Beim Bau der Terrakotta-Armee könnten auch Kinder und Frauen mitgearbeitet haben. Darauf deutet eine Analyse von Fingerabdrücken hin, die sich im Ton der Figuren erhalten haben. Die Untersuchung erweitert den Blick auf die Menschen hinter dem gewaltigen Grabmal. Sie liefert jedoch keine eindeutige Identifizierung einzelner Arbeiter und keine verlässliche Personalstatistik.
Die Terrakotta-Armee ist vor allem für ihre lebensgroßen Soldaten bekannt. Weniger sichtbar sind die Menschen, die deren Körper zusammensetzten und Oberflächen bearbeiteten. Ein Team um Xiaoxi Li hat diese Frage in einer Studie im Journal of Cultural Heritage anhand von 79 Fingerabdrücken untersucht. Sie stammen von 36 Figuren aus dem Grabungsabschnitt T23 in Grube 1. Die Verteilung der gemessenen Hautleisten spricht dafür, dass die Herstellung nicht ausschließlich in den Händen erwachsener Männer lag.
Feuchter Ton kann die feinen Erhebungen einer Fingerkuppe aufnehmen. Bleiben solche Spuren während der weiteren Bearbeitung erhalten, überdauern sie mit dem gebrannten Material sehr lange. Die Abdrücke sind deshalb unmittelbare Zeugnisse eines Kontakts mit dem noch formbaren Werkstoff. Sie dokumentieren allerdings zunächst nur eine Berührung. Ob der betreffende Mensch ein ganzes Bauteil hergestellt, eine Verbindung geglättet oder lediglich bei einem Arbeitsschritt geholfen hat, lässt sich aus einer einzelnen Spur nicht ablesen.
Entscheidend ist hier die mittlere Breite der Papillarleisten, also jener Hautlinien, aus denen Fingerabdrücke bestehen. Die Entstehung der charakteristischen Fingerabdruckmuster beginnt bereits während der Entwicklung im Mutterleib. Für die archäologische Auswertung geht es jedoch nicht um die kriminalistische Zuordnung eines unverwechselbaren Musters zu einer bekannten Person. Untersucht wird vielmehr, ob die Abstände der Hautleisten mit unterschiedlichen Altersgruppen und Geschlechtern vereinbar sind. Die Individualität eines Fingerabdrucks und seine statistische Aussagekraft über eine Personengruppe sind zwei verschiedene Eigenschaften.
Die Autoren nutzten ein Bayes’sches Mischungsmodell. Ein solches Verfahren betrachtet eine Sammlung von Messwerten als mögliche Mischung mehrerer Gruppen, deren Werte sich überlappen dürfen. Die Modellschätzung ordnete rund 45 Prozent der Verteilung erwachsenen Männern, 32,7 Prozent erwachsenen Frauen und 22,3 Prozent Personen unter 15 Jahren zu. Diese Werte dürfen nicht als gezählte Anteile der gesamten Arbeiterschaft verstanden werden. Die Studie weist selbst auf mögliche Verzerrungen und Unsicherheiten der Zuordnung hin.
Ein vereinfachtes Beispiel erklärt das Grundproblem: Ein schmaler Abstand zwischen Hautleisten könnte zu einem Kind passen, aber auch zu einem Erwachsenen mit entsprechend feinen Leisten. Ein einzelner Grenzwert würde aus einer fließenden Verteilung künstlich eindeutige Gruppen machen. Ein Wahrscheinlichkeitsmodell kann diese Überschneidung berücksichtigen, sie aber nicht verschwinden lassen. Die Aussage lautet daher nicht, dass ein bestimmter Abdruck zweifelsfrei von einem Mädchen oder einem Jungen stammt. Aussagekräftiger ist die Frage, welche Zusammensetzung die gesamte beobachtete Verteilung am besten erklärt.
Hinzu kommt, dass ein Abdruck im archäologischen Material nicht unverändert mit einem Fingerabdruck auf einer modernen Messunterlage vergleichbar ist. Ton verändert beim Trocknen und Brennen seine Abmessungen. Verkleinert sich die Oberfläche, rücken auch die darin erhaltenen Linien zusammen. Ohne angemessene Berücksichtigung könnte ein solcher Abdruck einer Person mit kleineren Hautleisten zugeschrieben werden. Die Materialgeschichte gehört deshalb zur biologischen Interpretation der Spur.
Auch die Referenzgruppe ist wichtig. Das verwendete Vergleichsmaterial stammt aus einer modernen europäischen Population und bildet die Menschen im alten China nicht unmittelbar ab. Ob ein statistisches Verfahren für eine andere Bevölkerung zuverlässig funktioniert, muss eigenständig geprüft werden. Mehr mathematische Genauigkeit beseitigt eine mögliche Abweichung der Vergleichsdaten nicht automatisch. Für künftige Untersuchungen wären deshalb besonders passende Referenzdaten und experimentell erzeugte Abdrücke in vergleichbaren Tonmischungen hilfreich.
Die Terrakottafiguren entstanden durch die Verbindung separat gefertigter Teile. Solche Arbeitsschritte können sehr unterschiedliche Chancen bieten, einen sichtbaren Fingerabdruck zu hinterlassen. Wer eine Oberfläche glättet, kann Spuren beseitigen, während ein anderer bei einer Verbindung mehrere Abdrücke erzeugt. Ein Mensch könnte außerdem an mehreren Figuren mitgewirkt haben. Umgekehrt können zahlreiche Arbeiter beteiligt gewesen sein, ohne eine heute auswertbare Spur zu hinterlassen.
Diese Unterscheidung begrenzt jede Hochrechnung. Eine häufig vertretene Gruppe unter den Abdrücken muss nicht im gleichen Verhältnis unter sämtlichen Beschäftigten vertreten gewesen sein. Die untersuchten Figuren stammen zudem aus einem bestimmten Abschnitt einer bestimmten Grube. Andere Werkstätten oder Arbeitsphasen könnten anders organisiert gewesen sein. Ein belastbares Gesamtbild würde deshalb vergleichbare Untersuchungen an weiteren Teilen des Fundkomplexes benötigen.
Wie groß die organisatorische Aufgabe war, verdeutlicht das Forschungsprojekt Imperial Logistics des University College London und des zuständigen Museums in Xi’an. Es untersucht Herstellung, Werkstätten und Materialversorgung des Grabkomplexes, der weit über die bekannten Soldatenreihen hinausreicht. Neben Ton wurden unter anderem Bronze und Holz in großem Maßstab verarbeitet. Die Herstellung der Figuren war somit Teil einer umfassenden wirtschaftlichen und administrativen Leistung. Unterschiedliche Tätigkeiten konnten dabei unterschiedliche Kenntnisse und körperliche Anforderungen mit sich bringen.
Die Fingerabdrücke machen Menschen sichtbar, die in einer Betrachtung des fertigen Monuments leicht verschwinden. Aus den Spuren allein folgen jedoch weder konkrete Arbeitszeiten noch Lohnverhältnisse, familiäre Bindungen oder ein bestimmter rechtlicher Status. Auch Zwangsarbeit lässt sich mit dieser Methode nicht für einzelne Personen nachweisen. Der belastbare Fortschritt besteht darin, eine vielfältigere Beteiligung an der Herstellung ernsthaft prüfen zu können. Die Frage nach den Erbauern erhält damit eine biologische Informationsquelle, deren Grenzen ebenso wichtig sind wie ihr überraschender Befund.
Journal of Cultural Heritage, Who produced Emperor Qin Shihuang’s Terracotta Army, China? A Bayesian mixture model approach to fingerprint age and sex determination; doi:10.1016/j.culher.2026.09.014
University College London, Imperial Logistics: The Making of the Terracotta Army, Project Introduction