Frauengrab

Warum sind alle Homo naledi aus dieser Höhle weiblich?

 Dennis Lenz

(Symbolbild). Die versteinerten Zähne von Homo naledi bergen bis heute ungelöste Fragen zur frühen Menschheitsgeschichte. Eine neue Proteinanalyse liefert ein überraschendes Muster, das die Deutung der berühmten Fundkammer verändern könnte. Der Befund berührt zentrale Fragen zu Verwandtschaft, Verhalten und möglichen Bestattungsformen unserer ausgestorbenen Verwandten. (Foto: © Forschung und Wissen)

Tief im südafrikanischen Rising-Star-Höhlensystem liegen die Knochen von mindestens 20 Frühmenschen der Art Homo naledi, und eine neue Analyse ihres Zahnschmelzes liefert nun ein verblüffendes Ergebnis. In den rund 300 000 Jahre alten Zähnen fehlt durchgängig ein bestimmter molekularer Marker, der sonst ein klares Signal liefert. Das Resultat wirft ein völlig neues Licht auf die rätselhafte Fundkammer und ihre möglichen Bestattungsformen. Zugleich zeigt die Methode, wie weit die Paläoproteomik den Blick in die Menschheitsgeschichte inzwischen öffnet.

Kaum eine ausgestorbene Verwandtenart des Menschen gibt der Forschung so viele Rätsel auf wie Homo naledi. Seit der Entdeckung im Jahr 2013 haben Wissenschaftler in einem schwer zugänglichen Kammersystem der Rising-Star-Höhle in der südafrikanischen Fundlandschaft Cradle of Humankind mehr als tausend Knochenfragmente von rund zwei Dutzend Individuen geborgen. Der Frühmensch lebte vor etwa 300 000 Jahren, besaß ein Gehirn von ungefähr der Größe einer Orange, war etwa 1,50 Meter groß und bewegte sich aufrecht, kombinierte also altertümliche und moderne Körpermerkmale in ungewöhnlicher Weise. Besonders umstritten ist bis heute, wie die Toten überhaupt in die tiefen, engen Kammern gelangten. Eine viel diskutierte Hypothese deutet die Fundlage als absichtliche Ablage der Verstorbenen, während andere Fachleute natürliche Transportvorgänge für wahrscheinlicher halten. Diese Deutungsfrage prägt die gesamte Debatte um die kognitiven Fähigkeiten des kleinhirnigen Frühmenschen und um den Beginn symbolischen Verhaltens.

Neuen Auftrieb erhält die Diskussion durch die Paläoproteomik, ein junges Fachgebiet, das nicht das rasch zerfallende Erbgut, sondern deutlich stabilere Eiweißmoleküle aus Fossilien untersucht. Proteine überdauern unter günstigen Bedingungen weit länger als DNA und lassen sich selbst dann noch nachweisen, wenn genetisches Material längst vollständig abgebaut ist. Besonders der Zahnschmelz gilt als ideales Archiv, weil er als härteste Substanz des Körpers chemische Signaturen über Hunderttausende Jahre konservieren kann. Ein Schlüsselmolekül ist dabei Amelogenin, ein Eiweiß, das in zwei geschlechtsspezifischen Varianten vorkommt und dessen Nachweis Rückschlüsse auf das biologische Geschlecht erlaubt. Da für die Analyse nur winzige Mengen nötig sind, bleibt das Verfahren minimalinvasiv und schont die seltenen Originalfunde. Genau diese Technik haben Forscher nun erstmals systematisch auf Homo naledi angewendet.

Kein einziger männlicher Marker im Zahnschmelz

Für die aktuelle Untersuchung analysierte ein internationales Team 23 Zähne von mindestens 20 Individuen und suchte gezielt nach Amelogenin-Y, jener Eiweißvariante, die ausschließlich auf dem männlichen Y-Chromosom kodiert wird. In keiner einzigen Probe ließ sich dieser männliche Marker nachweisen. Von den 20 Individuen ordnete das Team 19 mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent dem weiblichen Geschlecht zu, das zwanzigste mit einer Wahrscheinlichkeit zwischen 50 und 95 Prozent. Die im Fachjournal Cell veröffentlichten Ergebnisse, an denen unter Leitung der Molekularwissenschaftlerin Palesa Madupe und des Paläoproteomikers Enrico Cappellini von der Universität Kopenhagen zahlreiche Institutionen mitwirkten, beschreiben damit erstmals ein rein weibliches Kollektiv einer Frühmenschenart. Auch Fachleute der an der Auswertung beteiligten Max-Planck-Gesellschaft verweisen auf die Tragweite dieses Musters, das in vergleichbaren Analysen anderer Homo-Populationen bislang nie dokumentiert wurde.

Ein rein weibliches Kollektiv als neues Rätsel

Der Befund verschärft die ohnehin lebhafte Debatte um die Fundkammer. Ein einheitliches Geschlecht könnte erklären, warum die Skelette anatomisch erstaunlich wenig voneinander abweichen, denn geschlechtsbedingte Größen- und Formunterschiede fielen dann weitgehend weg. Zugleich stellt sich eine Frage, die das Team offen benennt: Unter den untersuchten Individuen befinden sich auch Kinder im Kleinkindalter, und selbst deren Zahnschmelz trug ausschließlich die weibliche Amelogenin-Variante. Hätte eine Gruppe hier gemeinsam Zuflucht gesucht oder wären die Toten absichtlich niedergelegt worden, wäre männlicher Nachwuchs zu erwarten gewesen. Wo aber sind die männlichen Säuglinge? Diese Lücke lässt sich nur schwer mit einem zufälligen Sterbeort vereinbaren und verlangt nach einer gezielten Erklärung, sei es eine strenge räumliche Trennung, eine selektive Auswahl der Verstorbenen oder ein bislang unbekannter Ablagerungsprozess.

Damit gewinnt die seit Jahren geführte Auseinandersetzung um die Bestattungshypothese eine neue Dimension. Sollten die Frühmenschen ihre Toten tatsächlich gezielt in die Kammer gebracht haben, müsste eine geschlechtsspezifische Behandlung nach dem Tod bereits vor rund 300 000 Jahren praktiziert worden sein, deutlich früher als die frühesten gesicherten Nachweise beim modernen Menschen. Für die Gegenseite liefert das rein weibliche Muster hingegen kaum eine natürliche Erklärung, weshalb die als älteste bekannte Begräbnisstätte diskutierte Fundlage weiter kontrovers bleibt. Auch die Möglichkeit, dass Homo naledi das Gen für den männlichen Marker schlicht fehlte, ist nicht vollständig ausgeschlossen, gilt jedoch als weniger wahrscheinlich als eine biologische Deutung des Geschlechts.

Was die Proteine über die Menschwerdung verraten

Über den Einzelfall hinaus markiert die Studie einen methodischen Fortschritt. Weil sich Proteine noch aus Fossilien gewinnen lassen, in denen keine verwertbare DNA mehr steckt, öffnet die Analyse von Amelogenin ein Fenster in Zeiträume und Regionen, die der klassischen Genetik verschlossen bleiben. Nach Einschätzung des an der University of the Witwatersrand koordinierten Rising-Star-Projekts besitzt das Verfahren das Potenzial, die Paläoanthropologie über Jahrzehnte zu prägen, weil es die Geschlechtsbestimmung fossiler Individuen ohne zerstörende Eingriffe erlaubt. Zugleich bleibt der Befund vorläufig, denn die Stichprobe stammt aus einer einzigen Kammer und muss nicht die gesamte Population abbilden. Ob die auffällige Verteilung Kultur, Zufall oder Biologie widerspiegelt, wird sich erst klären, wenn weitere Funde und unabhängige Analysen das Bild ergänzen und die widersprüchlichen Deutungen der Rising-Star-Höhle auf eine breitere Datenbasis stellen.

Cell, Proteomic analysis of dental enamel from 20 Homo naledi individuals shows no male markers; doi:10.1016/j.cell.2026.05.044

Spannend & Interessant
VGWortpixel