Auf dem Posaer Berg bei Zeitz in Sachsen-Anhalt haben Archäologen eine Entdeckung gemacht, für die es in Mitteldeutschland bislang kein Vorbild gab. Im Süden des Areals von Kloster Posa stießen sie auf eine Wasserleitung aus dem 14. Jahrhundert, deren Bauweise Fachleute bisher nur von wenigen Anlagen in Süddeutschland kannten. Dazu kommen beheizbare Räume und ein bislang unbekannter zweiter Klosterhof. Die Funde werfen ein neues Licht auf das Leben der Benediktinermönche im späten Mittelalter.
Wer heute auf den Posaer Berg am Rand von Zeitz steigt, wo einst Kloster Posa stand, ahnt kaum, wie viel Geschichte im Boden steckt. Der Sporn, der sich über der Aue der Weißen Elster erhebt, war über Jahrhunderte ein Machtzentrum. Im 9. Jahrhundert entstand hier eine mehr als acht Hektar große Burganlage aus einer Kernburg und einer östlich anschließenden Vorburg. Im 10. Jahrhundert wurde in ihr der Sitz des Bistums Zeitz eingerichtet, und im Jahr 1114 gründete der Naumburger Bischof Dietrich I. auf dem Berg ein Benediktinerkloster, das er mit Mönchen aus Hirsau im nördlichen Schwarzwald besetzte. Seit 2017 untersucht das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt das Gelände gemeinsam mit einem Zeitzer Verein für Archäologie und historische Forschung. Ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger arbeiten mit, und zum vierten Mal in Folge findet in Posa eine sechswöchige Lehrgrabung statt, an der Studenten der Universität Halle-Wittenberg und anderer Hochschulen teilnehmen.
Die Grabungen haben das Bild der Anlage bereits mehrfach verändert. Große Teile des zentralen Klosterbereichs sind inzwischen erforscht, sodass Kloster Posa nach Einschätzung des Landesamts zu den archäologisch am besten untersuchten Klöstern Mitteldeutschlands zählt. Bemerkenswert ist das umso mehr, als die Bauten später abgetragen wurden, um Steine für die Errichtung der Zeitzer Moritzburg zu gewinnen, und das Gelände im 17. Jahrhundert eingeebnet wurde. Was im Boden blieb, ist dennoch oft erstaunlich gut erhalten. In diesem Jahr verlagerten die Archäologen ihre Arbeit vor allem in den Bereich südlich der Klausur, also südlich jener Gebäude, die den Mönchen vorbehalten waren. Dort, wo man bislang das Ende des Klosterareals vermutet hatte, begann die eigentliche Überraschung der Grabungskampagne, die noch bis in den Herbst hinein andauert.
Wie das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt am 1. Oktober 2026 mitteilte, besaß das Kloster im Süden einen zweiten Hof, der fast auf allen Seiten von weiteren Gebäuden eingefasst war. Bislang war man wegen der Geländeform davon ausgegangen, dass die Südkante eines im 16. Jahrhundert gepflasterten Hofs die Grenze des Klosters markiert. Tatsächlich reichte die Anlage deutlich weiter nach Süden. Freigelegt wurden ein kleines Gebäude aus romanischer Zeit, dessen Zweck noch unbekannt ist, und ein weiterer Bau an der Südseite des zweiten Hofs. Beide dienten nach Einschätzung der Ausgräber keineswegs untergeordneten Zwecken. Darauf deuten die Reste zweier Warmluftheizungen aus dem 14. Jahrhundert und ein hochwertiger roter Estrichboden hin. Damit verschiebt sich die bekannte Ausdehnung von Kloster Posa erheblich nach Süden, und das Areal des Klosters war im späten Mittelalter offenbar deutlich größer, als die bisherigen Grabungen vermuten ließen.
Die spektakulärste Entdeckung machten die Ausgräber im südlichen Klosterhof. Dort wurde das Wasser durch eine Leitung aus Ton transportiert, die auf etwa fünf Metern Länge untersucht werden konnte und in das 14. Jahrhundert datiert, also rund 700 Jahre alt ist. Sie besteht aus Röhren mit einem Durchmesser von etwa zwölf Zentimetern und einer Länge von rund 70 Zentimetern. Die Rohre wurden wie das damalige Geschirr auf der Töpferscheibe gedreht und anschließend gebrannt. Genormte End- und Mundstücke erlaubten es, sie ineinanderzustecken, die Übergänge dichteten die Handwerker zusätzlich mit Ton ab. Rechnerisch kommen auf den fünf Metern damit etwa sieben Rohrstücke zusammen. Über der Leitung lagen Dachziegel, die verhindern sollten, dass die Rohre beschädigt werden. Wasserleitungen sind für die Archäologie oft ergiebige Quellen, wie auch die Kalkschichten im römischen Aquädukt Pont du Gard zeigen, die Hinweise auf eine Seuche im antiken Nîmes liefern.
Für die Wasserversorgung setzten die Mönche über Jahrhunderte vor allem auf Holz. Zahlreiche hölzerne Leitungen aus der Zeit vom 12. Jahrhundert bis zur Auflösung des Klosters sind auf dem Posaer Berg bereits dokumentiert. Schon für das Jahr 1168 ist schriftlich eine Leitung bezeugt, die Wasser aus mehr als vier Kilometern Entfernung auf den Berg brachte. Die neue Tonleitung zeigt, dass Kloster Posa im späten Mittelalter zusätzlich auf eine andere Technik setzte. Nach Angaben des Landesamts zählen derart frühe Tonleitungen zu den großen Seltenheiten, bislang waren sie nur aus einigen Klöstern und Burgen in Süddeutschland bekannt. Auch die Stadt Zeitz, die die Grabungen unterstützt, wertet den Nachweis deshalb als Beleg für den hohen Entwicklungsstand und die gute wirtschaftliche Lage des Klosters. Damit gerät eine verbreitete Annahme ins Wanken. Lange ging man davon aus, dass die klösterliche Kultur in dieser Zeit langsam verfiel.
Auch die beiden Warmluftheizungen aus dem 14. Jahrhundert passen nicht zum Bild eines Klosters im Niedergang. Nach Einschätzung des Landesamts belegen sie zusammen mit dem roten Estrichboden, dass die Gebäude an der Südseite des zweiten Hofs hochwertig ausgestattet waren. Heizbare Räume sind aus mittelalterlichen Klöstern mehrfach bekannt. In Basel kam erst vor wenigen Wochen eine fast intakte Klosterheizung aus dem Mittelalter ans Licht. In Kloster Posa ist bemerkenswert, dass gleich zwei solcher Anlagen in einem Bereich liegen, den man bis vor Kurzem gar nicht zum Kloster gezählt hatte. Gerade die materiellen Zeugnisse sprechen nach Ansicht der Ausgräber eine andere Sprache als die bisherige Vorstellung vom Verfall. Das Kloster konnte es sich offenbar noch im 14. Jahrhundert leisten, in Wärme, fließendes Wasser und hochwertige Böden zu investieren. Für die Geschichte der Klöster in Mitteldeutschland ist das ein wichtiger Befund, denn schriftliche Quellen allein vermitteln oft ein unvollständiges Bild vom Alltag hinter den Mauern.
Lange vor den Mönchen residierten auf dem Berg Bischöfe. Das Bistum Zeitz war im Jahr 968 im Zuge der Gründung des Erzbistums Magdeburg durch Kaiser Otto I. entstanden und machte Zeitz vom späten 10. bis zum frühen 11. Jahrhundert zu einem bedeutenden Machtzentrum des Reichs. Wichtigster Bau neben der Kathedrale war der Bischofspalast, ein mächtiger, sicher mehrstöckiger Baukörper von etwa 18 Metern Breite, der bislang auf rund 30 Metern Länge ausgegraben ist. In diesem Jahr wiesen die Archäologen nach, dass eine Mauer das Untergeschoss in Nord-Süd-Richtung teilte. In einem der Räume blieb ein Estrichboden erhalten, der über einer sorgfältig verlegten Lage von Kieselsteinen aufgebracht worden war. In der Südwand zeigte sich eine breite Öffnung, die außen wohl überdacht war. Der Palast ähnelt Bauten in Paderborn, Goslar und Merseburg und besaß Glasfenster, die damals keineswegs selbstverständlich waren. Nach der Verlegung des Bischofssitzes nach Naumburg im Jahr 1028 wurde die Pfalz zunächst weiter genutzt, bevor 1114 Kloster Posa entstand.
Der eigentliche Schwerpunkt der diesjährigen Kampagne lag auf der Burganlage des 9. und 10. Jahrhunderts. Im Süden der Kernburg gelang es erstmals in größerem Umfang, Befunde aus der Frühzeit freizulegen. Bemerkenswert ist ein Mauerwinkel von etwa 1,7 Metern Breite, der sich über eine Ausbruchgrube erschließen lässt und möglicherweise zu einem Turm der frühen Burg gehörte. Vermutlich war dieser Turm an eine Ringmauer angebunden, welche die Kernburg nach Süden begrenzte. Nach einem Brand im späten 10. Jahrhundert wurde die Mauer aufgegeben und die Befestigung weiter nach Süden verlegt. Auf dem frei gewordenen Platz entstanden Häuser, deren Grundrisse die Ausbruchgruben der Mauern überlagern. Dabei bargen die Ausgräber große Mengen Fundmaterial, vor allem Keramik, deren Auswertung genauere Datierungen ermöglichen soll. Die Untersuchungen werden auch nach dem Ende der Lehrgrabung Mitte Oktober fortgesetzt und konzentrieren sich dann auf die frühmittelalterlichen Strukturen am Südrand der spätkarolingisch-ottonischen Kernburg, aus der später Kloster Posa hervorging.