Funde in Ostwestfalen

In Bielefeld liegt ein 2.000 Jahre alter Hof unter einer Baugrube

 Dennis Lenz

In Bielefeld liegt ein 2.000 Jahre alter Hof unter einer Baugrube
(Symbolbild) Bei Bauarbeiten in Bielefeld-Stieghorst haben Archäologen einen Hof aus der späten Eisenzeit freigelegt. Pfostenspuren zeigen ein rund 20 Meter langes Haupthaus, das in das 3. bis 1. Jahrhundert vor Christus datiert. Die Bauweise gilt als Vorläufer der späteren germanischen Langhäuser in Westfalen. Eine Feuersteinpfeilspitze belegt zudem, dass sich an derselben Stelle bereits vor rund 4.000 Jahren Menschen aufhielten. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In Bielefeld haben Archäologen beim Bau eines Mehrfamilienhauses einen Hof entdeckt, der mehr als 2.000 Jahre alt ist. Pfostenspuren verraten ein rund 20 Meter langes Haupthaus und mehrere Nebengebäude aus der späten Eisenzeit. Die Bauweise des Hauses gilt als Vorläufer jener Langhäuser, in denen später die Germanen der Region lebten. Ein noch weit älterer Fund zeigt, dass die kleine Anhöhe schon lange vorher Menschen anzog.

Der Fundort liegt an der Grünberger Straße im Bielefelder Stadtbezirk Stieghorst, auf einer kleinen Kuppe am Rand des Baderbachs. Solche Lagen gelten Archäologen als besonders vielversprechend, denn Menschen suchten seit jeher erhöhte, trockene Plätze in der Nähe von Wasser. Deshalb begleitete die LWL-Archäologie für Westfalen die Arbeiten an der Baugrube für das geplante Mehrfamilienhaus von Beginn an. Als sich im Boden Spuren einer alten Besiedlung zeigten, grub eine archäologische Fachfirma unter der Leitung von Angelina Friedrich die Fläche aus und dokumentierte sie. Sven Spiong, Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie, betont, dass die Lage des Bauplatzes den Ausschlag für die archäologische Begleitung gegeben habe. Ohne diese Vorsicht wären die Spuren in Bielefeld wohl unbemerkt verloren gegangen.

Die Region am nördlichen Rand des Teutoburger Waldes gehört zu den Gebieten Westfalens mit einer besonders hohen Dichte archäologischer Fundstellen. Als Gründe dafür gelten die Nähe zu Bächen und Quellen sowie die fruchtbaren Lössböden, die sich gut für den Ackerbau eignen. Sebastian Düvel, wissenschaftlicher Referent beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, beschreibt die Lage mit einer bemerkenswerten Einschätzung: An jedem Bach, der hier vom Höhenzug herabfließt, liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrere Siedlungen aus verschiedenen Epochen. Ein Beispiel ist die germanische Siedlung im nur 1,2 Kilometer westlich gelegenen Bielefeld-Sieker. Der neu entdeckte Hof in Stieghorst ist allerdings rund 300 Jahre älter als diese Siedlung und gibt damit Einblick in eine noch frühere Phase der Besiedlung.

Wie das Haupthaus vor 2.000 Jahren aufgebaut war

Vom eisenzeitlichen Hof sind keine Mauern erhalten, denn die Menschen bauten damals mit Holz, Lehm und Stroh. Geblieben sind Pfostenspuren, also dunkle Verfärbungen im Boden an jenen Stellen, an denen einst die tragenden Holzpfosten standen. Aus ihrer Anordnung lässt sich der Grundriss der Gebäude rekonstruieren. Das Haupthaus war demnach etwa 20 Meter lang und 7 Meter breit, eine beachtliche Größe für einen bäuerlichen Hof jener Zeit. Hinzu kommen mindestens vier kleinere Nebengebäude, die wohl als Speicher, Werkstätten oder Ställe dienten. Damit die Befunde in der Fläche besser zu erkennen sind, ließen die Archäologen beim Ausgraben schmale Stege in der Erde stehen, an denen sich die Abfolge der Schichten im Querschnitt ablesen lässt.

Für die Datierung ist vor allem die Bauweise entscheidend. Das Haupthaus besaß Doppelpfosten, die in einer Linie unter dem Dachfirst standen, eine Konstruktion, die für Häuser der späten Eisenzeit typisch ist. Zwei gegenüberliegende Eingänge in der Mitte der Längsseiten führten zu einem Flur, der das Gebäude in einen Ost- und einen Westteil gliederte. Nach bisherigem Forschungsstand verbreitete sich diese Hausform zu Beginn der späten Eisenzeit in Westfalen. Sie gilt als Vorläufer der späteren germanischen Langhäuser, wie sie auch in der Umgebung von Bielefeld nachgewiesen wurden. In solchen Häusern lebten Menschen und Vieh oft unter einem Dach, getrennt durch den Flur in der Mitte. Zusammen mit typischen Keramikscherben datieren die Archäologen den Hof in das 3. bis 1. Jahrhundert vor Christus.

Wozu dienten die Steinschüttungen im Hof?

Innerhalb des Hofareals entdeckten die Archäologen einen weiteren aufschlussreichen Befund. Drei in einer Reihe angeordnete Schüttungen aus Keramik und Steinen lagen flach in den Boden eingetieft, darunter fanden sich Brandschichten. Nach Einschätzung der Ausgräber dienten diese Anlagen vermutlich dem Garen von Speisen. Erhitzte Steine speichern Wärme lange und geben sie gleichmäßig ab, was sie für das Kochen ohne offenen Herd geeignet macht. Dass gleich drei solcher Stellen nebeneinander lagen, könnte darauf hindeuten, dass hier regelmäßig und in größerem Umfang Nahrung zubereitet wurde. Solche Befunde geben einen seltenen Einblick in den Alltag eines Hofes, der sonst nur aus Pfostenspuren und Scherben bekannt ist.

Die Keramikscherben selbst sind für die Archäologen ebenfalls wertvoll. Ihre Form, Verzierung und Machart verändern sich im Lauf der Jahrhunderte, sodass sie wie ein Kalender zur Datierung genutzt werden können. Zugleich verraten sie, welche Gefäße im Haushalt verwendet wurden und ob es Kontakte zu anderen Regionen gab. Die Funde aus Bielefeld werden nun ausgewertet und mit anderen Fundstellen in Ostwestfalen verglichen. Gerade die Kombination aus Hausgrundriss, Nebengebäuden, Kochstellen und Keramik macht den Platz interessant, denn sie erlaubt es, einen ganzen Hof mit seinen verschiedenen Funktionen zu rekonstruieren. Für die Eisenzeit in der Region sind solche vollständigen Hofanlagen ein wichtiger Baustein, um die Besiedlung vor der Römerzeit besser zu verstehen.

Wer war die Eilshausener Gruppe?

Die Menschen, die in den Jahrhunderten vor Christus in Ostwestfalen und Teilen des angrenzenden Niedersachsens lebten, bezeichnet die Forschung als Eilshausener Gruppe. Der Name geht auf eine Fundstelle in Hiddenhausen-Eilshausen im Kreis Herford zurück. Archäologisch lässt sich diese Gruppe vor allem anhand bestimmter Brandbestattungen und Grabbeigaben von ihren Nachbarn unterscheiden. Die Toten wurden verbrannt und ihre Überreste in Urnen beigesetzt, wobei die Ausstattung der Gräber charakteristische Merkmale zeigt. Der Hof in Bielefeld-Stieghorst gehört in das Siedlungsgebiet dieser Gruppe und ergänzt das Bild, das bislang vor allem aus Gräbern gewonnen wurde, um einen Blick in den bäuerlichen Alltag der Lebenden.

Die Bezeichnung als eigene Gruppe bedeutet allerdings nicht, dass die Menschen isoliert lebten. Archäologische Befunde werden als Hinweise auf Verbindungen nach Nordosten zur sogenannten Jastorf-Kultur gedeutet, die im Norden Deutschlands verbreitet war. Insbesondere seit dem 3. Jahrhundert vor Christus zeigen sich zudem Einflüsse aus der keltischen Welt im Süden und Westen. Ostwestfalen lag damit in einer Übergangszone zwischen zwei großen Kulturräumen der Eisenzeit. Wie die LWL-Archäologie in ihrer Mitteilung zur Grabung erläutert, fügt sich der neue Hof gut in dieses Bild einer vernetzten Region ein, deren Bewohner Ideen, Waren und Bautechniken aus mehreren Richtungen aufnahmen.

Warum die Feuersteinpfeilspitze doppelt so alt ist

Neben den Spuren des eisenzeitlichen Hofes entdeckten die Archäologen eine fein gearbeitete Pfeilspitze aus Feuerstein. Sie wird auf ein Alter von rund 4.000 Jahren datiert und ist damit etwa doppelt so alt wie der Hof. Feuerstein lässt sich durch gezieltes Schlagen in scharfkantige Formen bringen und war über Jahrtausende das wichtigste Material für Werkzeuge und Waffen. Eine solche Pfeilspitze erforderte viel Geschick, denn schon ein falscher Schlag konnte das Stück unbrauchbar machen. Der Fund zeigt, dass sich auf der kleinen Kuppe am Baderbach bereits lange vor den Bauern der Eisenzeit Menschen aufhielten, vielleicht als Jäger, vielleicht in einer frühen Siedlung, deren Spuren bislang nicht gefunden wurden.

Damit bestätigt die Grabung die Einschätzung der Archäologen, dass günstige Plätze in der Region immer wieder genutzt wurden. Wasser, fruchtbarer Boden und eine trockene Anhöhe machten den Ort über Jahrtausende attraktiv, für Jäger ebenso wie für Bauern. Für Bielefeld ist der Fund ein weiterer Hinweis darauf, wie viel Geschichte unter den heutigen Wohngebieten verborgen liegt. Viele dieser Spuren kommen nur zum Vorschein, wenn Baugruben ausgehoben werden und Archäologen die Arbeiten begleiten. Die Dokumentation sichert das Wissen, auch wenn die Fundstelle selbst anschließend überbaut wird. Wo bald Menschen in einem Mehrfamilienhaus wohnen, lebte vor über 2.000 Jahren bereits eine Bauernfamilie in einem Haus, das zu den Vorläufern der germanischen Langhäuser in Westfalen zählt.

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