Auf dem Mars hat der Rover Curiosity ein Gelände erreicht, das bis zum Horizont von sechseckigen Bruchmustern überzogen ist. Die einzelnen Waben messen nur vier bis acht Zentimeter, bedecken aber eine Fläche, wie sie die Mission in vierzehn Jahren noch nie erfasst hat. Aufgenommen wurde die Szene in einem Rundblick über 360 Grad an zwei aufeinanderfolgenden Marstagen. Welcher Prozess das Muster erzeugt hat, ist bislang offen, und genau daran hängt eine der zentralen Fragen zur feuchten Vergangenheit des Planeten.
Der Rover Curiosity bewegt sich seit August 2012 durch den Gale-Krater und arbeitet sich seit Jahren die unteren Hänge des Zentralbergs Mount Sharp hinauf. Auf dieser Route erreichte er zuletzt ein Tal, das das Missionsteam Valle Grande nennt. Dort trifft der Rover auf eine Gesteinsoberfläche, die vollständig in kleine Vielecke zerlegt ist. Fachlich heißen solche Strukturen polygonale Brüche, also Netze aus Rissen, die sich in einem Sediment bilden und dabei bevorzugt Winkel nahe 120 Grad einschließen, weil diese Geometrie die geringste Energie benötigt. Auf dem Mars sind solche Muster grundsätzlich bekannt, die Mission hat sie mehrfach in kleinen Flecken dokumentiert. Neu ist die Ausdehnung, denn im Valle Grande reicht das Netz in alle Richtungen so weit, wie die Kameras des Rovers blicken können, und zieht sich sogar um die Flanken eines nahen Tafelbergs.
Solche Rissnetze gelten in der Planetenforschung als Gedächtnis eines Sediments. Auf der Erde entstehen sie, wenn Schlamm austrocknet und schrumpft, wenn Böden über lange Zeiträume zwischen Frost und Tauwetter wechseln, wenn Ablagerungen unter dem Gewicht jüngerer Schichten kompaktiert werden oder wenn Minerale im Porenraum ihr Volumen verändern. Jeder dieser Wege hinterlässt eine eigene Signatur in Größe, Tiefe und Anordnung der Risse. Wer das Muster liest, liest damit die Bedingungen, unter denen das Gestein einst lag. Genau darin liegt der Reiz des Fundes, denn Curiosity klettert an einem Hang, dessen Schichten jene Zeit dokumentieren, in der der Gale-Krater Seen und Flüsse trug. Die Frage, ob das Wasser dort langsam verdunstete oder ob spätere Prozesse das Gestein umformten, entscheidet mit darüber, wie lange lebensfreundliche Bedingungen Bestand hatten.
Das Panorama entstand am 19. und 20. Juni 2026, an den Marstagen 4930 und 4931 der Mission. Die Aufnahme setzt sich aus Einzelbildern zu einem Rundblick über 360 Grad zusammen und zeigt eine Fläche, deren Oberfläche durchgehend in Waben zerlegt ist. Die einzelnen Felder messen etwa vier bis acht Zentimeter im Durchmesser, sind also kaum größer als eine Handfläche. Nach Angaben des Jet Propulsion Laboratory hat die Mission kleinere Flecken dieser Art schon mehrfach gesehen, aber nichts in dieser Ausdehnung, weshalb Projektwissenschaftler Ashwin Vasavada von einem Meer aus Polygonen spricht. Am Rand der Szene steht ein rund sechs Meter hoher Tafelberg mit dem Namen Miraflores, den eine dicke Sandkappe bedeckt. Auch an seinen Flanken setzt sich das Muster fort, was gegen eine rein lokale Ursache spricht.
Am besten verstanden sind Trockenrisse. Verliert eine tonreiche Schlammschicht Wasser, zieht sie sich zusammen, die Zugspannung entlädt sich in einem Netz aus Brüchen, und übrig bleibt ein Muster aus Vielecken. Wiederholt sich der Wechsel aus Vernässung und Austrocknung, greifen die Risse tiefer und werden mit Mineralen verfüllt, die aus der Lösung ausfallen. Ein zweiter Weg führt über Temperaturzyklen, denn ein stark abkühlender Untergrund schrumpft und reißt in thermischen Kontraktionsrissen, wie sie in irdischen Permafrostgebieten großflächig auftreten. Ein dritter Weg ist die Kompaktion, bei der das Gewicht überlagernder Schichten das Sediment entwässert. Wie stark Minerale ein Gestein über lange Zeiträume umbauen, zeigt sich auch an versteinertem Holz aus dem Kyffhäuser, dessen Quarzgenerationen die Bedingungen im tiefen Untergrund über 300 Millionen Jahre bewahrt haben.
Für die Astrobiologie ist die Frage nach dem auslösenden Prozess mehr als eine geologische Feinheit. Trockenrisse setzen flüssiges Wasser an der Oberfläche voraus, und zwar in einem Rhythmus aus Überflutung und Verdunstung, wie er in Flachseen und Schlammebenen herrscht. Ein solcher Wechsel gilt als günstig für jene Chemie, aus der auf der Erde erste Bausteine des Lebens hervorgingen, weil sich gelöste Moleküle beim Eintrocknen konzentrieren und zu größeren Ketten verknüpfen. Kontraktionsrisse durch Kälte sprechen dagegen für einen bereits ausgetrockneten, gefrorenen Untergrund. Curiosity hat im Gale-Krater bereits organische Moleküle nachgewiesen, deren Herkunft offen bleibt, weil sowohl biologische als auch rein geologische Prozesse sie erzeugen können. Die Frage nach Spuren fremden Lebens beschäftigt die Forschung auch weit außerhalb des Sonnensystems, etwa bei der Suche nach künstlichen Funksignalen, die inzwischen ganze Archivdatensätze durchkämmt.
Wie es weitergeht, hängt an Messungen, die der Rover derzeit vor Ort vornimmt. Er bestimmt die chemische Zusammensetzung der Rissfüllungen und erfasst zugleich Form, Tiefe und Kantenlängen der Polygone, denn beides zusammen grenzt die möglichen Entstehungswege ein. Enthalten die Füllungen Sulfate oder Chloride, deutet das auf Salzlösungen hin, die beim Eintrocknen zurückblieben. Zeigen die Risse dagegen scharfe, tief hinabreichende Kanten ohne mineralische Füllung, rückt der thermische Weg in den Vordergrund. Das von der NASA veröffentlichte Rundumpanorama aus dem Valle Grande dient dabei als Referenz für die räumliche Verteilung, weil es die Ausdehnung des Feldes bis an den Sichthorizont dokumentiert. Eine belastbare Antwort erwartet das Team erst, wenn der Rover weitere Schichten des Hangs erreicht hat.