Spuren der Steinzeit

Neandertaler hinterließen einen fast zweieinhalb Meter langen Speer

 Dennis Lenz

Neandertaler hinterließen einen fast zweieinhalb Meter langen Speer
(Symbolbild) Neandertaler hinterließen in einer spanischen Fundstätte ungewöhnlich lange Holzwaffen. Kalkablagerungen bewahrten deren Formen über Zehntausende Jahre. Eine neue Auswertung erfasst auch mögliche Gegenstände des täglichen Lebens. Nicht jeder Holzrest lässt sich dabei als Werkzeug einordnen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Neandertaler fertigten einen Holzspeer, der mit 2,45 Metern deutlich länger war als ein erwachsener Mensch. Seine Form überdauerte in einer spanischen Fundstätte, obwohl das Holz selbst längst vergangen ist. Eine neue Untersuchung zeigt neben Waffen auch mögliche Gegenstände für den Alltag. Entscheidend für diese Entdeckung war eine ungewöhnliche Art der Erhaltung.

Der längere Speer stammt aus Abric Romaní, einem Felsüberhang bei Capellades nahe Barcelona. Ein zweiter ist auf 1,99 Metern erhalten. Die Form der längeren Waffe passt zu einem Stoßspeer, der im Nahbereich eingesetzt worden sein könnte. Die Holzspeere sind Teil einer umfangreichen Auswertung, nicht das Ergebnis einer einzigen neuen Grabung im Oktober.

Für die am 7. Oktober 2026 in Science Advances veröffentlichte Untersuchung analysierte das Team 597 Holzreste und Abdrücke aus 16 archäologischen Schichten. Sie gehören in einen Zeitraum von ungefähr 62.000 bis 40.000 Jahren vor heute. Bei 13 Objekten erkannten die Forscher Hinweise auf menschliche Herstellung oder Nutzung. Die übrigen Fundstücke dürfen deshalb nicht einfach als Werkzeuge mitgezählt werden.

Wie Kalkstein verschwundenes Holz bewahrt

Das Besondere an Abric Romaní ist ein scheinbarer Widerspruch: Holz kann dort untersucht werden, obwohl vom ursprünglichen Material nichts mehr vorhanden sein muss. Kalkablagerungen umschlossen die Gegenstände. Als das organische Material zerfiel, blieben Hohlformen zurück. Dieser Travertin konservierte damit eine Art natürlichen Abdruck.

Solche Formen dokumentieren nicht nur Länge und Umriss. Die Universität Rovira i Virgili berichtet über erhaltene Bearbeitungsspuren, die bei einzelnen Objekten eine gezielte Holzbearbeitung erkennen lassen. Der Unterschied ist wesentlich: Ein gerader Ast allein belegt noch kein Werkzeug. Erst zusätzliche Merkmale können zeigen, dass Menschen seine Form verändert haben.

Ein geformter Griff deutet auf eine Keule hin

Zu den auffälligen Stücken gehört ein mögliches Schlaggerät mit einem etwa 16 Zentimeter langen Griff und einem verbreiterten Kopf. Längs verlaufende Schabspuren sprechen dafür, dass seine Gestalt nicht allein durch natürliches Wachstum entstand. Der Gegenstand könnte als Keule gedient haben. Seine genaue Verwendung lässt sich aus der Form jedoch nicht sicher bestimmen.

Bei einem Speer liegt die Funktion als Waffe näher als bei vielen anderen Holzobjekten. Trotzdem bleibt zwischen einem Werkzeug und der Rekonstruktion seines Einsatzes ein Unterschied. Aus einer Spitze lässt sich nicht unmittelbar ablesen, welches Tier damit erlegt wurde, wie viele Personen an einer Jagd beteiligt waren oder ob die Waffe geworfen wurde.

Auch Rinde könnte zum Arbeitsmaterial gehört haben

Weitere Hinweise betreffen flache, verkohlte Rindenstücke, die möglicherweise als Unterlagen oder Behältnisse dienten. Über einer Feuerstelle angeordnete Hölzer könnten zu einer Konstruktion für die Zubereitung von Nahrung gehört haben. Ein außergewöhnlich langes Holzstück von 5,10 Metern kommt wiederum als Teil einer größeren Struktur infrage. Diese Funktionszuweisungen bleiben Deutungen, keine nachgewiesenen Möbel oder vollständig rekonstruierten Unterkünfte.

Gerade die unscheinbaren Objekte erweitern jedoch die Fragestellung. Eine Jagdwaffe beschreibt einen besonderen Einsatz. Eine Unterlage oder ein Behältnis würde dagegen zeigen, wie Menschen wiederkehrende Aufgaben am Aufenthaltsort organisierten. Dafür sind nicht möglichst spektakuläre Einzelstücke entscheidend, sondern wiedererkennbare Formen und ihre Lage zueinander.

Warum die Lage am Fundort so wichtig ist

Die Projektbeschreibung zur Erforschung der Holztechnologie erläutert deshalb die Bedeutung großflächiger Grabungen und der digitalen Dokumentation. Abric Romaní ist seit 1909 bekannt; systematische jährliche Arbeiten laufen seit 1983. Die Untersuchung verbindet Holzspuren mit Feuerstellen, Steinwerkzeugen und Tierknochen, statt die Gegenstände allein nach ihrem Aussehen zu beurteilen.

Darin liegt auch die größere Bedeutung des Fundkomplexes. Stein bleibt häufig erhalten, Holz wesentlich seltener. Ein Inventar aus Steinwerkzeugen bildet deshalb nicht zwangsläufig das gesamte technische Können seiner Hersteller ab. Die Abdrücke von Abric Romaní ergänzen dieses unvollständige Bild um einen Werkstoff, der im Alltag wichtig gewesen sein kann, archäologisch aber leicht verschwindet.

Science Advances, Neanderthal woodworking at Abric Romaní: Insights into the role of wood in a Middle Palaeolithic domestic context; doi:10.1126/sciadv.aeh2287

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