Spuren früher Seefahrt

Taucher bergen möglichen Steinzeitanker aus 20 Metern Tiefe

 Dennis Lenz

Taucher bergen möglichen Steinzeitanker aus 20 Metern Tiefe
(Symbolbild) Ein möglicher Steinzeitanker lenkt den Blick auf die frühe Seefahrt vor Norwegen. Der ungewöhnlich schwere Fund stammt aus dem Umfeld eines abgelegenen Steinbruchs. Seine Form passt zu einer Befestigung mit einem Seil. Ob er tatsächlich aus der Steinzeit stammt, muss die weitere Untersuchung absichern. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein möglicher Steinzeitanker wurde vor Norwegen aus 20 Metern Tiefe geborgen. Der Stein wiegt mehr als 30 Kilogramm und besitzt eine auffällige Rille, die vollständig um ihn herumläuft. Archäologen sehen darin eine mögliche Spur zu Booten, mit denen Menschen schon vor Jahrtausenden schwere Lasten über das offene Meer transportierten. Besonders ungewöhnlich ist der Ort, an dem der Stein lag.

Die Insel Hespriholmen war für Menschen der Steinzeit keine bequeme Rohstoffquelle. Sie liegt vor der Westküste Norwegens, umgeben von offenem Wasser. Trotzdem kamen über viele Generationen Menschen hierher, um Grünstein für ihre Äxte zu gewinnen. Unterhalb eines der alten Steinbrüche entdeckten Unterwasserarchäologen 2025 einen Stein, dessen umlaufende Einschnürung aus dem übrigen Material herausstach. Bei einem erneuten Besuch wurde er geborgen. Der am 12. Oktober 2026 veröffentlichte Bericht mit den beteiligten Archäologen macht den Fund und seine vorläufige Einordnung jetzt bekannt.

Die Untersuchung leiten Arild Skjæveland Vivås vom Stavanger Maritime Museum und Leif Inge Åstveit vom Universitätsmuseum Bergen. Beide halten eine Verwendung als Anker für plausibel. Einen sicher datierten Weltrekord gibt es allerdings noch nicht: Die Einordnung beruht bislang auf Form, Gewicht und Fundzusammenhang. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung mit Begutachtung steht aus. Gerade deshalb ist der Stein zunächst ein konkreter Hinweis auf eine Tätigkeit, deren wichtigste Geräte an diesem Ort fehlen. Ein zugehöriges Boot wurde nicht gefunden.

Eine Rille könnte das Seil festgehalten haben

Der Stein braucht für die vorgeschlagene Funktion weder einen metallischen Haken noch ein gebohrtes Loch. Eine umlaufende Rille kann ein darumgelegtes Seil daran hindern, seitlich abzurutschen. Das Gewicht würde anschließend dafür sorgen, dass der Gegenstand auf den Grund sinkt. Bei der Bergung ließ sich der Fund nach Angaben der Archäologen mit einem einfachen Seil gut ausbalanciert anheben. Das stützt die funktionelle Überlegung, beweist für sich genommen aber noch nicht die ursprüngliche Verwendung.

Entscheidend ist die Kombination der Merkmale. Ein schwerer Stein allein wäre auf einem felsigen Meeresgrund kaum überraschend. Eine erkennbare Bearbeitung allein würde wiederum viele Nutzungen zulassen. Zusammen mit dem Gewicht und der Lage unterhalb eines intensiv genutzten Steinbruchs entsteht eine engere Erklärung. Dort mussten Fahrzeuge in der Nähe der Küste bleiben, während Menschen Material verluden. Ein beschwerter Haltepunkt hätte bei dieser Arbeit einen unmittelbaren Zweck erfüllt.

Warum der Fundort für das Alter entscheidend ist

Der Stein lag auf einer Ansammlung von Abfallmaterial aus dem Steinbruch. Solche Zusammenhänge helfen Archäologen, Gegenstände zeitlich und funktionell einzuordnen. Sie ersetzen jedoch keine direkte Datierung des einzelnen Objekts. Das geologische Alter des Gesteins würde ohnehin nicht verraten, wann jemand die Rille anlegte oder den Stein als Gewicht benutzte. Dafür sind Bearbeitungsspuren, die Lage im Fundzusammenhang und gegebenenfalls datierbare Begleitmaterialien entscheidend.

Die ältere Dokumentation des Universitätsmuseums Bergen beschreibt einen über Jahrtausende genutzten Abbauplatz. Holzkohle aus früher untersuchten Abfallschichten wurde beispielsweise in die Zeit zwischen ungefähr 4500 und 3500 vor Christus datiert. Diese Ergebnisse betreffen die Nutzung des Steinbruchs, nicht den jetzt geborgenen Gegenstand. Ein mögliches sehr hohes Alter des Ankers lässt sich deshalb begründen, aber noch nicht mit einer einzelnen gesicherten Jahreszahl angeben.

Schwere Lasten mussten über das Wasser

Die Insel bietet einen anschaulichen Zugang zur damaligen Arbeitswelt. Menschen mussten nicht nur selbst dorthin gelangen. Auch Werkzeuge und Brennholz wurden benötigt. Das Museum beschreibt eine Gewinnungstechnik, bei der Feuer Spannungen im Fels erzeugte und große Hammersteine anschließend beim Lösen des Materials halfen. Die Grünsteinblöcke wurden vor Ort zu gröberen Werkstücken zugerichtet und dann mit Booten zu Werkstätten auf dem Festland gebracht.

Damit gehörte der Wassertransport zum gesamten Produktionsablauf. Auf dem Hinweg waren Hilfsmittel und Brennstoff zu bewegen, auf dem Rückweg schweres Gestein. Die Fahrzeuge mussten sich beladen lassen, ohne währenddessen unkontrolliert abzutreiben. Aus dieser praktischen Aufgabe ergibt sich die Bedeutung des möglichen Ankers. Er wäre kein isoliertes Kuriosum, sondern ein Bestandteil einer Arbeit, die Rohstoffgewinnung, Bootsführung und den Umgang mit wechselnden Bedingungen auf dem Meer verband.

Der abgelegene Steinbruch versorgte eine große Region

Grünstein aus Hespriholmen wurde weit über die Insel hinaus genutzt. Das Museum dokumentiert Äxte, deren Fundorte bis zu etwa 300 Kilometer entfernt liegen. Die Gesteinsquelle war damit Teil eines größeren Netzes von Produktion und Austausch. Der Rohstoff wurde nicht unbedingt schon auf der Insel zu fertigen Werkzeugen verarbeitet. Die endgültige Formgebung konnte später an anderen Orten erfolgen.

Diese Verteilung erklärt, weshalb die Unterwasserarchäologie auch unscheinbare Abfallhaufen untersucht. Sie können zeigen, wo Material gelöst, zugerichtet oder verloren wurde. Was an Land wie eine einzelne Felswand erscheint, gehört unter Wasser möglicherweise zu einem erheblich größeren Arbeitsbereich. Ein schwerer Gegenstand mit einer gezielten Bearbeitung erhält in diesem Zusammenhang eine andere Bedeutung als derselbe Stein ohne bekannten Fundort.

Das Boot hinter dem möglichen Steinzeitanker bleibt unbekannt

Welche Fahrzeuge die Menschen benutzten, lässt sich aus dem Stein nicht ablesen. Im Gespräch werden unter anderem mit Häuten bespannte Boote und andere tragfähige Konstruktionen diskutiert. Der Fund liefert weder die Form eines Bootsrumpfs noch die Größe einer Besatzung. Er könnte aber ein Bauteil jener Seefahrt sein, deren hölzerne oder organische Bestandteile an diesem Ort nicht erhalten geblieben sind.

Die offene Frage ist deshalb besonders konkret: Diente der schwere Stein dazu, ein Fahrzeug beim Verladen von Grünstein festzuhalten? Falls sich diese Einordnung bestätigt und die Datierung absichern lässt, würde ein scheinbar einfacher Gegenstand eine seltene Verbindung zwischen dem bekannten Steinbruch und seiner bislang kaum greifbaren Transporttechnik herstellen. Die Rille wäre dann nicht bloß eine auffällige Form im Gestein, sondern die erhaltene Stelle, an der vor Jahrtausenden ein Seil Zug aufnahm.

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