Steinzeit unter Wasser

Im Arendsee liegen 10.500 Jahre alte Hölzer in 20 Metern Tiefe

 Dennis Lenz

Im Arendsee liegen 10.500 Jahre alte Hölzer in 20 Metern Tiefe
(Symbolbild) Im Arendsee im Norden Sachsen-Anhalts haben Forschungstaucher bis zu 10.500 Jahre alte Hölzer aus der Mittelsteinzeit geborgen. Die Stücke tragen Bearbeitungsspuren von Jägern und Sammlern und lagen in rund 20 Metern Tiefe unter einer dünnen Sedimentschicht. Holz aus dieser Epoche ist in Mitteleuropa äußerst selten erhalten. Ob die Funde von Hütten oder bisher unbekannten Holzkonstruktionen stammen, klären die laufenden Untersuchungen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im Arendsee im Norden Sachsen-Anhalts haben Taucher bis zu 10.500 Jahre alte Hölzer geborgen, die eindeutig von Menschenhand bearbeitet wurden. Die Stücke stammen aus der Mittelsteinzeit, einer Epoche, aus der Holz in Mitteleuropa nur äußerst selten überdauert hat. Ein 1,60 Meter hoher Pfahl mit Fällspuren wirft eine Frage auf, die das Bild der damaligen Menschen grundlegend verändern könnte.

Der Arendsee im Altmarkkreis Salzwedel ist für Badegäste ein beliebtes Ausflugsziel, für Archäologen dagegen ein Fenster in eine weit entfernte Vergangenheit. Unter seiner Oberfläche liegt in rund 20 Metern Tiefe eine Landschaft, die vor mehr als zehn Jahrtausenden ein Seeufer war und von Menschen genutzt wurde. Diese Menschen lebten in der Mittelsteinzeit, die Archäologen Mesolithikum nennen. Die Epoche begann nach dem Ende der letzten Eiszeit und endete in Mitteldeutschland erst mit der Einwanderung der ersten Bauern um 5.500 vor Christus. Die Menschen jener Zeit waren noch nicht dauerhaft sesshaft, sie ernährten sich von der Jagd, vom Sammeln und vom Fischfang. Von ihrem Leben zeugen meist nur Steinwerkzeuge, Tierknochen und Feuerstellen, denn organisches Material wie Holz zerfällt unter normalen Bedingungen innerhalb weniger Jahrtausende fast vollständig.

Umso größer ist die Bedeutung der neuen Funde. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt betreibt im Arendsee bereits seit mehreren Jahren Unterwasserarchäologie und hat dort immer wieder bemerkenswerte Entdeckungen gemacht. Aufsehen erregten etwa jungsteinzeitliche Fischzäune, ein hochmittelalterlicher Prahm, also ein flachbodiges Lastschiff, und ein spätmittelalterlicher Einbaum. Im Jahr 2026 gelang den Tauchern nun ein Vorstoß in eine noch deutlich ältere Zeit. Sie bargen Hölzer, die bis zu 10.500 Jahre alt sind und Spuren der Bearbeitung durch Jäger und Sammler tragen. Damit erweitert sich das Zeitfenster, in dem sich menschliche Spuren unter dem See untersuchen lassen, um mehrere Jahrtausende. Zugleich werfen die Funde ein neues Licht auf eine Epoche, aus der in Mitteldeutschland bislang kaum Bauwerke bekannt sind.

Warum der Arendsee Holz über 10.500 Jahre bewahrt hat

Dass im Arendsee überhaupt so alte Hölzer erhalten sind, liegt an einer geologischen Besonderheit. Die meisten Binnengewässer verlanden im Lauf der Jahrtausende allmählich, sie füllen sich mit Schlamm und Pflanzenresten und werden flacher. Beim Arendsee verläuft die Entwicklung umgekehrt. Unter dem See liegt ein Salzstock, und durch geologische Prozesse im Untergrund sinkt der Seegrund langsam ab. Die Uferzone, an der sich vor über 10.000 Jahren Menschen aufhielten, ist dadurch nach und nach in die Tiefe gewandert. Wie das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in seiner Mitteilung erläutert, liegen die Funde heute in rund 20 Metern Tiefe unter einer nur dünnen Sedimentschicht und sind ausgezeichnet konserviert.

Unter Wasser und vom Sauerstoff weitgehend abgeschnitten, können Bakterien und Pilze Holz nur sehr langsam zersetzen. Die Kombination aus Tiefe, kühlem Wasser und schützender Sedimentdecke wirkt deshalb wie eine natürliche Zeitkapsel. Gleichzeitig macht genau diese Lage die Arbeit der Archäologen schwierig. In 20 Metern Tiefe sind Sicht, Orientierung und Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, und jeder Tauchgang ist zeitlich begrenzt. Ausgrabungen im klassischen Sinn, bei denen Schicht für Schicht abgetragen und dokumentiert wird, sind unter diesen Bedingungen nur mit großem Aufwand möglich. Die Taucher müssen Fundstellen deshalb besonders gezielt anfahren und jedes geborgene Stück präzise verorten, damit sich später rekonstruieren lässt, wie die Hölzer ursprünglich angeordnet waren.

Was die Taucher in 20 Metern Tiefe gefunden haben

Neben den Funden, die für die Mittelsteinzeit typisch sind, etwa Steingeräte und Tierknochen, stießen die Taucher auf Hölzer, die aus dieser Epoche nur sehr selten erhalten bleiben. Landesarchäologe Harald Meller hebt hervor, dass Bauten aus dem Mesolithikum in Mitteldeutschland bislang ausschließlich in Form von Erdverfärbungen bekannt sind. Solche dunklen Flecken im Boden zeigen zwar, wo einst Pfosten standen, sie verraten aber nichts über das Holz selbst, seine Bearbeitung oder die Konstruktion. Die Funde aus dem Arendsee könnten diese Lücke erstmals schließen, denn hier ist das Material selbst erhalten. Für die Forschung bedeutet das einen Unterschied wie zwischen dem Abdruck eines Gegenstands und dem Gegenstand selbst.

Besonders auffällig ist ein etwa 1,60 Meter hoher Pfahl, der deutliche Fäll- und Bearbeitungsspuren trägt. Hinzu kommen Spaltbretter mit einer Länge von bis zu 1,30 Metern. Nach ersten Einschätzungen der Archäologen könnten diese Stücke Teile ehemaliger Konstruktionen gewesen sein. Der Pfahl wäre dann womöglich ein tragendes Element eines Bauwerks gewesen. Spaltbretter wiederum entstehen, wenn ein Stamm entlang seiner Faserrichtung aufgetrennt wird, eine Technik, die Werkzeuge, Erfahrung und Planung voraussetzt. Dass Menschen ohne Metallwerkzeuge solche Bretter herstellten, zeigt, wie geschickt sie mit Stein, Holz und Keilen umzugehen wussten. Welche Holzarten verwendet wurden und wie genau die Stücke bearbeitet sind, sollen weitere Untersuchungen im Labor zeigen.

Gab es schon vor 10.500 Jahren feste Bauten?

Die entscheidende Frage ist, wozu die Hölzer einst gehörten. Möglich sind Reste von Hütten, aber auch völlig neue, bislang unbekannte Holzkonstruktionen. Marcel Weiß, Projektleiter auf Seiten des Landesamts, verweist auf die Tragweite dieser Frage. Sollten bereits vor 10.500 Jahren dauerhafte Bauten oder intensiv gestaltete Lebensräume existiert haben, also rund 3.000 Jahre vor der Ankunft der ersten Bauern mit ihren Langhäusern in Mitteleuropa, hätte das weitreichende Folgen. Es würde nicht nur das Bild von Jägern und Sammlern als ständig umherziehenden Gruppen verändern, sondern auch die Frage berühren, wann der Mensch begann, seine Umgebung dauerhaft zu formen. Bislang wird der Übergang von einer natürlichen Umwelt zu einer Kulturlandschaft mit den ersten Bauern verbunden, die um 5.500 vor Christus nach Mitteldeutschland einwanderten.

Der Arendsee bietet aus Sicht der Forscher deshalb eine einmalige Gelegenheit, die Wurzeln der modernen Welt kennenzulernen. Zeitlich fallen die Funde in die Epoche, in der auch die berühmte Schamanin von Bad Dürrenberg lebte, deren reich ausgestattetes Grab zu den spektakulärsten Befunden der mitteleuropäischen Archäologie zählt. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle widmet ihr derzeit die Sonderausstellung, die bis zum 7. Februar 2027 verlängert wurde. Die Hölzer aus dem Arendsee könnten zeigen, in welcher Umgebung Menschen wie die Schamanin von Bad Dürrenberg lebten, wie sie ihre Lagerplätze gestalteten und ob sie bereits feste Bauwerke errichteten. Noch ist die Deutung offen, und die Archäologen betonen ausdrücklich, dass erst weitere Untersuchungen eine sichere Antwort erlauben.

Wie Unterwasserroboter das versunkene Ufer kartieren

Die eigentliche Entdeckung gelang bereits im Frühjahr 2026. Anschließend bargen die Taucher weitere Proben und einzelne Funde, um die Ausdehnung und das Alter der Fundstelle genauer zu bestimmen. In einer zweiten Kampagne arbeitete das Landesamt mit dem Fraunhofer IOSB-AST in Ilmenau zusammen. Mit einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug, einem sogenannten Remotely Operated Vehicle, fertigten die Forscher hochauflösende Sonarscans des Seegrunds an. Diese Aufnahmen dokumentieren das Relief des einstigen Ufers, also jene Landschaft, die Menschen vor über 10.000 Jahren tatsächlich betreten haben. Taucheinsatzleiter Sven Thomas bezeichnet die Unterstützung durch moderne Technik als unschätzbar wertvoll, weil sie die begrenzte Zeit unter Wasser deutlich effizienter macht.

Durch die genaue Lagebestimmung der einzelnen Fundstellen lassen sich nun Verdachtsflächen eingrenzen und künftige Tauchgänge gezielt planen. Statt den gesamten Seegrund absuchen zu müssen, können die Archäologen dort ansetzen, wo das alte Ufer und die bisherigen Funde weitere Hölzer erwarten lassen. Die Altersangaben stützen sich auf erste Untersuchungen, und weitere naturwissenschaftliche Analysen sollen das Bild präzisieren. Auch die Meldung im Informationsdienst Wissenschaft unterstreicht, dass die Forschung erst am Anfang steht. Für die Archäologie in Mitteldeutschland könnte der Arendsee damit zu einem Schlüsselort werden, an dem sich das Leben der letzten Jäger und Sammler vor der Ankunft der Bauern so genau rekonstruieren lässt wie kaum anderswo.

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