Robert Klatt
Die Astronomie hat womöglich bereits Belege für außerirdisches Leben entdeckt, diese aber fehlerhaft interpretiert. Eine neue Studie erklärt, wie diese falsch-negativen Ergebnisse entstehen und wie man mit ihnen umgehen sollte.
Utrecht (Niederlande). In der Milchstraße sollen laut der aktualisierten Drake-Gleichung neben der Menschheit 35 weitere intelligente Lebensformen existieren. Obwohl die Astronomie intensiv nach diesem außerirdischen Leben sucht, konnte sie bisher noch keine Beweise dafür erbringen, unter anderem deshalb, weil die Ergebnisse oft unklar sind. Wie Inge Loes ten Kate von der Utrecht University (UU) erklärt, beschäftigt sich die Wissenschaft deshalb zunehmend mit sogenannten falsch-negativen Ergebnissen, also Ergebnissen, laut denen auf einem Planeten keine Außerirdischen existieren, obwohl diese tatsächlich dort leben.
„Wir sollten uns dieser falsch-negativen Ergebnisse bewusst sein. Das bedeutet, dass es Mängel bei der Erkennung der Existenz von Leben gibt. Diese Mängel stehen bislang nicht weit oben auf der Forschungsagenda.“
Falsch-negative Ergebnisse können bei der Suche nach Außerirdischen unter anderem deshalb entstehen, weil die eingesetzten Nachweismethoden die vorhandenen Beweise nicht erfassen können oder weil es bei deren Interpretation zu Fehlern kommt. In ihrer kürzlich publizierten Studie erklären die Forscher der UU, dass deshalb eine Methode entwickelt werden muss, die dieses Risiko systematisch berücksichtigt.
Laut der Studie sollte die Forschung sich in Zukunft, aufgrund des hohen Risikos, entscheidende Belege für die Existenz von Außerirdischen zu übersehen, stärker auf klar definierte Fragen und überprüfbare Hypothesen fokussieren. Diese können dabei helfen, zu prüfen, welche Mess- und Beobachtungsmethoden am sinnvollsten sind. Zudem kann Künstliche Intelligenz (KI) dabei helfen, Muster und Zusammenhänge zu identifizieren, die Menschen bisher in den großen Datenmengen übersehen haben. Dies ermöglicht es, neue Daten in bestehende Muster einzuordnen und besser zu verstehen.
Wenn die Astronomie Hinweise auf Leben missinterpretiert, kann dies weitreichende Folgen haben, etwa die falsche Priorisierung von Forschungsgeldern und die Investition in Instrumente, mit denen wohl kein Leben auf anderen Planeten entdeckt werden kann.
„Ein vereinfachtes Beispiel: Wenn sich unter einem Stein Leben befindet und man diesen Stein nur von oben betrachtet, bleibt dieses Leben unentdeckt. Untersucht also gründlich, ob die Bedingungen für die Existenz von Lebensformen in der Umgebung vorhanden sind und ob sich Muster auf der Oberfläche eines Himmelskörpers erkennen lassen.“
Als Beispiel für eine Ursache, die ein falsch-negatives Ergebnis auslösen kann, nennen die Forscher chemische Prozesse in der Atmosphäre eines Planeten, die die Belege für dort lebende Außerirdische verschleiern. Wie man mit diesen dadurch „unsichtbaren“ Außerirdischen umgeht, ist jedoch eine äußerst komplexe wissenschaftliche Fragestellen.
„Diese Frage trifft den Kern unseres Problems, weil wir dazu neigen, nach Dingen zu suchen, die wir bereits kennen. Deshalb müssen wir sehr genau verstehen, welche Art von Leben an einem bestimmten Ort möglich ist, welche Bedingungen dafür notwendig sind und wie wir die Spuren dieses Lebens erkennen können. Und selbst dann könnten wir Dinge übersehen.“
Laut den Forschern der UU sind eisenhaltige Mineralien, die kürzlich auf dem Mars entdeckt wurden, ein womöglich weiteres falsch-negatives Ergebnis. Die Mineralien zeigen eine Art der Oxidation, die auf der Erde nur in Zusammenhang mit Leben auftritt. Dies bedeutet aber nicht, dass die Oxidation auf dem Roten Planeten zwangsweise auch durch Leben ausgelöst wurde. Es ist stattdessen auch möglich, dass die Wissenschaft bisher nicht alle dort ablaufenden Prozesse ausreichend versteht. Ob wirklich ein falsch-negatives Ergebnis vorliegt, kann also erst zweifelsfrei geklärt werden, wenn ausreichend geochemisches Wissen vorhanden ist.
Quellen:
Pressemitteilung der Utrecht University (UU)
Studie im Fachmagazin Nature Astronomy, doi: 10.1038/s41550-026-02863-0