An der Mittelmeerküste der Südtürkei haben Forscher eine Höhle untersucht, in der sich über einen Zeitraum von mehr als 20.000 Jahren zwei Menschenarten abwechselten. Zuerst nutzten Neandertaler den Ort, später zog der moderne Mensch ein. Bemerkenswert ist, dass sich die Werkzeugtechnik, die Jagdstrategien und selbst das Sammeln bestimmter Meeresschnecken über den gesamten Zeitraum kaum veränderten. Der Befund stellt die verbreitete Vorstellung eines abrupten Bruchs beim Übergang von Neandertaler zu Homo sapiens infrage und rückt die Levante als Schlüsselregion der frühen Menschheitsgeschichte erneut in den Fokus.
Die Region zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Vorderen Orient, allgemein als Levante bezeichnet, gilt seit Langem als natürlicher Korridor zwischen Afrika und Eurasien. Über diesen Landweg breitete sich der moderne Mensch bei seiner Ausbreitung aus Afrika, dem sogenannten Out-of-Africa-Ereignis, in mehreren Wellen nach Norden und Osten aus. Genau in dieser Durchgangszone trafen Homo sapiens und Neandertaler wiederholt aufeinander. Menschliche Fossilien aus dem entscheidenden Zeitfenster vor rund 50.000 bis 60.000 Jahren sind in der Levante jedoch selten, was die Rekonstruktion dieser Kontaktphase erschwert. Fundstellen, die zugleich Knochenreste und kulturelle Hinterlassenschaften über lange Zeiträume bewahren, sind besonders wertvoll, weil sie zeigen, wie sich Technik und Verhalten über Generationen entwickelten und ob ein Wechsel der Menschenart tatsächlich mit einem Wandel der Lebensweise einherging.
Der moderne Mensch und der Neandertaler bevölkerten die Erde über Zehntausende Jahre gemeinsam, bevor die Neandertaler vor etwa 40.000 Jahren verschwanden. Viele heute lebende Menschen tragen noch einen kleinen Anteil neandertalischen Erbguts in sich, ein Beleg dafür, dass es zwischen beiden Gruppen zu wiederholten Kontakten und auch zu Vermischung kam. Über die Frage, wie eng sich diese Kontakte gestalteten und ob beide Arten kulturelle Gewohnheiten teilten, wird in der Forschung seit Jahren diskutiert. Frühere Funde belegen bereits, dass beide Menschenformen in Teilen Europas über mehrere Jahrtausende koexistierten, wie Untersuchungen zeigen, laut denen moderne Menschen und Neandertaler Mittel- und Nordwesteuropa gemeinsam bevölkerten. Die neue Untersuchung aus der Türkei verlängert diese Perspektive nun deutlich und verlagert sie in eine geografische Schlüsselregion.
Ein Team um den Archäologen Naoki Morimoto von der Kyoto University führte über fünf Jahre hinweg Ausgrabungen in der Üçağızlı-II-Höhle durch. Bei den äußerst aufwendigen Arbeiten trugen die Forscher das Sediment schichtweise und millimetergenau ab, um die zeitliche Abfolge möglichst präzise zu erfassen. Insgesamt bargen sie mehr als 19.000 Steinartefakte sowie Fossilien, Tierknochen, Pflanzenreste und Meeresschnecken. Zahn- und Kieferfragmente aus den älteren Schichten wurden anhand ihrer Morphologie dem Neandertaler zugeordnet, jene aus der jüngeren oberen Schicht dem modernen Menschen. Nach den Datierungen nutzten Neandertaler die Höhle vor rund 77.000 bis 59.000 Jahren, der Homo sapiens folgte vor etwa 59.000 bis 47.000 Jahren. Damit schließt der Fund eine seit Langem bestehende Lücke im Fossilbericht der Region.
Entscheidend ist weniger der Wechsel der Menschenart selbst als das, was über den gesamten Zeitraum konstant blieb. Die Steinwerkzeuge aus allen Schichten folgen weitgehend Traditionen des späten Mittelpaläolithikums, darunter Techniken vom Mousterien-Typ, die üblicherweise mit Neandertalern in Verbindung gebracht werden. Unter den mehr als 7.000 näher analysierten Stücken finden sich Schaber, Spitzen und Levallois-Abschläge. Auch die Auswahl der Rohstoffe, überwiegend Feuerstein, blieb bemerkenswert stabil. Hinzu kommt, dass beide Gruppen gezielt bestimmte Meeresschnecken sammelten, die nicht als Nahrung dienten, sondern auf symbolisches Verhalten hindeuten. Eine der Schnecken zeigt eine Durchbohrung und eine hitzebedingte Farbveränderung. Der Übergang von den Neandertaler-Schichten zu den Schichten des modernen Menschen war damit nicht von einem scharfen kulturellen Bruch geprägt, sondern von auffälliger Kontinuität.
In der klassischen Erzählung ersetzt der ankommende Homo sapiens die Neandertaler rasch und bringt zugleich neue Technologien und Verhaltensweisen mit. Die Befunde aus der Höhle in der Türkei zeichnen ein weniger dramatisches, aber vielschichtigeres Bild. Die Forscher sprechen von einem kulturellen Kontinuum über eine taxonomische Abfolge hinweg. Vereinfacht ausgedrückt wechselten die Menschen, viele ihrer Praktiken jedoch blieben erhalten. Dieselbe breite Werkzeugtradition, vergleichbare Jagdstrategien und das wiederkehrende Interesse an ausgewählten Schnecken zogen sich durch den gesamten Übergang. Die Frage, warum am Ende nur der moderne Mensch überlebte, bleibt damit weiterhin offen und lässt sich nicht allein über technische Überlegenheit erklären, wie auch andere Deutungen zum symbolischen Verhalten des Neandertalers nahelegen.
Wichtig ist die Einschränkung, dass die Funde nicht belegen, dass beide Menschenarten gleichzeitig in der Höhle lebten. Ebenso wenig lässt sich daraus eine gemeinsame Kultur im modernen Sinn ableiten. Der Befund zeigt vielmehr, dass der Wandel im Alltag beim Übergang zwischen den Schichten fließend verlief. Genau darin liegt der wissenschaftliche Wert der Fundstelle, denn Orte, die sowohl Fossilien als auch kulturelle Spuren aus der Zeit des Neandertaler-Verschwindens bewahren, sind ausgesprochen rar. Für die Erforschung der frühen Menschheitsgeschichte unterstreicht die Untersuchung die Bedeutung der türkischen Mittelmeerküste als Drehscheibe für Wanderung, Kontakt und kulturelle Weitergabe zwischen Afrika, dem Nahen Osten und Europa. Künftige Grabungen an vergleichbaren Fundstellen könnten klären, wie verbreitet solche langen Kontinuitäten tatsächlich waren.
PNAS, Long-term cultural continuity from Neanderthals to modern humans in Üçağızlı II cave in the northern Levant; doi:10.1073/pnas.2609061123