Vakuum-Effekt

Ein Magnetar bestätigt eine 90 Jahre alte Vorhersage

 Dennis Lenz

Ein Magnetar bestätigt eine 90 Jahre alte Vorhersage
(Symbolbild) Ein Magnetar ist ein Neutronenstern mit dem stärksten bekannten Magnetfeld im Universum. In seiner Umgebung kann ein Effekt sichtbar werden, den die Quantenphysik schon vor Jahrzehnten für den scheinbar leeren Raum vorhergesagt hat. Die Beobachtung greift eine offene Frage aus den 1930er Jahren wieder auf. Sie könnte ein neues Fenster in die Physik des Vakuums öffnen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Das extreme Magnetfeld eines fernen Magnetars hat womöglich einen Effekt sichtbar gemacht, den Werner Heisenberg vor fast 90 Jahren vorhergesagt hat. Gemeint ist die sogenannte Vakuum-Doppelbrechung, bei der scheinbar leerer Raum das Verhalten von Licht verändert. Beobachtungen mehrerer Teleskope liefern nun das bislang stärkste Indiz für diesen Vorgang an einem realen Objekt. Was der Fund über den leeren Raum und die Grenzen unserer Theorien verrät, ordnet der folgende Überblick ein.

Ein Magnetar ist eine besonders seltene Form des Neutronensterns, also des extrem dichten Überrests eines massereichen Sterns nach einer Supernova. Solche Objekte packen mehr Masse als die Sonne in eine Kugel von nur rund 20 Kilometern Durchmesser und besitzen das stärkste bekannte Magnetfeld im gesamten Universum. Genau dieses Feld ist der Schlüssel zu einem Effekt der Quantenelektrodynamik, also der Theorie, die beschreibt, wie Licht und geladene Teilchen zusammenwirken. Nach dieser Theorie ist der leere Raum kein bloßes Nichts, sondern erfüllt von virtuellen Teilchen, die ständig kurz auftauchen und wieder verschwinden. Unter gewöhnlichen Bedingungen mitteln sich ihre Wirkungen zu null. In einem hinreichend starken Magnetfeld jedoch richten sie sich aus und verleihen dem Vakuum optische Eigenschaften, die es sonst nicht besitzt. Genau hier setzt die aktuelle Beobachtung an.

Die theoretische Grundlage stammt aus dem Jahr 1936, als Werner Heisenberg gemeinsam mit Hans Euler die Konsequenzen dieser Idee formulierte. Ihre Arbeit sagte voraus, dass ein ausreichend starkes Magnetfeld die virtuellen Teilchen des Vakuums ausrichtet und Licht dadurch in zwei Anteile aufspaltet, die sich mit leicht unterschiedlicher Geschwindigkeit ausbreiten. Der eine Anteil wird geringfügig schneller durchgelassen als der andere. Dieses Phänomen trägt den Namen Vakuum-Doppelbrechung. Über Jahrzehnte blieb es rein theoretisch, denn die dafür nötigen Feldstärken übersteigen alles, was sich in Laboren auf der Erde erzeugen lässt, um viele Größenordnungen. Der Nachweis erfordert ein Magnetfeld, das mehr als 100 Millionen Mal stärker ist als der stärkste je auf der Erde erzeugte Magnet. Die Natur liefert diese Bedingungen jedoch von selbst, und zwar in Gestalt der Magnetare.

Wie der Magnetar den Vakuum-Effekt verrät

Ziel der Beobachtung war der radioaktive Magnetar mit der Katalogbezeichnung 1E 1547.0-5408. Sein Magnetfeld ist etwa eine Billion Mal stärker als das der Erde, und er vollendet alle 2,1 Sekunden eine volle Umdrehung. Ein internationales Team verfolgte, wie sich das Licht dieses Objekts im Takt seiner Rotation verändert. Dabei fanden die Forschenden zwei aussagekräftige Anzeichen: Die vom Stern ausgehende Röntgenstrahlung war ungewöhnlich stark polarisiert, nämlich fast dreimal so stark wie bei vergleichbaren Quellen und deutlich stärker, als es die üblichen Modelle für die Oberfläche eines Neutronensterns erlauben. Zugleich war die Richtung dieser Polarisation eng an das Magnetfeld gekoppelt, in gleicher Weise wie die begleitenden Radiowellen. Beides zusammen lässt sich am besten durch die Vakuum-Doppelbrechung erklären, weil das starke Magnetfeld die virtuellen Teilchen des Vakuums entlang seiner Richtung ausrichtet.

Welche Teleskope die Messung möglich machten

Für den Nachweis kombinierte das Team gleich mehrere Instrumente. Die Polarisation der Röntgenstrahlung erfasste das Weltraumteleskop IXPE der NASA, unterstützt vom Röntgenteleskop NICER an Bord der Internationalen Raumstation und ergänzt durch das Radioteleskop Murriyang der australischen Forschungsorganisation CSIRO. Über mehr als 140 Beobachtungsstunden hinweg tasteten die Geräte den Magnetar ab, ergänzt durch aufwendige Modellrechnungen. Die enge Übereinstimmung zwischen der Ausrichtung der Röntgenpolarisation und dem großräumigen Magnetfeld gilt als das eigentliche Kernargument. Ähnlich grundlegende Experimente prägen derzeit die gesamte Disziplin, etwa andere aktuelle Experimente der Quantenphysik. Die Einordnung des Fundes hat die Swinburne University of Technology zusammengefasst, die vollständige Auswertung erschien in der Fachzeitschrift Nature.

Warum die Fachleute noch vorsichtig bleiben

Trotz des starken Indizes sprechen die Beteiligten bewusst von einer möglichen ersten Detektion und nicht von einem endgültigen Beweis. Um die Vakuum-Doppelbrechung sicher von anderen Vorgängen rund um den Magnetar zu unterscheiden, sind weitere Beobachtungen und verbesserte Simulationen nötig. Der nächste Prüfstein wird sein, ob sich dasselbe Muster auch bei einem anderen Objekt mit abweichender Feldgeometrie zeigt. Fällt dieser Test positiv aus, wäre die Vakuum-Doppelbrechung keine theoretische Möglichkeit mehr, sondern ein bestätigter physikalischer Effekt. Bleibt er aus, müsste die Erklärung in der Oberfläche des Sterns selbst gesucht werden. Bereits 2017 hatten Fachleute Hinweise auf den Effekt in optischen Messungen eines anderen Neutronensterns gefunden, doch blieben jene Daten für unterschiedliche Deutungen offen. Ähnlich rätselhaft wirken andere extreme Objekte am Rand des Beobachtbaren, die etablierte Modelle herausfordern.

Was der Fund für die Physik bedeuten würde

Eine Bestätigung hätte Gewicht, denn sie würde eine zentrale Vorhersage der Quantenelektrodynamik in einem Bereich prüfen, der auf der Erde bislang unerreichbar ist. Sie würde zugleich zeigen, dass der Quantenzustand des Vakuums reale astrophysikalische Vorgänge beeinflusst und dass das Licht ferner Objekte einen subtilen Abdruck des durchquerten Raums tragen kann. Damit rückt eine Idee aus den 1930er Jahren in die Reichweite moderner Messtechnik, angewandt auf die extremsten Umgebungen des Universums. Der Fall zeigt exemplarisch, wie hartnäckige offene Fragen der Grundlagenphysik über Jahrzehnte bestehen bleiben und schließlich nicht im Labor, sondern an einem kosmischen Objekt eine Antwort finden können. Sollte sich der Befund erhärten, gilt eine fast 90 Jahre alte Vorhersage als eingelöst, und die Erforschung des Vakuums unter extremen Bedingungen erhielte ein neues, belastbares Fundament.

Nature, Vacuum birefringence and the polarized X-ray emission from a radio magnetar; doi:10.1038/s41586-026-10859-z

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