Frühe Bildkunst

Zehn bemalte Gesichter aus Ton tauchen in Peru auf

 Dennis Lenz

Zehn bemalte Gesichter aus Ton tauchen in Peru auf
(Symbolbild) Gesichter aus Ton eröffnen einen neuen Blick auf frühe Bewohner der peruanischen Nordküste. Bei Ausgrabungen kamen ungewöhnlich gestaltete Stücke mit erhaltenen Farbresten zum Vorschein. Ihre Formen verbinden menschliche und tierische Merkmale. Der Fundort wirft Fragen nach ihrer ursprünglichen Verwendung und der Geschichte der Anlage auf. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Zehn Gesichter aus Ton sind in einem Bauwerk an Perus Nordküste entdeckt worden. Ihre erhaltene Bemalung und ungewöhnlichen Gesichtszüge werfen Fragen nach ihrer ursprünglichen Bedeutung auf. Die Stücke gehören zu Ausgrabungen, die den Anfängen der Moche-Kultur nachgehen. Besonders aufschlussreich ist dabei der Ort, an dem die Figuren schließlich landeten.

In der Huaca Santa Ana im peruanischen Chicama-Tal haben Archäologen zehn bemalte Gesichter aus Ton geborgen. Der Fund stammt aus dem Umfeld von Chaparral in der Region La Libertad. Die Gesichter verbinden menschliche mit katzenartigen Zügen. Die Archäologin Belkys Gutiérrez León erläutert im Fundbericht der staatlichen Nachrichtenagentur Andina die noch offenen Fragen nach der Verwendung der Objekte. Ihre Entdeckung ist Teil eines größeren Projekts, das mehrere Siedlungsplätze am rechten Ufer des Chicama miteinander vergleicht. Dabei geht es um die Entstehung früher Moche-Traditionen und um die Frage, wie ältere Bauweisen und Bilder in ihnen weiterlebten. Die Köpfe liefern dafür eine neue Gruppe von Gegenständen, deren Form, Material und Ablagerung gemeinsam untersucht werden müssen. Ihr ungewöhnliches Aussehen allein erklärt noch nicht, welche Rolle sie für ihre Hersteller spielten.

Der Fundplatz besteht aus deutlich mehr als einer Ansammlung einzelner Kunstobjekte. Huaca Santa Ana wurde als Tempel- und Palastanlage am Fuß des gleichnamigen Hügels errichtet. Das Bauwerk bestand vollständig aus Lehmziegeln unterschiedlicher Form und Größe. Bereits die früheren Untersuchungen der Grabungsleiter dokumentierten dort Keramikstile, die mit Salinar, Virú und der Moche-Kultur verbunden werden. Wie die Archäologen in ihrem Kongressbeitrag über Huaca Santa Ana darlegen, lassen sich an dem Ort aufeinanderfolgende Nutzungen untersuchen. Solche Baufolgen sind wichtig, weil ein monumentales Gebäude während seiner Geschichte verändert werden kann. Eine jüngere Mauer über einer älteren Fläche hält dann eine zeitliche Beziehung fest, die ein allein geborgenes Gefäß nicht erkennen lässt. Der Zusammenhang zwischen Architektur und Fundstücken macht es möglich, Veränderungen innerhalb eines Ortes zu verfolgen, statt unterschiedliche Stilformen lediglich nebeneinanderzustellen. Genau diese Verbindung ist auch für die neu geborgenen Gesichter entscheidend.

Gesichter aus Ton mit erhaltenen Farbresten

Die Stücke tragen Reste gelber, roter und schwarzer Bemalung. Zudem besitzen sie Öffnungen, die Gutiérrez León als mögliche Hinweise auf eine Befestigung deutet. Nach ihrer Arbeitshypothese könnten die Köpfe einst auf hölzernen Trägern gestanden haben und in Nischen aufgestellt gewesen sein. Erhaltene Holzhalterungen sind damit noch nicht nachgewiesen. Die Gesichter unterscheiden sich außerdem in der Gestaltung von Augen, Nasen und Ohrschmuck. Eine solche Gruppe erlaubt andere Vergleiche als ein einzelner Kopf: Wiederkehrende Formen könnten auf gemeinsame Vorstellungen oder Arbeitsweisen hinweisen, während Abweichungen die Bandbreite der Gestaltung sichtbar machen. Gerade die Kombination von plastisch ausgearbeiteten Formen und Farbe macht deutlich, dass die Wirkung dieser Objekte nicht allein von ihrem Umriss abhing. Für eine Rekonstruktion ihrer ursprünglichen Erscheinung müssten erhaltene Farbzonen, Bruchkanten und Befestigungsspuren gemeinsam berücksichtigt werden.

Die Köpfe lagen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz

Die Gesichter kamen in einer Bauverfüllung zum Vorschein. Das bedeutet, dass sie bei ihrer Entdeckung nicht mehr dort lagen, wo sie ursprünglich aufgestellt oder verwendet worden waren. Dieser Unterschied verändert die Aussage des Fundes. Eine Figur in einer ungestörten Nische kann unmittelbar mit ihrer architektonischen Umgebung verbunden werden. Ein Stück innerhalb einer Verfüllung belegt dagegen zunächst, dass es spätestens beim Einbringen dieses Materials vorhanden war. Seine Herstellung und frühere Nutzung können weiter zurückreichen. Deshalb lässt sich aus der Lage in einer Rampe allein weder ein ursprünglicher Rampenschmuck noch eine bestimmte Zeremonie ableiten. Auch eine bewusste rituelle Niederlegung wäre eigens zu begründen. Für die Archäologen sind die Figuren somit zugleich Kunstobjekte und Bestandteile einer Baugeschichte. Entscheidend werden die Beziehungen zu angrenzenden Schichten und weiteren Funden. Erst wenn diese Beziehungen geklärt sind, lässt sich genauer bestimmen, welche Episode der Nutzungsgeschichte die Köpfe tatsächlich dokumentieren und welche Schritte zwischen Herstellung, Gebrauch und Ablagerung lagen.

Bemalung und Ton verraten handwerkliche Entscheidungen

Die Herstellung farbiger Tonobjekte verlangte mehrere aufeinander abgestimmte Arbeitsschritte. Für die Moche-Keramik sind rote und cremefarbene Tone sowie weißer Kaolin als Rohstoffe bekannt. Die Töpfer bereiteten die Masse auf, formten ihre Stücke, bearbeiteten die Oberfläche und kontrollierten Trocknung und Brand. Mineralische Pigmente spielten bei der Farbgebung eine wichtige Rolle. Ebenso sind Werkzeuge aus Knochen, Formen und Stempel aus dieser Handwerkstradition überliefert. Diese Kenntnisse liefern Vergleichsmöglichkeiten für Santa Ana, legen die Herstellung der neuen Gesichter aber noch nicht im Einzelnen fest. Eine sichtbare Farbe reicht beispielsweise nicht aus, um ihren chemischen Bestandteil sicher zu benennen. Auch die Verwendung einer Form müsste an den Originalen belegt werden. Besonders interessant ist daher, welche Merkmale tatsächlich mehrfach auftreten und welche individuell ausgearbeitet wurden. Unterschiede in Material und Technik könnten später helfen, zusammengehörende Stücke zu erkennen. Die Farbreste sind dabei mehr als Dekoration: Sie bewahren Informationen über die beabsichtigte Wirkung der Gesichter, die an vollständig entfärbten Objekten verloren wären.

Menschliche und tierische Merkmale öffnen mehrere Deutungen

Gutiérrez León hält es für möglich, dass die Köpfe Gottheiten darstellten. Diese Einordnung ist eine Hypothese, die sich in die Bildkunst der Moche einfügt, aber für die einzelnen Figuren noch geprüft werden muss. In ihrer Kunst konnten Tiere und Menschen mit religiösen Vorstellungen verbunden werden. Ein plastisch wiedergegebenes Tier kann innerhalb einer gemalten Szene als menschenähnliches Wesen auftreten. Umgekehrt kann eine scheinbar ruhende Gestalt zu einem größeren zeremoniellen Ablauf gehören, der auf einem anderen Objekt ausführlicher dargestellt ist. Die Bedeutung ergibt sich deshalb häufig aus dem Vergleich mehrerer Bildzusammenhänge. Für die neuen Köpfe wäre zu untersuchen, welche Gesichtselemente in solchen Darstellungen wiederkehren. Ein menschliches Gesicht mit katzenartigen Zügen darf dabei weder automatisch als Porträt eines realen Menschen noch als sicher benannte Gottheit behandelt werden. Beide Behauptungen gingen über die bisherige Beobachtung hinaus. Die Formen eröffnen vielmehr eine konkrete Möglichkeit, das Verhältnis zwischen sichtbarer Gestalt und zugeschriebener Bedeutung an einer neu geborgenen Fundgruppe zu untersuchen.

Andere Moche-Gesichter zeigen die Grenzen einfacher Erklärungen

Aus der Moche-Kultur sind auch Gefäße bekannt, deren Körper einen menschlichen Kopf wiedergibt. Manche dieser sogenannten Porträtgefäße zeigen individuelle Gesichtsfalten, Narben oder ein beeinträchtigtes Auge. Bei einzelnen Serien scheinen dieselben Personen mehrfach dargestellt worden zu sein. Die keramischen Köpfe aus Santa Ana sind damit jedoch nicht automatisch gleichzusetzen. Schon bei den bekannten Gefäßporträts bleibt die genaue Identität der dargestellten Menschen vielfach ungeklärt. Ein wichtiger Befund betrifft ihren Grabzusammenhang: Männliche Bildnisse wurden auch bei bestatteten Frauen gefunden, und offenbar dieselbe dargestellte Person begegnet in mehreren Gräbern. Ein Kopfgefäß muss also nicht den Menschen darstellen, mit dem es begraben wurde. Dieser Vergleich zeigt, wie vorsichtig die Verbindung zwischen Bild und Fundort gezogen werden muss. Gesichtszüge können sehr unmittelbar wirken und dennoch Teil eines religiösen, sozialen oder politischen Zusammenhangs sein. Für Santa Ana kommt hinzu, dass die neue Gruppe aus einer Verfüllung stammt. Ihre früheren Besitzer und der ursprüngliche Aufstellungsort lassen sich daraus bislang nicht bestimmen.

Drei Fundplätze sollen die Entwicklung des Tales erklären

Die Ausgrabungen beziehen neben Santa Ana auch Garrapón und Licapa II ein. Damit erhält die Untersuchung eine zeitliche und räumliche Vergleichsebene. In Garrapón wurde eine ungefähr fünf Meter mächtige Schichtenfolge mit acht unterschiedenen Lagen dokumentiert. Sie enthält verschiedene Bau- und Umbauphasen. Licapa II liefert dagegen wichtige Befunde zu späteren Abschnitten der Moche-Entwicklung. An diesen Orten lässt sich verfolgen, wie monumentale Architektur und Siedlungsorganisation über längere Zeit verändert wurden. Die Forscher prüfen außerdem, ob die Anordnung der Plätze mit einer zunehmenden politischen Organisation des Tales und seinen Bewässerungssystemen zusammenhing. Eine solche Verbindung ist noch nicht bewiesen; dafür werden unter anderem weitere Ausgrabungen, Keramikvergleiche und Radiokarbondatierungen benötigt. Die Tongesichter bilden innerhalb dieses Projekts einen besonders anschaulichen Fund. Ihre Untersuchung könnte zeigen, welche Bildvorstellungen während früher Bauphasen präsent waren und wie diese mit älteren Traditionen zusammenhingen. Der größere historische Zusammenhang entsteht aus vielen solchen Beziehungen zwischen Gegenständen, Gebäuden und Landschaft, nicht aus einem einzelnen ungewöhnlichen Objekt.

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