Rezept aus Gold und Silber

Gold im Glas lässt 1.600 Jahre alten Römerbecher rot glühen

 Dennis Lenz

Gold im Glas lässt 1.600 Jahre alten Römerbecher rot glühen
Der Lycurgus-Becher aus dem 4. Jahrhundert im British Museum, zweimal fotografiert: Im Licht von vorn erscheint das Glas jadegrün (links), von hinten beleuchtet leuchtet es rot (rechts). Rechts ist König Lykurg zu sehen, den eine Weinrebe gefangen hält. Forscher der University of Sheffield haben den Farbwechsel nun nachgebaut. (Foto: © Vassil, Marie-Lan Nguyen (Montage), Wikimedia Commons, CC0 / CC BY 2.5)

Von vorn beleuchtet ist er jadegrün, mit der Lampe dahinter glüht er rubinrot. Forscher der University of Sheffield haben das Glas des rund 1.600 Jahre alten Lycurgus-Bechers aus dem British Museum nachgebaut, wie The Guardian berichtet. Den Effekt erzeugen Gold- und Silberteilchen, tausendmal kleiner als ein Sandkorn.

So entstand das neue Glas

Hinter dem Nachbau steht Lisa Hollands, Technikerin an der Fakultät für Chemie-, Material- und Bioingenieurwesen der University of Sheffield. Sie arbeitete für die ersten Untersuchungen mit Caroline Jackson zusammen, Professorin in Sheffield und eine führende Expertin für römisches Glas. Als Grundlage diente ein Bruchstück eines römischen dichroitischen Glases, aus dem die Forscher ein antikes Rezept ableiteten. Die eigentliche Herausforderung war dann, die Gold- und Silberteilchen in das neue Glas einzubetten. Dazu stellten die Forscher eine dickflüssige Glasschmelze her. Während sie von weit über 1.000 Grad Celsius abkühlte, wuchsen in ihr Gold- und Silberkristalle in Nanogröße um Teilchen herum, die sich bereits im Glas befanden.

Die Arbeit sei „eine Herzensangelegenheit“ gewesen, sagte Hollands dem Guardian. „Andere haben es schon versucht, mit begrenztem Erfolg.“ Für sie sei es „Magie“. Und mit Blick auf die Glasmacher der Antike fügte sie hinzu: „Wenn die Römer mich beim Experimentieren gesehen hätten, hätten sie wahrscheinlich gelacht und gefragt: Warum weiß sie nicht, wie man das macht?“

Ein Becher, zwei Farben

Der Lycurgus-Becher stammt aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Er gehört zu den sogenannten Käfigbechern: Die Glasschleifer haben das dicke Glas so weit weggeschliffen, dass außen nur ein filigranes, teils frei stehendes Relief übrig blieb. Es zeigt eine Szene aus der griechischen Sage. König Lykurg greift eine Anhängerin des Weingottes Dionysos an. Sie verwandelt sich in eine Weinrebe, die den König umschlingt und gefangen hält, während Dionysos und zwei seiner Begleiter ihn verspotten. 2022 kürte eine internationale Jury den Becher zu einem der sieben Glaswunder der Welt.

Berühmt ist er aber vor allem wegen seiner Farbe. Im normalen Raumlicht, also wenn das Licht von der Oberfläche zurückgeworfen wird, wirkt das Glas trüb und jadegrün. Scheint eine Lampe von hinten oder von innen durch das Glas, leuchtet es tiefrot. Fachleute nennen solches Glas dichroitisch, also zweifarbig. Der Lycurgus-Becher gilt als das einzige vollständig erhaltene römische Gefäß aus dieser Glasart. Von anderen gibt es nur Bruchstücke, und deren Farben schwanken stark.

Gold und Silber in Nanogröße

Dass der Effekt von Metallen im Glas kommt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Untersuchungen mit dem Elektronenmikroskop haben im Glas des Bechers winzige Teilchen aus einer Legierung von Silber und Gold gefunden. Nach Analysen, die unter anderem der Archäologe Ian Freestone vom University College London veröffentlicht hat, enthält das Glas nur etwa 330 Teile Silber und 40 Teile Gold pro Million. Die Teilchen sind rund 70 Nanometer groß, also etwa tausendmal dünner als ein menschliches Haar. Mit einem normalen Lichtmikroskop sind sie nicht zu sehen.

Wie genau diese Teilchen die Farbe steuern, erklärt Hollands: „Weißes Licht besteht aus vielen verschiedenen Farben, das sieht man am Regenbogen. Nanopartikel sind viel kleiner als die Wellenlängen des Lichts, und unter bestimmten Bedingungen blockieren sie bestimmte Farben, weil das Licht die Elektronen in den Atomen beeinflusst.“ Scheint Licht durch das Glas, schlucken die Gold- und Silberteilchen nach ihren Worten blaues und grünes Licht und lassen nur Rot und Orange durch. Wird das Licht dagegen an der Oberfläche zurückgeworfen, streuen die Teilchen es, und das Glas erscheint undurchsichtig grün.

Näher an den echten Farben als je zuvor

Ganz neu ist der Versuch nicht. Schon in den 1960er-Jahren gelang es, ein Glas mit ähnlichen Farben herzustellen. Ian Freestone, emeritierter Professor für archäologische Materialien am University College London, hält das Sheffielder Projekt aber für einen deutlichen Fortschritt. Es komme dem echten Grün und Rot des Lycurgus-Bechers viel näher. „Das ist ehrgeiziger und präziser“, sagte er dem Guardian. „Ich war begeistert, weil ich zum ersten Mal ein Gefühl dafür bekam, wie schwierig es war, diese Farben zu erreichen. Das wird uns helfen zu verstehen, wie die römischen Handwerker tatsächlich gearbeitet haben.“

Eine wichtige Erkenntnis betrifft den Ofen. „Die Farbe hing stark von den Bedingungen im Ofen ab“, sagte Freestone. Stand das Glas an einer anderen Stelle im Ofen, kam eine andere Farbe heraus. Für die Römer sei es daher wohl sehr schwer gewesen, die Farbe zu kontrollieren. „Das lässt mich denken, dass sie mit dem Lycurgus-Glas einen Volltreffer gelandet haben.“ Das passt zu einer verbreiteten Annahme der Forschung: Die römischen Glasmacher wussten vermutlich nicht genau, was sie taten. Gold und Silber könnten zufällig ins Glas gelangt sein, etwa als Spuren von Gold im verwendeten Silber oder als Reste an Werkzeugen in der Werkstatt. Die Mengen sind so gering, dass sie kaum gezielt abgewogen worden sein können. Vermutlich wurde eine größere Menge mit Metall versetzt und dann mit gewöhnlichem Glas verdünnt.

Wofür der Becher gedacht war

Auch die Farben selbst könnten eine Bedeutung haben. Freestone verweist auf eine Theorie, nach der Grün und Rot für das Reifen der Weintraube stehen. „Die dargestellte Szene zeigt Weinreben, die Lykurg in die Unterwelt ziehen“, sagte er. „Er könnte also bei einer Art Trinkzeremonie verwendet worden sein.“ Ein Brief, den angeblich Kaiser Hadrian an seinen Schwager in Rom schrieb, erwähnt solche Gefäße: „Ich habe dir bunte Becher geschickt, die ihre Farbe wechseln, ein Geschenk des Priesters eines Tempels. Ich möchte, dass du sie bei Banketten an Festtagen verwendest.“ Ob der Brief echt ist, ist allerdings umstritten.

Grenzen und wie es weitergeht

Bislang ist die Arbeit nicht in einer Fachzeitschrift beschrieben. Was über das Verfahren bekannt ist, stammt aus den Aussagen der Beteiligten. Wie genau das antike Rezept zusammengesetzt war und wie oft der Versuch gelang, ist daher offen. Auch nachgebaut wurde nicht der Becher selbst, sondern das Glas mit seinem Farbwechsel. Die kunstvolle Schleifarbeit des Originals, bei der Teile des Reliefs frei über der Wand schweben, ist ein eigenes Kunststück der römischen Handwerker.

Das neue Glas wird bald öffentlich zu sehen sein. Die Universität hat den Glaskünstler Elliot Walker beauftragt, den Effekt in einer modernen Skulptur zu zeigen. Sie verbindet die Sage von Lykurg mit der antiken Statue des Atlas Farnese, wobei die Weltkugel durch einen Becher ersetzt ist. „Für mich ist es eine Verbindung zu den römischen Glasmachern“, sagte Walker. Die Skulptur wird vom 6. bis 15. November in der Millennium Gallery in Sheffield beim Festival of the Mind der Universität enthüllt und soll danach dauerhaft im Turner Museum of Glass ausgestellt werden.

Die Römer beherrschten ihre Werkstoffe oft erstaunlich gut. Bei Forschung und Wissen lesen Sie auch, wie Forscher das Geheimnis des römischen Betons entschlüsselt haben.

Quelle: The Guardian, „‚It’s magic‘: scientists rediscover how to make ancient Roman colour-changing glass“, 25.10.2026; Freestone I. et al., The Lycurgus Cup – A Roman nanotechnology, Gold Bulletin 40 (2007)

Mit KI-Unterstützung erstellt

Keine Neuigkeit aus der Forschung verpassen

Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.

 Bevorzugte Quelle bei Google  RSS-Feed
Spannend & Interessant
VGWortpixel