Mittelalterliche Handschrift

Voynich-Manuskript könnte seit 600 Jahren falsch gelesen werden

 Dennis Lenz

Voynich-Manuskript könnte seit 600 Jahren falsch gelesen werden
(Symbolbild) Das Voynich-Manuskript stellt die Forschung mit seiner unbekannten Schrift und ungewöhnlichen Bildern vor ein anhaltendes Rätsel. Eine Untersuchung richtet den Blick nun auf seine materielle Struktur. Dabei werden Spuren auf dem Pergament mit statistischen Textmustern verglichen. Die daraus entwickelte Hypothese ist von einer tatsächlichen Entschlüsselung zu unterscheiden. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Das Voynich-Manuskript ist rund 600 Jahre alt und bis heute nicht überzeugend entziffert. Eine Untersuchung lenkt den Blick auf ein Problem, das schon vor dem Übersetzen beginnen könnte. Auffällige Bildspuren und eine statistische Textanalyse ergeben gemeinsam eine ungewöhnliche Hypothese. Sie betrifft nicht einzelne Geheimzeichen, sondern die Frage, wie das Buch ursprünglich benutzt werden sollte.

Pflanzen mit ausladenden Wurzeln, kreisförmige Zeichnungen und kleine Figuren in Wasserbecken stehen neben dicht geschriebenen Zeilen. Das Voynich-Manuskript sieht an vielen Stellen wie ein sorgfältig angelegtes Wissensbuch aus. Nur lässt sich bislang nicht verlässlich sagen, welches Wissen seine Zeichen tatsächlich festhalten. Die Beinecke Library der Yale University bewahrt die Handschrift und stellt hochauflösende Digitalisate für die Forschung bereit. Ihren heutigen Namen trägt sie nach dem Buchhändler Wilfrid Voynich, der sie 1912 bei einem Jesuitenkolleg nahe Rom erwarb. Seit 1969 gehört sie zur Sammlung der Bibliothek. Die Illustrationen erlauben eine grobe Gliederung in Bereiche mit Pflanzen, Himmelsdarstellungen, Badeszenen und weiteren Motiven. Diese Ordnung beruht jedoch auf dem Sichtbaren, nicht auf einer bestätigten Übersetzung. Schon die Bezeichnung als Kräuterbuch oder medizinische Abhandlung bleibt deshalb eine Interpretation. Die Bilder liefern Anhaltspunkte, aber keinen verlässlichen Schlüssel zu den danebenstehenden Wörtern.

Bei der Suche nach einer Entschlüsselung drängt sich zunächst die Schrift auf. Welche Laute könnten die Zeichen meinen, welche Wörter wiederholen sich, und steckt überhaupt eine bekannte Sprache dahinter? Daneben gibt es eine weniger auffällige Voraussetzung: Texte werden gewöhnlich in einer bestimmten Reihenfolge gelesen. Bei einer gebundenen Handschrift wirkt diese Reihenfolge selbstverständlich, weil das Umblättern sie vorgibt. Ihre materielle Herstellung ist jedoch komplizierter. Ein gefalteter Bogen Pergament bildet ein Doppelblatt mit zwei Blättern und insgesamt vier beschreibbaren Seiten. Mehrere solcher Doppelblätter können ineinandergesteckt werden und eine Lage bilden. Werden mehrere Lagen verbunden, entsteht der Buchblock. Welche Seite beim Lesen auf welche folgt, hängt damit auch davon ab, wie die Bögen angeordnet sind. Das macht Buchbindung zu einer möglichen Informationsquelle. Selbst ohne ein einziges Wort zu verstehen, lässt sich untersuchen, welche Flächen ursprünglich auf demselben Bogen lagen und welche erst durch die heutige Anordnung nebeneinander erscheinen.

Warum das Voynich-Manuskript eine andere Lesereihenfolge gehabt haben könnte

Genau dort setzen Colin Layfield von der Universität Malta und die Handschriftenexpertin Lisa Fagin Davis an. Ihre am 10. Juli 2026 in Digital Medievalist veröffentlichte Untersuchung zur Buchstruktur wird durch die aktuelle Berichterstattung erneut aufgegriffen. Die Autoren schlagen vor, dass das Voynich-Manuskript zunächst aus einzelnen gefalteten Doppelblättern bestand, deren jeweils vier Seiten nacheinander gelesen werden sollten. Solche Einheiten bezeichnen sie als Singulions. Statt mehrere Bögen von Anfang an ineinanderzulegen, wären diese kleinen Einheiten zunächst hintereinander angeordnet gewesen. Erst später hätte jemand sie nach dem üblichen Muster zu mehrblättrigen Lagen zusammengestellt. Dadurch wären zuvor aufeinanderfolgende Seiten voneinander getrennt worden. Die Autoren vermuten diesen Eingriff bereits im 15. Jahrhundert. Auch die Vorstellung, der Buchbinder habe den Text nicht lesen können, gehört zu ihrer Erklärung, nicht zu einer überlieferten Zeugenaussage. Die Hypothese betrifft somit einen möglichen Fehler bei der Zusammenstellung des Buches. Sie behauptet nicht, dass sämtliche Zeichen durch das Umordnen plötzlich verständlich würden.

Wie ein Wasserlauf über den Buchfalz hinausführt

Eine besonders anschauliche Spur liefern Zeichnungen auf den heute als 78v und 81r bezeichneten Seiten. Die Buchstaben stehen für Rückseite und Vorderseite eines nummerierten Blattes. In der gegenwärtigen Bindung liegen diese Seiten nicht unmittelbar nebeneinander. Auf dem zugehörigen aufgefalteten Doppelblatt grenzen sie dagegen aneinander. Dort scheinen gezeichnete Wasserläufe über den Falz hinweg zusammenzupassen. Die Untersuchung nennt außerdem kleinere Details auf anderen Bögen, darunter blaue Blütenblätter, ein grünes Blattfragment und einen Teil einer gezeichneten Figur. Solche Spuren lassen sich prüfen, ohne dem Text eine Bedeutung zuzuweisen. Sie sprechen nach Auffassung der Autoren dafür, dass die Bögen beim Illustrieren in einer anderen Anordnung vorlagen als beim heutigen Durchblättern. Das Voynich-Manuskript besitzt 18 erhaltene Lagen mit unterschiedlich vielen Doppelblättern. Seine materielle Struktur ist also keineswegs überall gleich. Entscheidend ist jedoch nicht diese Unregelmäßigkeit allein, sondern die Frage, ob Bildteile genau an den Stellen zusammengehören, die eine andere Anordnung erwarten ließe. Der Falz wird damit zu einer Spur der Herstellungsgeschichte.

Was die verschiedenen Schreiberhände erkennen lassen

Zur Bildspur kommt eine zweite Beobachtung. Die vier Seiten eines Doppelblatts wurden demnach fast immer von derselben Schreiberhand beschrieben; die Autoren nennen zwei Ausnahmen. Innerhalb einer heutigen Lage begegnen dagegen unterschiedliche Hände. Schreiberhände werden anhand wiederkehrender Merkmale der Zeichenformen unterschieden. Damit lassen sich verschiedene Beteiligte erkennen, ohne ihren Namen oder die Bedeutung des Geschriebenen zu kennen. Für das Voynich-Manuskript legt dieser Befund nahe, dass einzelne Bögen beim Schreiben wichtige Arbeitseinheiten bildeten. Er passt zur Vorstellung, dass die Texte schon auf den Doppelblättern standen, bevor diese zu den heute vorhandenen Lagen verschachtelt wurden. Allerdings führen Herstellung und Benutzung nicht zwangsläufig zur gleichen Reihenfolge. Mehrere Schreiber könnten unterschiedliche Bögen bearbeitet haben, die anschließend absichtlich in einer vorher geplanten Ordnung zusammengefügt wurden. Die Beobachtung trägt deshalb zunächst eine Aussage über die Organisation der Arbeit. Erst zusammen mit weiteren Hinweisen entsteht daraus die stärkere Vermutung einer veränderten Lesefolge. Gerade diese Trennung entscheidet darüber, wie weit die Beweiskraft der Handschriftenanalyse tatsächlich reicht.

Was eine Textanalyse ohne Übersetzung leisten kann

Die zusätzliche Prüfung erfolgt mit Latent Semantic Analysis, einem statistischen Verfahren zur Untersuchung von Textähnlichkeiten. Vereinfacht betrachtet es, welche als Wörter erfassten Zeichenfolgen in welchen Textabschnitten auftreten und welche Verteilungsmuster sich ähneln. Eine Übersetzung ist dafür nicht erforderlich. Der Begriff semantisch bedeutet hier also nicht, dass der Computer die unbekannte Schrift verstanden hätte. Die Autoren vergleichen unterschiedliche Nachbarschaften: Vorderseite und Rückseite eines Blattes, heute gegenüberliegende Seiten sowie jene Innenflächen, die auf einem einzelnen Doppelblatt aneinandergrenzen. Als Vergleichsmaterial dienen zwei lesbare mittelalterliche Handschriften, das Aberdeen Bestiary und eine Abschrift des Speculum Humanae Salvationis. Beim Voynich-Manuskript zeigen die physisch zusammengehörigen Flächen eine größere Textähnlichkeit als Seiten, die nur in der heutigen Bindung gegenüberliegen. Dieses Muster passt zur Auffälligkeit der Illustrationen und Schreiberhände. Es zeigt eine Beziehung zwischen materiellem Träger und Textverteilung. Noch offen bleibt, ob diese Beziehung einen inhaltlichen Fortgang abbildet oder beispielsweise gemeinsame Schreibgewohnheiten. Das Verfahren erkennt statistische Nähe, aber keine nachweislich zusammengehörenden Sätze einer entzifferten Sprache.

Wie sich eine andere Seitenfolge berechnen lässt

Im nächsten Schritt erproben Layfield und Davis für zwei Abschnitte verschiedene Anordnungen der Doppelblätter. Der Computer bewertet dabei, wie ähnlich die Texte an den neu entstehenden Übergängen sind. So lassen sich Reihenfolgen finden, die nach diesem Maß einen stärkeren Zusammenhang besitzen als die gegenwärtige Anordnung. Die Ergebnisse sind mögliche Rekonstruktionen, keine wiedergefundenen Inhaltsverzeichnisse. Der Unterschied lässt sich an einem gedachten lesbaren Buch erklären: Zwei Kapitel über dieselbe Pflanze könnten sich im Wortschatz stark ähneln, obwohl zwischen ihnen ursprünglich ein anderer Abschnitt stand. Die größtmögliche Ähnlichkeit benachbarter Seiten wäre dann nicht automatisch die richtige Reihenfolge. Umgekehrt kann eine tatsächlich zusammengehörige Erzählung gerade beim Themenwechsel sehr unterschiedliche Wörter enthalten. Für das Voynich-Manuskript muss eine rechnerisch günstige Anordnung deshalb an zusätzlichen materiellen Hinweisen geprüft werden. Bemerkenswert ist, dass die Autoren bei einer diskutierten Rekonstruktion auch eine nicht höchstbewertete Variante berücksichtigen. Die Buchstruktur kann somit wichtiger sein als der beste statistische Wert. Die Berechnung grenzt Möglichkeiten ein, ersetzt aber nicht die historische Begründung.

Warum ein möglicher Bindefehler das Rätsel nicht löst

Auch außerhalb der Untersuchung wird dieser Schluss diskutiert. Der Voynich-Forscher Torsten Timm unterscheidet in einer auf den 6. Oktober 2026 datierten methodischen Stellungnahme ausdrücklich zwischen gemeinsam hergestellten und nacheinander zu lesenden Seiten. Der separat veröffentlichte Kommentar ist nicht als begutachteter Zeitschriftenartikel ausgewiesen. Timm bestreitet darin nicht das auffällige Ähnlichkeitsmuster, sondern dessen Deutung als Beweis für die ursprüngliche Lesereihenfolge. Unter anderem fordert er Tests, bei denen die Methode die absichtlich durcheinandergebrachte Reihenfolge eines bekannten Textes zuverlässig wiederherstellen müsste. Das wäre eine andere Prüfung als lediglich eine rechnerisch bessere Anordnung des unbekannten Materials zu finden. Für das Voynich-Manuskript bleibt damit eine konkrete, überprüfbare Frage offen: Bewahrt ein Doppelblatt vor allem Spuren seiner Herstellung oder tatsächlich eine zusammenhängende Leseeinheit? Selbst eine bestätigte Fehlbindung würde weder die Sprache bestimmen noch eine Übersetzung liefern. Sie könnte jedoch erklären, weshalb die Suche nach Zusammenhängen zwischen benachbarten Seiten bislang an der falschen Stelle ansetzt. Das Rätsel wäre dadurch nicht gelöst, aber seine Voraussetzungen wären neu geordnet.

Digital Medievalist, Singulion Structure and the Voynich Manuscript; doi:10.4000/16k0a

Spannend & Interessant
VGWortpixel