Ein zerdrückter keltischer Bronzehelm lag zusammen mit einer eisernen Sense und vier eisernen Dechseln in einer Grube der befestigten Siedlung Łysa Góra im Nordosten Polens. Der rund 2.400 Jahre alte Fund gehört zu einem seltenen Helmtyp, der außerhalb des keltischen Kerngebiets bislang ohne vergleichbares Gegenstück blieb. Sein Rang als Statuszeichen macht den Fund zu einem ungewöhnlichen Hinweis auf Kontakte zwischen weit entfernten Regionen. Welche Rolle diese Besucher in der Siedlung einnahmen, wird nun zum zentralen Thema der weiteren Auswertung.
Zunächst hielten die Ausgräber das freigelegte Bronzestück für einen Teil eines Gefäßes. Die Fragmente lagen in einer Grube mit verkohlten Resten, einer eisernen Sense und vier eisernen Dechseln. Dieser Fundzusammenhang verweist auf eine Niederlegung innerhalb der befestigten Siedlung.
Kaczyński und Kollegen von der Universität Warschau veröffentlichten ihre Auswertung in der Fachzeitschrift Antiquity. Die Autoren ordnen das Stück dem Berru-Typ der Latène-Kultur zu. Der Name bezeichnet eine Helmform, die aus dem keltischen Raum bekannt ist und sich durch eine ausgeprägte, nach oben zulaufende Silhouette auszeichnet. Am polnischen Fundort waren die Bleche zerdrückt und gebrochen; eine absichtliche Zerstörung lässt sich daraus allein nicht rekonstruieren.
„Erst als wir die Spitze freilegten, wurde uns klar, dass wir einen Helm eines sehr seltenen Typs gefunden hatten“, sagte Kaczyński gegenüber Phys.org. Die Forschenden datieren den Gegenstand in die Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus. Kaczyński bezeichnete ihn zudem als „Symbol der Macht und einen direkten Beleg für Fernkontakte“. Seine Bedeutung ergibt sich aus der seltenen Helmform und dem Fundkontext mit den eisernen Werkzeugen.
Der Fundplatz liegt nahe Bagienice in Nordmasowien auf einer eiszeitlichen Sanddüne zwischen dem Fluss Orzyc und einem seiner Altarme. Feuchte Niederungen umgaben die Erhebung und erschwerten den Zugang, während die erhöhte Fläche einen trockeneren Siedlungsplatz bot. Menschen der Westbaltischen Hügelgräberkultur bewohnten den Ort vom sechsten bis zum vierten Jahrhundert vor Christus. Ihre Gemeinschaften unterschieden sich kulturell von den Gesellschaften weiter südlich und hielten an älteren regionalen Traditionen fest.
Die Autoren beschreiben Łysa Góra als befestigte Siedlung, Produktionsort und Ritualplatz. Zusammen mit den Bernsteinfunden spricht diese Kombination für einen wichtigen Knotenpunkt des Austauschs.
Seit der Entdeckung des Platzes reicht die Forschungsgeschichte weit zurück: Der Platz wurde 1957 entdeckt und zwischen 1971 und 1992 mit Unterbrechungen ausgegraben. Viele ältere Funde gelangten jedoch kaum in eine umfassende wissenschaftliche Publikation. Das erschwerte es, die verstreuten Hinweise zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Seit 2024 untersuchen das Staatliche Archäologische Museum in Warschau und die Archäologische Fakultät der Universität Warschau das Gelände erneut. Ihr Ziel ist es, Funktion, Chronologie und Kontakte des Siedlungsplatzes genauer zu bestimmen.
Im Gelände zeichnen sich unterschiedliche Bauweisen der Verteidigung ab. Im Süden lag ein Wall mit Palisade und vorgelagertem Graben; am Grabenboden blieben Reste hölzerner Auskleidungen erhalten. Im nördlichen Bereich fanden die Archäologen eine zweite Linie, die vollständig aus Holz bestand. Ob beide Anlagen gleichzeitig bestanden und gemeinsam funktionierten, ist bislang ungeklärt; die Forschenden wollen diese Frage mit weiteren Geländearbeiten untersuchen.
In der Umgebung lag ein wichtiger Rohstoff: In der Kurpie-Region kam baltischer Bernstein vor. Zugleich führten Wege nach Norden zur Halbinsel Samland, die ebenfalls für ihre Bernsteinvorkommen bekannt ist. Łysa Góra lag damit an einer Verbindung zwischen dem Ostseeraum und Regionen weiter südlich. Die Autoren sehen den Ort als möglichen Knotenpunkt der Bernsteinstraße, über die Rohbernstein und verarbeitete Stücke zwischen nördlichen und mitteleuropäischen Gemeinschaften zirkulierten.
Mehrere Funde passen zu dieser Rolle. Neben Bernsteinperlen kam ein noch nicht fertig bearbeiteter Bernsteinring ans Licht. Solche Halbfabrikate geben Hinweise auf lokale Verarbeitung, während fertige Schmuckstücke zugleich als Handelsware oder persönliche Gegenstände unterwegs gewesen sein können. Wer mehr über die Entstehung und Eigenschaften des fossilen Harzes erfahren möchte, findet im FUW-Beitrag Woraus Bernstein besteht den naturwissenschaftlichen Hintergrund zum Material.
Auch die Metallfunde sprechen für handwerkliche Tätigkeiten. Das Team barg nahezu 350 Metallobjekte, darunter Schmuck, Werkzeuge und Hinweise auf die Verarbeitung von Bronze. Bündel aus zerteilten Bronzeschmuckstücken lagen offenbar bereit, um eingeschmolzen zu werden. Keramische Gusstiegel waren bereits bei den Grabungen der 1970er-Jahre dokumentiert worden. Zusammengenommen ergibt sich das Bild eines Platzes, an dem Metall nicht nur ankam, sondern auch sortiert, repariert oder als Rohstoff weiterverwendet wurde.
Kontakte entlang der Verkehrswege beschränkten sich nicht auf Bernstein. Die Lage an Verkehrswegen ermöglichte Begegnungen zwischen Menschen mit unterschiedlichen handwerklichen Traditionen und sozialen Ordnungen. Die Autoren stellen Łysa Góra in ein Netz, das Nord- und Mitteleuropa verband. Welche Waren in welcher Richtung transportiert wurden, lässt sich aus den bislang bekannten Funden nicht vollständig ablesen. Die Kombination aus Rohstoffen, Fertigprodukten und fremden Schmuckformen macht die Siedlung jedoch zu einem wichtigen Schauplatz dieses Austauschs.
Die engsten Parallelen zu dem polnischen Stück stammen vom Dürrnberg bei Hallein in Österreich, wo Berru-Helme aus dem keltischen Umfeld bekannt sind. Für das 4. Jahrhundert vor Christus ist außerhalb des Latène-Gebiets bislang kein vergleichbarer Helmtyp belegt. Diese geografische Verbreitung macht den Fund ungewöhnlich: Er gehört zu einer Helmform, die eng mit dem keltischen Raum verbunden war.
Im frühen Latène-Milieu standen Helme für hohen sozialen Rang und die Zugehörigkeit zur Kriegerelite. Ein solches Rangzeichen war den vermutlich herrschaftslosen lokalen Gemeinschaften Nordostpolens wohl fremd. Die Autoren halten deshalb die Anwesenheit von Menschen aus dem Süden, darunter Angehörigen ihrer Elite, für die überzeugendere Erklärung als einen bloßen Import über mehrere Zwischenhändler.
Ein Weiterreichen durch Händler oder andere Vermittler bleibt als Erklärung möglich. Kleinere Latène-Gegenstände erreichten auch weit entfernte Regionen und belegen indirekte Kontakte.
Zu den fast 80 bislang erfassten Latène-Objekten gehören auch 31 meist fragmentierte frühlatènezeitliche Fibeln und Ringschmuckstücke aus der Mitte des 4. Jahrhunderts vor Christus. Nach Kaczyńskis Einschätzung legt die Vielfalt der Formen nahe, dass eine Gruppe von Kelten etwa zwei Generationen lang an diesem Ort lebte. Eine Bronzemünze stammt möglicherweise vom thrakischen König Seuthes III.
Geplant sind metallurgische Untersuchungen und Bleiisotopenmessungen, mit denen sich Materialeigenschaften und mögliche Erzquellen vergleichen lassen. Die Forschenden wollen die Ergebnisse unter anderem Funden aus Böhmen gegenüberstellen. Auf diese Weise können sie prüfen, ob einzelne Metallobjekte auf ähnliche Rohstoffquellen oder unterschiedliche Versorgungswege zurückgehen.
In der Tülle einer eisernen Dechsel blieb verkohltes Holz erhalten. Eine mikroskopische Untersuchung bestimmte die Holzart als Eiche. Der Befund dokumentiert damit ein organisches Material, das im Inneren des Werkzeugs erhalten blieb.
Ein weiterer Fund erweitert das Bild der dort lebenden Menschen. Bei den Grabungen des Jahres 2025 kam ein Werkzeug für eine Trepanation zutage, also für das gezielte Öffnen des Schädels. Kaczyński verbindet den Fund mit medizinischem Wissen und bringt als Deutung einen Druiden ins Spiel.
Rituelle Handlungen konzentrierten sich nicht allein auf die Grube im befestigten Bereich. Am Fuß des südwestlichen Dünenhangs fanden die Archäologen in einem sumpfigen Gelände eine Zone mit Niederlegungen. Dort lagen Ringschmuck und Ohrringe mit Glasperlen. Zu den besonderen Stücken gehört ein reich verzierter Spiralarmreif aus Bronzeband, dessen Ende mit zwei Nietlöchern repariert worden war. Die Reparatur zeigt, dass das Schmuckstück vor seiner Niederlegung getragen oder zumindest weiterverwendet worden war.
Kaczyński beschrieb Łysa Góra gegenüber Phys.org als „Traum jedes Archäologen“. Er verwies damit auf die Vielfalt der Funde und die Möglichkeit, den bislang wenig bekannten Siedlungsplatz weiter zu untersuchen.
Auf Grundlage antiker Schriftquellen schließt Kaczyński auch einen Handel mit versklavten Menschen als historische Möglichkeit nicht aus. Für Łysa Góra liegt dafür kein direkter archäologischer Nachweis vor; die Überlegung bleibt eine historische Hypothese.
Als nächster Schritt sind zerstörungsfreie Untersuchungen mit Geoelektrik und Magnetik vorgesehen. Sie sollen weitere Strukturen im Untergrund erfassen und die noch offenen Fragen zur räumlichen Anlage der Siedlung beantworten.
Bartłomiej Kaczyński, Andrzej Maciałowicz, Wojciech Janusz Borkowski, Cezary Sobczak und Michał Aniszewski: „Łysa Góra in north-eastern Poland: a key Early Iron Age site on the ‘Amber Route’“, Antiquity; doi:10.15184/aqy.2026.10436
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