Elfenbein, Golddraht und Co.

So wollten Adlige ihr Lächeln im 17. Jahrhundert retten

Robert Klatt

Zahnersatz aus dem 17. Jahrhundert )(PARNI) sevitnevérP seuqigoloéhcrA sehcrehceR ed lanoitaN tutitsnIretelloC nnezoR(Foto: © 

Menschen haben bereits im 17. Jahrhundert ihre Zähne durch Parodontitis verloren. Ein Fossil zeigt nun, wie eine Adlige ihr Lächeln erhalten wollte.

Cesson-Sévigné (Frankreich). Parodontitis, eine der häufigsten Erkrankungen des Mundraumes, schädigt das Zahnfleisch und den umliegenden Kieferknochen. Wenn die Entzündung nicht behandelt wird, kann sie zum vollständigen Zahnverlust führen. Die moderne Zahnmedizin kann ausgefallene Zähne durch Implantate und Brücken ersetzen. Menschen litten aber bereits im 16. und 17. Jahrhundert unter Parodontitis, als es solche Behandlungsmöglichkeiten bisher nicht gab.

Wissenschaftler des Institut National de Recherches Archéologiques Préventives (INRAP) um Rozenn Colleter haben bei einer Analyse des Schädels von Anne d’Alègre, einer Adeligen, die von 1565 bis 1619 lebte, eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht. Laut der Veröffentlichung im Journal of Archaeological Science: Reports fehlten d’Alègre mehrere Zähne. Sie hat deshalb ihre gelockerten Zähne mittels Golddraht befestigt und zusätzlich ein Implantat aus Elfenbein integriert.

Erhalt der sozialen Position

Die Archäologen sind überzeugt davon, dass d’Alègre die Zahnmodifikationen nicht ausschließlich aus gesundheitlichen oder ästhetischen Gründen durchgeführt hat, sondern auch, um den sozialen Status in ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu erhalten. In ihrer Zeit konnte ein beeinträchtigtes Lächeln rasch mit negativen Charaktereigenschaften assoziiert werden. Dies galt umso mehr, als bei d’Alègre zuerst ein auffälliger Schneidezahn verloren ging.

„Diese Studie zeigt die Bedeutung des Aussehens für aristokratische Frauen, die starken sozialen Zwängen unterlagen. Zu dieser Zeit wurde die physische Erscheinung immer noch mit den inneren Qualitäten einer Person in Verbindung gebracht.“

Laut den Forschern litt wahrscheinlich auch ihre Aussprache unter den gelockerten und fehlenden Zähnen, was für eine Adlige besonders schlimm war. Deshalb nahm sie vermutlich die mit der Prothese verbundenen Komplikationen bewusst in Kauf.

Parodontitis und Stress

Die Forscher gehen davon aus, dass der Zahnverlust bei d’Alègre nicht nur durch Parodontitis, sondern auch den anhaltenden Stress in ihrem Leben zurückgeht. Zeichen von Zahnabnutzung deuten darauf hin, dass sie chronisch mit den Zähnen knirschte, was ihre Zahnprobleme verschärfte. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass sich ihre Zähne bereits früh lockerten und der später durch ein Implantat ersetzte Zahn lange vor ihrem Tod verloren ging.

„Die Abnutzungsspuren, die die Golddrähte der Schneidezahnprothese hinterlassen haben, deuten darauf hin, dass die Prothese und die Haltevorrichtungen über einen langen Zeitraum getragen wurden.“

Neben dem Schneidezahn hat d’Alègre noch weitere Zähne verloren. Die Forscher gehen davon aus, dass ihre Elfenbein- und Golddrahtprothese zwar anfangs ihr Lächeln bewahrte, aber mittelfristig zur Lockerung der benachbarten Zähne führte. Dies wurde auch durch das zunehmend straffere Anziehen der Drähte verursacht, um das Implantat zu stabilisieren.

Journal of Archaeological Science: Reports, doi: 10.1016/j.jasrep.2022.103794

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