Ein Etruskergrab bei Vulci hat Plünderer, Einstürze und 2.600 Jahre im Boden überstanden. Bei Ausgrabungen in der Nekropole Polledrara stießen Archäologen auf drei Grabkammern aus großen Blöcken vulkanischen Gesteins, deren Inhalt an vielen Stellen noch dort lag, wo ihn die Trauernden einst abgestellt hatten. Darunter sind Stücke, die über das Mittelmeer bis nach Mittelitalien reisten. Ausgerechnet der Einsturz der Decken sorgte dafür, dass diese Schätze erhalten blieben.
Vulci liegt heute abseits der großen Touristenströme, in der hügeligen Maremma im Norden Latiums, wenige Kilometer vom Tyrrhenischen Meer entfernt. Vor rund 2.600 Jahren gehörte die Stadt am Fluss Fiora zu den reichsten Zentren der Etrusker. Über einen Hafen an der Küste war sie mit dem Handel des gesamten Mittelmeers verbunden, ihre Werkstätten waren für Bronzearbeiten berühmt. Rund um die Stadt legten die Etrusker weitläufige Totenstädte an, in denen die Oberschicht in gemauerten oder aus dem Fels geschlagenen Kammern bestattet wurde. Eine dieser Nekropolen trägt den Namen Polledrara. Dort hat ein internationales Team in der Grabungskampagne 2026 ein monumentales Grab freigelegt, das die Forscher Grab der Steinkammer nennen. Es stammt aus dem späten siebten Jahrhundert vor Christus und liegt innerhalb der kreisförmigen Einfassung eines Grabhügels, des sogenannten Tumulo Gsell.
Dieser Hügel ist kein Unbekannter. Die École française de Rome stieß bereits 1889 auf seine Ringmauer, vollständig ausgegraben wurde er jedoch nie. Für das Projekt Ritorno a Vulci, das 2023 begann, arbeiten die französische Einrichtung, die Sapienza-Universität Rom und das British Museum mit der zuständigen italienischen Denkmalbehörde für Viterbo und das südliche Etrurien, den staatlichen Museen Latiums und der Stiftung Vulci zusammen. Die Forscher kombinieren neue Grabungen mit der Arbeit in Archiven und Sammlungen, denn viele Funde aus Vulci wurden im 19. Jahrhundert ausgegraben und über ganz Europa verstreut. Das späte siebte Jahrhundert vor Christus gilt als Blütezeit der Stadt, in der die etruskische Aristokratie Luxusgüter aus Griechenland, dem Orient und Ägypten sammelte und mit ins Grab nahm. Genau diese Epoche macht das neue Grab für die Forschung so aufschlussreich.
Die Hauptkammer des Grabs besteht aus großen Blöcken aus Nenfro, einem grauen vulkanischen Tuffgestein der Region, und wurde in Ablagerungen eines früheren Laufs der Fiora eingetieft. Drei Kammern gehören zu der Anlage. Im 20. Jahrhundert suchten Raubgräber das Grab mehrfach heim, wie die zuständige Denkmalbehörde für das südliche Etrurien in ihrem Grabungsbericht festhält. Dass dennoch so viel erhalten blieb, verdanken die Archäologen den eingestürzten Decken und Kammerstrukturen, deren Schutt sich wie eine Schutzschicht über die Beigaben legte. Ganze Fundgruppen und Bestattungsinventare lagen deshalb noch in ihrer ursprünglichen Position. Für die Forschung ist das ein Glücksfall, weil sich erst aus der Lage der Objekte erschließen lässt, wie die Trauernden die Toten ausstatteten und welche Gegenstände zusammengehörten.
Die Liste der Funde liest sich wie ein Katalog des antiken Mittelmeerhandels. Die Archäologen bargen griechische Keramik aus Attika und Korinth, fein verzierte Gefäße aus lokaler Herstellung und glänzend schwarze Buccherokeramik, die typische Ware der Etrusker. Hinzu kommen Waffen, Teile eines Wagens, eiserne Bratspieße, Bleche aus Gold und Bronze, geschnitztes Bein und Elfenbein sowie zahlreiche Bestandteile von Kleidung und Schmuck. In einer der Seitenkammern stand ein Bronzedreifuß, daneben eine Lampe aus Gipsalabaster. Diese Alabasterlampe stammt nach Einschätzung der Forscher wahrscheinlich aus der Gegend von Naukratis, einer griechischen Handelsniederlassung im Nildelta, oder von der Insel Rhodos. Solche Importe zeigen, wie eng die Oberschicht von Vulci mit Ägypten und der östlichen Ägäis vernetzt war und welchen Aufwand sie trieb, um ihren Rang auch im Tod sichtbar zu machen.
Zu den seltensten Stücken gehört ein Frauenschuh, denn Schuhe sind in Gräbern dieser Zeit nur ausnahmsweise erhalten. Ebenso auffällig ist ein Bankettservice im lokalen Stil der sogenannten Polledrara-Ware, bestehend aus Trinkschalen, Kannen, Wasserkrügen und großen Mischgefäßen für Wein, bemalt mit farbigen Mustern und teilweise noch an ihrem ursprünglichen Platz. Dazu gesellen sich Buccherogefäße, eine Reibe, die bei der Zubereitung des Weins zum Einsatz kam, und eine große bunte Schale im ostgriechischen Wildziegenstil. Das Ensemble spiegelt das Gelage, das Symposion, eine Sitte, die die etruskische Elite von den Griechen übernahm und bis ins Grab fortsetzte. Ähnlich aufschlussreiche Einblicke in den Alltag vergangener Eliten liefern viele Funde aus der Archäologie der vergangenen Wochen, doch selten liegt ein ganzes Festmahl so geschlossen im Boden.
Besonders reizvoll ist ein Vergleich, der fast 190 Jahre zurückreicht. Unweit des Tumulo Gsell entdeckten Lucien Bonaparte und seine Frau Alexandrine, damals Fürsten von Canino, im Jahr 1839 das sogenannte Isisgrab. Seine Funde, darunter Stücke mit ägyptischen Motiven, gelangten später in das British Museum und gelten bis heute als Schlüsselzeugnisse der orientalisierenden Epoche Etruriens. Beide Gräber stammen aus nahezu derselben Zeit und zeigen ähnliche kulturelle Merkmale. Die Forscher wollen diese Verbindungen nutzen, um Bestattungsbräuche, Kunsthandwerk und Handelsnetze der Oberschicht am Ende des siebten Jahrhunderts vor Christus neu zu bewerten. Helfen soll dabei die Online-Datenbank Vulci nel Mondo, die Funde aus Vulci in Museen auf der ganzen Welt erfasst und so ein virtuelles Gesamtbild der zerstreuten Schätze liefert.
Nach dem Ende der Kampagne haben die Archäologen das Grab und die Einfassung des Grabhügels wieder zugeschüttet, um die Mauern vor Witterung und erneuten Plünderungen zu schützen. Eine neue Grabung ist für 2027 geplant, danach sollen Auswertung, Publikation und eine öffentliche Präsentation der Ergebnisse folgen. Parallel untersuchen die Forscher Objekte, die bei Beschlagnahmungen sichergestellt wurden und heute im Archäologischen Museum von Vulci liegen, denn auch sie stammen teilweise aus der Nekropole Polledrara. Dass sorgfältiges Freilegen und rasches Sichern oft Hand in Hand gehen, zeigte zuletzt auch eine fast intakte Klosterheizung aus dem Mittelalter in Basel. In Vulci dürfte die nächste Kampagne zeigen, was der Tumulo Gsell über die Elite der Etrusker noch verrät.