Oescus

Niedrigwasser der Donau legt riesige Römerbrücke frei

 Dennis Lenz

Niedrigwasser der Donau legt riesige Römerbrücke frei
(Symbolbild) Eine schwere Dürre hat den Pegel der Donau so weit sinken lassen, dass in Nordbulgarien die Fundamente der antiken Konstantinsbrücke sichtbar geworden sind. Das Bauwerk verband einst die Römerstädte Oescus und Sucidava und zählte zu den längsten Brücken der Antike. Archäologen nutzen das seltene Zeitfenster, um die Reste zu vermessen, bevor der Fluss sie wieder verschluckt. (Foto: © Forschung und Wissen)

Eine schwere Dürre hat den Pegel der Donau so weit fallen lassen, dass in Nordbulgarien die Fundamente einer der größten Brücken der Antike aufgetaucht sind. Die Konstantinsbrücke verband einst zwei bedeutende Römerstädte über den Strom hinweg. Sie war rund zwei Kilometer lang, aber nur wenige Jahrzehnte in Betrieb. Archäologen nutzen das seltene Zeitfenster, um das Bauwerk zu dokumentieren, bevor es wieder unter Wasser verschwindet.

In der Regel liegen die Reste tief verborgen im Strom. Erst das ungewöhnliche Niedrigwasser des Sommers 2026 hat nahe dem Dorf Gigen in Nordbulgarien Teile der Fundamente wieder ans Licht gebracht. An dieser Stelle lag in der Antike die Stadt Ulpia Oescus, ein wichtiges Zentrum am Südufer der Donau, das zeitweise eine Fläche von rund 280.000 Quadratmetern erreichte. Von hier aus spannte sich die Brücke über den Strom bis nach Sucidava am Nordufer, in der Nähe des heutigen rumänischen Corabia. Für die Römer war diese Verbindung strategisch entscheidend, denn die untere Donau bildete eine wichtige Grenze des Reiches und zugleich einen Korridor, über den Truppen, Waren und Nachrichten in die Gebiete nördlich des Flusses gelangten.

Auftraggeber des Bauwerks war Kaiser Konstantin der Große, unter dem die steinerne Brücke errichtet und am 5. Juli 328 nach Christus eingeweiht wurde. Mit den Rampen im Überschwemmungsbereich erreichte die Konstruktion eine Gesamtlänge von rund 2.400 Metern, von denen etwa 1.100 Meter direkt über das Flussbett führten. Damit gilt sie als eine der längsten Flussbrücken der gesamten Antike und als Meisterwerk spätrömischer Ingenieurskunst. Ein Team des Regionalen Historischen Museums in Pleven um Pavel Popov dokumentiert die freigelegten Reste derzeit mit Drohnen aus der Luft. Ziel ist es, den genauen Verlauf zu kartieren, bislang unbekannte Bauelemente zu erfassen und den Erhaltungszustand festzuhalten, solange der Pegel niedrig bleibt.

Ein Koloss aus Stein über dem Strom

Die Dimensionen der Brücke waren für ihre Zeit außergewöhnlich. Neben der enormen Länge belegen historische Angaben eine Fahrbahnbreite von etwa 5,7 Metern und eine Höhe von rund zehn Metern über dem Wasser. Die Konstruktion aus steinernen Pfeilern und hölzernen Aufbauten musste den Strömungen der Donau standhalten und zugleich schwere Lasten tragen. Für die Römer war das Bauwerk mehr als eine Verkehrsverbindung, denn es demonstrierte technische Überlegenheit und militärische Kontrolle über die Grenzregion. Wie andere Bauwerke am Donaulimes gehört die Anlage heute zum UNESCO-Welterbe, das die Grenzen des Römischen Reiches in dieser Region umfasst. Die aktuellen Luftaufnahmen sollen auch klären, wie sich der Verlauf der Donau in den vergangenen 1.700 Jahren verändert hat, wie es die Erforschung der Römer immer wieder aufwirft.

Nur wenige Jahrzehnte in Betrieb

So beeindruckend die Brücke war, so kurz war ihre Lebensdauer. Bereits um das Jahr 367 nach Christus dürfte sie weitgehend zerstört oder zumindest nicht mehr nutzbar gewesen sein. Ein Hinweis darauf ist, dass die römischen Truppen unter Kaiser Valens bei ihrem Feldzug gegen die Goten den Fluss nicht über die feste Steinbrücke, sondern über eine Schiffsbrücke überquerten. Warum das gewaltige Bauwerk so früh unbrauchbar wurde, ist bis heute nicht abschließend geklärt, wie das Regionale Historische Museum in Pleven gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Bulgarischen Nationalen Rundfunk erläuterte. Denkbar sind eine gezielte Zerstörung im Zuge militärischer Auseinandersetzungen, Hochwasser und Eisgang oder eine Kombination aus mehreren Faktoren. Die jetzige Untersuchung soll neue Belege zur Bauweise und zur überraschenden Kurzlebigkeit der massiven Steinstruktur liefern.

Die Dürre macht das Bauwerk sichtbar

Hintergrund der Freilegung ist eine Reihe von Rekordhitzewellen, die in weiten Teilen Europas eine schwere Dürre ausgelöst haben. Die anhaltende Trockenheit ließ die Wasserstände großer Ströme wie der Donau und des Rheins massiv absinken, mit spürbaren Folgen für Schifffahrt und Landwirtschaft. Für die Forschung eröffnet dasselbe Extremereignis jedoch eine seltene Gelegenheit, weil normalerweise unzugängliche Strukturen kurzzeitig zutage treten. Genau dieses Zeitfenster nutzen die Archäologen nun, denn mit steigendem Pegel werden die Fundamente sofort wieder im Fluss verschwinden. Solche Momente, in denen Niedrigwasser verborgene Denkmäler offenbart, gehören zu den Schnittstellen zwischen Klima und Kulturgeschichte, an denen auch die Archäologie zunehmend mit den Folgen von Extremwetter arbeitet. Die dokumentierten Daten bleiben erhalten, auch wenn das Bauwerk wieder unter der Oberfläche liegt.

Spannend & Interessant
VGWortpixel