Rituelle Tonfigur

Haniwa aus Japan ist 40 Zentimeter hoch und trägt Ritualstab

 Dennis Lenz

Haniwa aus Japan ist 40 Zentimeter hoch und trägt Ritualstab
(Symbolbild) Die Haniwa aus Gunma gehört zu den frühen menschlich gestalteten Tonfiguren der Region. Rote Pigmentreste, Schmuckdetails und der stabförmige Gegenstand verweisen auf eine sorgfältig inszenierte rituelle Rolle. Der Fund stammt aus dem Umfeld eines bedeutenden Grabhügels am Nishikaminomiya-Fundplatz und hilft, Bestattungsszenen der Kofun-Zeit genauer zu verstehen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im japanischen Gunma ist eine außergewöhnlich gut erhaltene Haniwa-Figur aus Ton geborgen worden, von der Kopf und Oberkörper noch rund 40 Zentimeter messen. Die etwa 1.500 Jahre alte Darstellung trägt rote Pigmentreste, einen quer über die Brust verlaufenden Gurt und in der linken Hand einen stabförmigen Gegenstand. Archäologen deuten die Figur als weibliche Ritualperson, deren Kleidung und Haltung ungewöhnlich sorgfältig modelliert wurden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Figur selbst, sondern der Ort, an dem sie lag.

Am Fundplatz Nishikaminomiya in der Stadt Isesaki untersuchen Archäologen ein ausgedehntes Gräberfeld am Tone-Fluss. Die Figur kam aus dem Graben eines großen Grabhügels, also aus einem Bereich, der zum inszenierten Umfeld einer Bestattung gehörte. Nach Angaben der Präfektur Gunma ist sie besonders wertvoll, weil sie zu den frühen menschlich gestalteten Haniwa der Region gehört und zahlreiche Details bewahrt hat, die sonst oft fehlen.

Haniwa sind hohle Tonfiguren, die während der Kofun-Zeit auf oder an Grabhügeln aufgestellt wurden. Manche zeigen Häuser, Tiere oder Geräte, andere Menschen mit auffälliger Kleidung, Schmuck oder Werkzeugen. Gerade diese menschlichen Figuren sind für Archäologen wichtig, weil sie Hinweise auf Rang, Zeremonien und die visuelle Ordnung einer Bestattung geben. Der neue Fund liefert dafür ungewöhnlich viele Merkmale in einem einzigen Objekt.

Nishikaminomiya bewahrt rote Pigmente und einen Ritualstab

Das Gesicht der Figur trägt noch Spuren roter Farbe, ebenso Teile des Gewands und der Schmuckelemente. Auch der quer über den Oberkörper verlaufende Gurt war farblich hervorgehoben. Solche Pigmentreste verändern den Eindruck von Haniwa erheblich, denn die heute meist erdfarbenen Stücke waren ursprünglich nicht zwangsläufig monochrom. An dieser Figur lässt sich erkennen, dass Farbe gezielt eingesetzt wurde, um einzelne Körper- und Kleidungsteile sichtbar voneinander zu trennen.

Besonders auffällig ist die Frisur. Das Haar wurde als hoch sitzende, gebundene Form modelliert, die in der Fachliteratur mit weiblichen Darstellungen dieser Epoche verbunden wird. Hinzu kommen aus Ton geformte Finger, ein Armband und weitere Schmuckdetails. Selbst die Nasenöffnungen wurden durchstochen. Die handwerkliche Sorgfalt reicht damit bis zu Partien, die aus größerer Entfernung kaum zu erkennen gewesen wären.

In der linken Hand hält die Figur einen schmalen, stabförmigen Gegenstand. Die Ausgräber interpretieren ihn als mögliches Ritualgerät, ohne seine genaue Funktion festzulegen. Zusammen mit Kleidung, Schmuck und Frisur spricht das für eine Figur, die nicht als gewöhnliche Alltagsperson gedacht war. Die Präfektur bezeichnet die Darstellung als Miko, also als weibliche religiöse Amtsträgerin beziehungsweise Ritualperson. Welche konkrete Zeremonie hier gemeint war, lässt sich aus dem Fund allein nicht rekonstruieren.

Tumulus 1 verändert die Form des Gräberfelds

Die Haniwa lag nicht zufällig irgendwo im Siedlungsboden, sondern im Graben des zentralen Grabhügels. Dieser Hügel war zunächst als rundes Monument verstanden worden. Neuere Grabungen an seiner Südseite zeigten jedoch einen vorspringenden Bereich, einen sogenannten Tsukuridashi. Solche Plattformen konnten Teil der zeremoniellen Gestaltung sein und boten Platz für Aufstellungen oder Handlungen am Rand des Grabmonuments.

Genau unterhalb eines solchen Bereichs kam die Figur im Graben zum Vorschein. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass sie ursprünglich weiter oben aufgestellt war und später hinabstürzte. Damit besitzt das Objekt einen klaren archäologischen Kontext: Position, Architektur und Skulptur lassen sich gemeinsam untersuchen. Das ist aussagekräftiger als eine isolierte Figur ohne dokumentierten Fundort.

Vom selben Grabhügel stammt außerdem ein Teil eines bootförmigen Steinsarkophags. Zusammen mit der Größe des Monuments spricht dieser Befund dafür, dass hier eine Person mit hohem gesellschaftlichem Rang bestattet wurde. Rund um den zentralen Hügel wurden weitere Gräber erfasst, wodurch sich Nishikaminomiya als zusammenhängende Nekropole und nicht als einzelnes Monument erschließt.

Gunma ordnet die Figur in eine frühe Haniwa-Phase ein

Menschenförmige Haniwa entwickelten sich später als die einfacheren zylindrischen Formen. In Gunma treten sie erst in einer fortgeschrittenen Phase der Kofun-Kultur deutlicher hervor. Die neue Figur wird in die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts eingeordnet und zählt damit in der Präfektur zu den frühen gut erhaltenen Beispielen.

Für den Vergleich ist auch wichtig, dass aus Gunma bereits andere weibliche Haniwa bekannt sind. Das japanische Nationalmuseum zeigt beispielsweise eine rituelle Frauendarstellung aus derselben Präfektur, bei der Kleidung, Schmuck und Geräte ebenfalls eine besondere Stellung markieren. Solche Vergleiche helfen, wiederkehrende Merkmale von individuell modellierten Besonderheiten zu trennen.

Die neue Haniwa unterscheidet sich dennoch durch ihren gesicherten Fundzusammenhang. Ihr Verhältnis zum Grabhügel, zur vorspringenden Plattform und zum Graben ist dokumentiert. Dadurch können Archäologen nicht nur fragen, wen die Figur darstellen sollte, sondern auch, wo sie innerhalb einer größeren Bestattungsszene stand. Gerade diese räumliche Komponente ist für die Deutung der Kofun-Gräber wichtig.

Tone-Fluss brachte die Grabung überhaupt ins Rollen

Dass der Fund heute so genau dokumentiert werden kann, hängt mit einem modernen Infrastrukturprojekt zusammen. Die Untersuchungen in Nishikaminomiya begannen im Zusammenhang mit Arbeiten zur Verbesserung des Flussbereichs am Tone. Solche Rettungsgrabungen erfassen archäologische Strukturen, bevor Bau- oder Sicherungsmaßnahmen den Untergrund verändern.

Seit Beginn der Untersuchungen wurden am Fundplatz elf Grabhügel erkannt. Damit lässt sich die Bestattungslandschaft Schritt für Schritt als Ensemble lesen. Unterschiedliche Gräben, Hügelkonturen, Keramik- und Haniwa-Funde zeigen, dass die Anlage über längere Zeit genutzt und verändert wurde. Die Figur gehört deshalb zu einem größeren Bild lokaler Eliten und ihrer Bestattungsrituale.

Aus Japan sind auch andere Formen gezielter Körper- und Statusdarstellung archäologisch bekannt. Bei früheren Funden beschäftigten sich Forscher etwa mit künstlich veränderten Kopfformen im alten Japan. Beide Themen zeigen, wie stark sichtbare Merkmale soziale Zugehörigkeit, Identität oder rituelle Funktionen markieren konnten, auch wenn zwischen den jeweiligen Kulturen und Zeitstellungen keine direkte Verbindung behauptet werden kann.

Shibukawa zeigt den Fund erstmals öffentlich

Nach der Bergung wurde die Haniwa nicht im Boden belassen, sondern konserviert und für eine öffentliche Präsentation vorbereitet. Das Fundstück ist im Informationsmuseum des Gunma Prefectural Archaeological Research Center in Shibukawa zu sehen. Besucher können dort gerade jene feinen Merkmale betrachten, die in einer Grabungssituation oder aus größerer Entfernung kaum auffallen würden.

Für die Forschung bleibt vor allem offen, wie genau solche weiblichen Figuren in den rituellen Ablauf rund um einen Grabhügel eingebunden waren. Der Stab in der Hand liefert einen konkreten Ansatzpunkt, seine Funktion ist jedoch noch nicht geklärt. Weitere Vergleiche mit Haniwa aus sicher dokumentierten Fundzusammenhängen könnten zeigen, ob dieses Objekt zu einem wiederkehrenden Bildprogramm gehörte oder eine lokale Besonderheit darstellt.

Die Grabungsfläche selbst soll nach Angaben der Behörden nicht allgemein geöffnet werden. Damit verlagert sich die nächste Phase von der Bergung zur Auswertung: Form, Pigmente, Platzierung und Vergleichsstücke müssen zusammengeführt werden, bevor sich die Rolle der Figur innerhalb des Grabhügels genauer eingrenzen lässt.

Gunma Prefecture, 西上之宮遺跡出土の人物埴輪の初公開

Gunma Archaeological Research Foundation, 西上之宮遺跡

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