Heilige Bergopfer

Inka-Mumien aus den Anden verraten Spuren von Ritualdrogen

 Dennis Lenz

Inka-Mumien aus den Anden verraten Spuren von Ritualdrogen
Der Vulkan Llullaillaco an der Grenze zwischen Chile und Argentinien ist 6.739 Meter hoch. Auf seinem Gipfel fanden Forscher Opferbestattungen aus der Inkazeit. (Foto: © Lion Hirth, Wikimedia Commons)

Acht Inka-Mumien aus hoch gelegenen Heiligtümern in Peru und Argentinien bewahren chemische Spuren von Kokablättern, Alkohol und einer weiteren psychoaktiven Pflanze. Eine neue toxikologische Analyse von Haaren und Nägeln zeigt, dass die Substanzen im Capacocha-Ritual keineswegs überall gleich eingesetzt wurden. Besonders aussagekräftig sind Proben, die frühere Untersuchungen noch als negativ eingestuft hatten. Damit wird sichtbar, wie unterschiedlich einzelne Berggottheiten und lokale Zeremonien im riesigen Inka-Reich behandelt worden sein dürften.

Hoch über den trockenen Tälern der Anden errichteten die Inka kleine Plattformen und steinerne Gräber an Vulkanen, die sie als mächtige Gottheiten verehrten. In diesen Heiligtümern wurden Kinder und junge Frauen im Rahmen der Capacocha-Zeremonie bestattet, nachdem sie oft eine lange Reise aus weit entfernten Teilen des Reiches hinter sich hatten. Ein internationales Team um Dagmara Socha von der Universität Warschau hat nun Haar- und Nagelproben aus mehreren solchen Bergheiligtümern erneut mit moderner Massenspektrometrie untersucht. Die Analyse in der Fachzeitschrift Antiquity verbindet dabei archäologische Fundumstände mit chemischen Spuren aus den letzten Lebenswochen und -monaten.

Solche Untersuchungen funktionieren, weil Haare und Nägel während ihres Wachstums Stoffwechselprodukte einlagern. Bei gut erhaltenen Inka-Mumien bleibt dadurch eine Art zeitlich geordnete chemische Spur zurück, die Hinweise auf konsumierte Pflanzen und Getränke liefern kann. Ähnliche Methoden haben bereits bei anderen archäologischen Funden Ernährung, Herkunft und Lebensumstände rekonstruiert, etwa bei der Gletschermumie Ötzi. Bei den Andenfunden kommt ein weiterer Vorteil hinzu: Kälte, Trockenheit und Höhe haben viele Gewebe außergewöhnlich gut konserviert.

Llullaillaco bewahrt Spuren aus dem höchsten Heiligtum

Zu den untersuchten Fundorten gehört Llullaillaco an der Grenze zwischen Argentinien und Chile. Dort lag das Inka-Heiligtum auf 6.715 Metern über dem Meeresspiegel und gilt als höchster bekannter archäologischer Fundplatz der Erde. Im Jahr 1999 wurden drei besonders gut erhaltene Kinderbestattungen freigelegt, darunter eine Jugendliche, ein jüngeres Mädchen und ein Junge. Frühere Analysen hatten bereits gezeigt, dass vor allem die ältere Jugendliche in der Zeit vor ihrem Tod zunehmend Kokablätter und Chicha, ein alkoholisches Maisgetränk, konsumiert hatte.

Die neue Untersuchung erweitert dieses Bild auf weitere Opferstätten. Bei allen analysierten Haarproben fanden die Wissenschaftler Coca-Alkaloide, darunter Kokain und sein Stoffwechselprodukt Benzoylecgonin. Diese Substanzen entstehen nach dem Kauen von Kokablättern und sind daher ein chemischer Fingerabdruck einer Pflanze, die in den Anden seit Jahrhunderten gegen Müdigkeit, Hunger und Höhenbeschwerden genutzt wird. Entscheidend ist dabei der archäologische Kontext: Kokablätter lagen bei Capacocha-Bestattungen auch als Beigabe in kleinen Taschen, und bei einzelnen Funden befanden sich gekaute Blattreste noch im Mund.

Das Muster spricht dafür, dass Coca kein zufälliger Bestandteil der Ernährung war. Die Pflanze gehörte offenbar zu einer ritualisierten Vorbereitung, die körperliche Belastungen lindern und zugleich eine religiöse Bedeutung besitzen konnte. Dass psychoaktive Pflanzen in den präkolumbischen Anden zeremoniell verwendet wurden, belegt auch ein anderer Fund aus Bolivien, bei dem psychotrope Substanzen in archäologischem Material nachgewiesen wurden.

Chuscha zeigt sechs Monate wechselnden Coca-Konsum

Besonders detailliert ist die Probe einer ungefähr achtjährigen Person vom Chuscha-Berg in Argentinien. Ihr Haar war lang genug, um es in mehrere Abschnitte zu teilen, wobei jeder Zentimeter ungefähr einen Lebensmonat repräsentiert. Dadurch konnten die Forscher einen Zeitraum von etwa sechs Monaten rekonstruieren. Die Konzentration der Coca-Spuren schwankte deutlich und nahm im letzten Abschnitt ab, während dort erstmals Cocaethylen auftauchte.

Cocaethylen entsteht im Körper nur, wenn Kokain beziehungsweise seine Vorläufer und Alkohol gleichzeitig vorhanden sind. Sein Nachweis liefert daher einen wesentlich direkteren Hinweis auf gemeinsamen Konsum als eine bloße Gefäßbeigabe. Bei der Chuscha-Probe deutet er darauf hin, dass Alkohol erst spät Teil der Vorbereitung wurde. Die Autoren warnen zugleich davor, aus der Konzentration eine exakte Trinkmenge abzuleiten, weil Einlagerung, Haarwachstum und jahrhundertelange Erhaltung den Messwert beeinflussen.

Gerade diese Probe macht sichtbar, weshalb ältere Ergebnisse nicht immer endgültig sind. Frühere Untersuchungen hatten bei Chuscha keine Coca-Spuren gefunden. Die aktuelle LC-MS/MS-Analyse erfasst deutlich geringere Konzentrationen und konnte sowohl Kokain als auch Benzoylecgonin sicher identifizieren. Der Fund zeigt damit nicht nur etwas über das Ritual, sondern auch über die Entwicklung archäologischer Chemie: Neue Messverfahren können jahrzehntealte Proben noch einmal völlig anders lesbar machen.

Ampato liefert Harmine aus einer einzelnen Nagelprobe

Ein weiteres auffälliges Ergebnis stammt vom Vulkan Ampato in Südperu. Dort wurde in den Nägeln einer etwa vierzehnjährigen Person eine geringe Menge Harmine gefunden. Harmine ist ein Alkaloid aus Pflanzen der Gattung Banisteriopsis und gehört zu den charakteristischen Bestandteilen von Ayahuasca-Zubereitungen. Bereits frühere Arbeiten desselben Forschungsteams hatten an anderen Ampato-Funden Harmine und Harmalin nachgewiesen, weshalb die neue Probe zu einem größeren Muster passt.

Der chemische Befund ist dennoch vorsichtig zu interpretieren. In der aktuellen Studie fehlen in dieser Probe die typischen Tryptamine, die bei vielen heutigen Ayahuasca-Rezepturen für starke halluzinogene Wirkungen verantwortlich sind. Die Inka könnten daher eine Pflanze mit Harmine allein oder eine anders zusammengesetzte Mischung verwendet haben. Hinzu kommt, dass Nägel Fremdstoffe anders einlagern als Haare und stärker durch Umweltkontamination beeinträchtigt werden können.

Diese Unsicherheit verändert die zentrale Aussage nicht: Die Opferstätten zeigen kein einheitliches Drogenrezept. Coca tritt wiederholt auf, Alkohol nur an einzelnen Orten, Harmine wiederum in einem anderen Fundzusammenhang. Damit passt die Chemie zu historischen Berichten, nach denen Capacocha keine überall identische Zeremonie war, sondern mit lokalen Gottheiten, Orakeln und regionalen religiösen Traditionen verbunden blieb.

Fünf Vulkane zeigen unterschiedliche Rituale im Inka-Reich

Aus Ampato, Chuscha, Llullaillaco, Quehuar und Sara Sara stammen die untersuchten Personen. Diese Orte liegen weit auseinander und gehörten zu einem Reich, das von den Anden Kolumbiens bis tief nach Chile und Argentinien reichte. Capacocha verband daher die politische Hauptstadt Cusco mit lokalen Heiligtümern, in denen Berggottheiten, sogenannte Apus, als mächtige Wesen mit Einfluss auf Wasser, Wetter und Fruchtbarkeit galten.

Nach historischen Berichten wurden die ausgewählten Kinder zunächst religiös geweiht und konnten anschließend in Cusco oder an weit entfernten Heiligtümern geopfert werden. Manche legten dabei große Entfernungen zu Fuß zurück und stiegen am Ende in Höhen auf, in denen Sauerstoffmangel, Kälte und Erschöpfung selbst für Erwachsene eine enorme Belastung sind. Coca konnte diese Strapazen körperlich erleichtern, während alkoholische oder harminehaltige Getränke zusätzlich die Stimmung und Wahrnehmung veränderten.

Für die Substanzen vermuten die Forscher deshalb mehrere Funktionen gleichzeitig. Ein Teil der Substanzen dürfte praktische Wirkungen gegen Hunger, Müdigkeit und Angst gehabt haben. Gleichzeitig besaßen Coca, Chicha und psychoaktive Pflanzen eine klare religiöse Bedeutung und konnten Divination oder Kommunikation mit den Gottheiten begleiten. Welche Funktion im Einzelfall überwog, lässt sich aus einem chemischen Nachweis allein nicht bestimmen.

Sieben weibliche Funde begrenzen Aussagen über Geschlechterrollen

Eine weitere Grenze für die Interpretation ergibt sich aus der Zusammensetzung der untersuchten Gruppe. Sieben der analysierten Personen waren weiblich, nur eine männlich. Daraus lässt sich kaum ableiten, ob Jungen und Mädchen grundsätzlich unterschiedliche Substanzen erhielten oder andere rituelle Rollen einnahmen. Innerhalb einzelner Fundorte zeigen die Proben eher Gemeinsamkeiten, was dafür spricht, dass der jeweilige Kultplatz und die verehrte Gottheit wichtiger gewesen sein könnten als das Geschlecht.

Auch die Erhaltung verfälscht das Bild. Drogen und ihre Stoffwechselprodukte zerfallen im Boden und in Gewebe mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, weshalb ein fehlender Nachweis nicht automatisch bedeutet, dass eine Substanz nie konsumiert wurde. Ein einmaliges Getränk kann chemisch verschwinden, während wiederholtes Kauen von Coca über Wochen deutlicher im Haar bleibt. Die Wissenschaftler betrachten ihre Ergebnisse daher als Mindestspur dessen, was während der Vorbereitung tatsächlich verabreicht wurde.

Weitere Analysen sollen vor allem Vergleichsmaterial aus zusätzlichen Heiligtümern und besser erhaltenen Haarproben liefern. Besonders interessant wären längere Haarsegmente, die mehrere Monate chronologisch abbilden und mit Gefäßresten, Pflanzenbeigaben sowie Isotopenanalysen kombiniert werden können. Dann ließe sich genauer erkennen, wann auf dem Weg in die Berge Nahrung, Coca oder Getränke wechselten und ob sich solche Veränderungen zwischen den einzelnen Apus systematisch unterschieden.

Antiquity, Toxicological studies on the Inca frozen mummies from volcanoes in Peru and Argentina; doi:10.15184/aqy.2026.10439

Proceedings of the National Academy of Sciences, Archaeological, radiological, and biological evidence offer insight into Inca child sacrifice; doi:10.1073/pnas.1305117110

Journal of Archaeological Science: Reports, Ritual drug use during Inca human sacrifices on Ampato mountain (Peru): Results of a toxicological analysis; doi:10.1016/j.jasrep.2022.103415

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