula Lurks Within Sight of NASA’s Hubble, Webb

ESA/Hubble, Ghostly Cat’s Head Nebula lurks within sight of Hubble and Webb

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