Fund bei Narsarsuaq

Skelett löst Rätsel um vergessene Wikinger-Kirche in Grönland

 Dennis Lenz

Skelett löst Rätsel um vergessene Wikinger-Kirche in Grönland
(Symbolbild, KI-generiert) So könnte die Grabung bei Qinngua in Südgrönland ausgesehen haben: Innerhalb einer niedrigen, rechteckigen Friedhofsmauer mit einem Steinhaufen in der Mitte legten Archäologen im August ein nach Osten ausgerichtetes Grab frei. Es bewies, dass hier wenige Kilometer vom Hof Eriks des Roten einst eine Kirche der Nordmänner stand. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Jahrzehntelang vermuteten Archäologen bei Qinngua in Südgrönland eine Kirche der Wikinger, doch der Beweis fehlte. Jetzt hat ein Team des Dänischen Nationalmuseums, des Grönländischen Nationalmuseums, des Universitätsmuseums Bergen und der Welterbestätte Kujataa ein christlich bestattetes Skelett freigelegt. Es ist die erste neu entdeckte Kirche der Nordmänner in Grönland seit mehr als 60 Jahren.

Ein Grab als letzter Beweis

Der Fundort liegt bei Qinngua, nahe dem heutigen Flughafenort Narsarsuaq im Süden Grönlands, nur wenige Kilometer von Brattahlíð entfernt. Dort hatte Erik der Rote, der Gründer der Wikingersiedlungen in Grönland, seinen Hof und Häuptlingssitz. Auf einer Wiese vor den Bergen am Rand des Inlandeises liegen die Reste einer rechteckigen Steinmauer, in deren Mitte sich die Ruine eines Steingebäudes befindet. Genau dieses Muster ist typisch für mittelalterliche Kirchen: ein Gotteshaus, umgeben von einer Friedhofsmauer. Schon bei Grabungen in den 1970er-Jahren und im Jahr 2004 fanden Forscher Hinweise auf Kirche und Friedhof. Ein Grab, das den Verdacht endgültig bestätigt hätte, fanden sie jedoch nie.

Das änderte sich bei der Grabung im August. Die Archäologen stießen auf das Skelett eines Menschen, der mit den Armen eng am Körper und nach Osten ausgerichtet beerdigt worden war, so wie es bei christlichen Bestattungen üblich war. Damit ist belegt, dass hier ein Friedhof lag, und ein Friedhof bedeutet bei den Nordmännern eine Kirche. „Das ist der rauchende Colt. Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr, dass das eine Kirche ist“, sagt Christian Edelfelt Koch Madsen, Seniorforscher am Dänischen Nationalmuseum und Forschungskoordinator des Projekts. Nach Angaben des Museums gelang der entscheidende Fund erst am vorletzten Tag der Grabung.

Warum das Skelett so viel verrät

Dass ausgerechnet ein Grab die Frage klärt, liegt an den unterschiedlichen Bestattungsbräuchen der beiden Völker, die damals in Grönland lebten. „Inuit werden in mit Steinen bedeckten Kammern bestattet, Nordmänner dagegen auf Friedhöfen. Alles weist also in dieselbe Richtung, auch die schriftlichen Quellen“, erklärt Madsen. Konrad Smiarowski vom Universitätsmuseum Bergen, der das Projekt mitleitet, beschreibt es ähnlich: Bei den Inuit wurde der Tote in Steinkammern unter Steinhaufen gelegt, die Nordmänner dagegen begruben ihre Toten in geweihter Erde bei den Kirchen. Ein Skelett in einer einfachen Grabgrube innerhalb der Mauer passt damit nur zu einem christlichen Kirchhof.

Auch die Haltung der Arme ist ein Hinweis. Arme, die gerade an den Seiten liegen, deuten nach Angaben der Forscher auf das frühe Mittelalter hin. Die Größe der Kirche und die vielen behauenen Steine sprechen nach Einschätzung des Teams für eine Bauzeit zwischen 1100 und 1300. Endgültig ist diese Datierung noch nicht: Die Proben aus der Grabung werden derzeit noch untersucht.

Die Kirche unter den Sonnenbergen

Spannend ist der Fund auch, weil er zu mittelalterlichen Texten passt. Isländische Handschriften wie die Flateyjarbók und die Grönland-Beschreibung des norwegischen Geistlichen Ívar Bárðarson aus dem 14. Jahrhundert nennen die Namen und ungefähren Lagen mehrerer Kirchen in Grönland. Eine dieser Angaben spricht von der „Kirkja undir Sólarfjöllum“, der Kirche unter den Sonnenbergen. Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass die Nordmänner so die Berge hinter dem Fundort nannten. Sie liegen direkt am Inlandeis, wo oft ein örtliches Hochdruckgebiet für Sonnenschein sorgt.

Daraus ergibt sich eine konkrete Spur für die Zukunft. „Da die Lage dieser Kirche so gut zu den Beschreibungen in den Quellen passt, wäre es sinnvoll, auch nach anderen Kirchen zu suchen, die schriftlich erwähnt, aber bislang nicht entdeckt sind“, sagt Madsen. Smiarowski ergänzt, die Lage der grönländischen Kirchen sei bisher vor allem mit Hilfe mittelalterlicher Texte, der Analyse der Landschaft und bekannter Siedlungsplätze bestimmt worden. Dass der neue Fund genau in dieses Muster passe, könne bedeuten, dass es noch weitere Kirchen gebe.

Ein Wettlauf um die Macht

Für die Forscher ist die Kirche mehr als ein religiöser Ort. Kirchen waren in der Gesellschaft der Nordmänner auch Machtzentren: Wer eine Kirche besaß, hatte Einfluss und Einnahmen. Rund um Brattahlíð, in einem vergleichsweise kleinen Gebiet, kennen Archäologen nun sechs Kirchen. Nur drei davon waren offenbar bis ins spätere Mittelalter in Gebrauch. „Es scheint fast, als hätte es in diesem Gebiet einen regelrechten Wettlauf gegeben, Kirchen zu bauen und damit Macht und Stellung zu zeigen. Diesen Wettlauf haben wahrscheinlich manche verloren und ihre Kirchen vielleicht aufgegeben, so wie diese“, sagt Madsen. Neben der Kirche liegen zudem die Ruinen von zwei oder drei Höfen. Sie könnten nach Ansicht der Forscher die Anfänge eines kleinen Dorfes gewesen sein.

Bisher waren die zuletzt entdeckten Kirchen der Nordmänner in Grönland kleine Bauten aus der frühen Wikingerzeit, die bald wieder aufgegeben wurden. Bekannt ist etwa die kleine Torfkirche, die Erik des Roten Frau Thjodhild der Überlieferung nach in Brattahlíð bauen ließ und die erst in den 1960er-Jahren gefunden wurde. Die Kirche bei Qinngua ist dagegen größer und wurde vermutlich bis ins Mittelalter genutzt. „Das ist eine Sensation, die bedeutet, dass wir die Bedeutung dieses ganzen Gebiets für die Nordmänner neu denken müssen“, sagt Madsen. Smiarowski formuliert es so: Die Entdeckung verändere das Verständnis dieses Teils des Fjords Tunulliarfik, den die Nordmänner Eiriksfjord nannten.

Spur zum Rätsel des Verschwindens

Die Nordmänner kamen um das Jahr 980 aus Island nach Grönland. Sie gründeten Höfe, hielten Schafe, Ziegen und Rinder, jagten Robben und handelten mit Walrosselfenbein bis nach Europa. Im 15. Jahrhundert brach ihre Gesellschaft zusammen, die Siedlungen wurden verlassen. Warum, darüber streiten Forscher seit Jahrzehnten. Diskutiert werden unter anderem eine Abkühlung des Klimas, der Einbruch des Elfenbeinhandels, Konflikte und die zunehmende Isolation von Europa.

Die neue Kirche stammt aus der Zeit, in der die Kolonie von Wachstum zu Niedergang überging. Über diese Phase wissen Forscher bisher besonders wenig. Kirchen sind dafür wichtige Zeugen, denn an ihnen lässt sich ablesen, wie sich Macht und Gesellschaft entwickelten und wie die Menschen auf Probleme bei Klima und Versorgung reagierten. „Die Entdeckung ist ein weiteres Puzzleteil, das uns dem Verständnis näherbringen kann, was mit der nordischen Kolonie in Grönland geschah, und dem Rätsel, warum sie verschwand“, sagt Smiarowski.

Drohne, Laserdaten und Hilfe aus dem Dorf

Dass die Archäologen am richtigen Ort gruben, verdanken sie mehreren Methoden. Sie vermaßen Landschaft und Ruinen mit einer Drohne und werteten frühere Laserscans aus. Madsen hatte die Ruine nach eigener Aussage gegenüber dem dänischen Magazin Historie schon zuvor bei einem Drohnenflug aus 50 Metern Höhe gesehen und war sich danach fast sicher, dass es eine Kirche sein musste. Frühere Grabungen waren dagegen abgebrochen worden, als die Archäologen auf eine Kiesschicht stießen, die sie für natürlich hielten. Diesmal setzte das Team gezielt dort an, wo die Chance auf Gräber am größten war, und nutzte Grabungsmethoden aus 20 Jahren Zusammenarbeit in Grönland. Grönländische Archäologiestudenten wurden bei der Grabung ausgebildet, Bewohner der Umgebung halfen mit Ortskenntnis. Zum Ende der Grabung kamen viele neugierige Einwohner aus dem nahen Dorf Qassiarsuk vorbei.

Was noch offen ist

Noch ist vieles vorläufig. Eine Fachveröffentlichung zu dem Fund gibt es bislang nicht, und die Datierung beruht vor allem auf der Bauweise und der Armhaltung des Toten. Erst Laboranalysen wie die Radiokarbondatierung der Knochen können zeigen, wann der Mensch tatsächlich starb. Bislang ist zudem nur ein einzelnes Grab freigelegt, der Friedhof selbst wurde noch kaum untersucht. Ob die Kirche tatsächlich die Kirche unter den Sonnenbergen aus den alten Texten ist, bleibt eine gut begründete Vermutung. Madsen räumt selbst ein, dass viele Orte in Grönland ähnlich aussehen. Wenn die Finanzierung gelingt, will das Team zurückkehren, um die Bauzeit der Kirche genauer zu bestimmen.

Der Fundort gehört zur Region Kujataa, die seit 2017 als Zeugnis der Landwirtschaft von Nordmännern und Inuit am Rand der Arktis zum UNESCO-Welterbe zählt. Wie weit die Nordmänner von dort aus unterwegs waren, zeigt auch ein anderer Befund: Bei Forschung und Wissen lesen Sie, dass Wikinger zum Handeln bis in die Arktis gesegelt sind.

Quelle: Nationalmuseet (Dänemark), „Norse church ruin found in Greenland“, Pressemitteilung; Universitetet i Bergen, „Norrøn kirkeruin funnet på Grønland“, Pressemitteilung

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