Rund tausend menschliche Knochen und Zähne aus drei Höhlen in der Provinz Granada tragen Schnittspuren, Bruchmuster und Bissspuren von Menschen. Aus zwei Schädeln wurden Schädelschalen gefertigt, mehr als die Hälfte der Knochen einer Fundstelle zeigt Hitzeeinwirkung. Die Datierungen reichen vom frühen bis ins späte Neolithikum und liegen damit über tausend Jahre auseinander. Die Arbeitsgruppe kommt zu einem Schluss, der die gängige Erklärung für steinzeitlichen Kannibalismus aufbricht.
Kannibalismus in der Vorgeschichte gilt in der Forschung als schwer zu belegen und noch schwerer zu deuten. Nachweisbar ist er nur über den Knochen selbst, denn wer einen menschlichen Körper zerlegt, hinterlässt dieselben Spuren wie beim Zerlegen eines Tieres: feine Schnittmarken an Ansatzstellen von Muskeln und Sehnen, gezielte Brüche an Röhrenknochen zur Entnahme des Marks, Hitzeveränderungen an der Oberfläche und gelegentlich Abdrücke menschlicher Zähne. Diese Merkmale lassen sich von Nagespuren durch Raubtiere und von Schäden durch Sediment unterscheiden, wenn das Material vollständig und gut erhalten vorliegt. Genau daran hapert es meist, weil in Höhlen häufig nur einzelne Knochen geborgen werden. In Südspanien liegt der Fall anders: Aus drei Fundstellen in der Provinz Granada stammt eine Serie von etwa tausend Knochen und Zähnen, die nun geschlossen ausgewertet wurde.
Die Arbeit stammt von Palmira Saladié vom Katalanischen Institut für Humanpaläoökologie und soziale Evolution und ihren Kollegen. Das Team untersuchte die Oberflächen mikroskopisch, bestimmte das Sterbealter der Individuen und ließ eine Auswahl der Knochen radiometrisch datieren. Dieser letzte Schritt ist der entscheidende, denn in Höhlen liegen Funde aus sehr verschiedenen Epochen oft in wenigen Zentimetern Sediment übereinander. Ohne direkte Datierung des Knochens selbst lässt sich nicht ausschließen, dass Material aus Jahrtausenden zu einem vermeintlich einheitlichen Ereignis verschmilzt. Die Messungen zeigten, dass die drei Fundstellen nicht denselben Zeitraum abbilden, sondern drei getrennte Abschnitte der Jungsteinzeit. Damit verschiebt sich die Frage: Es geht nicht mehr darum, ob Kannibalismus stattfand, sondern warum er über so lange Zeit immer wieder auftrat.
Der größte Komplex stammt aus der Malalmuerzo-Höhle. Die Knochen von mindestens 36 Menschen datieren dort in das frühe Neolithikum zwischen etwa 5300 und 4950 vor Christus. Auffällig ist die Gleichzeitigkeit: Die Verteilung der Sterbealter und der Erhaltungszustand sprechen nach Einschätzung der Arbeitsgruppe dafür, dass diese Menschen in einem einzigen Gewaltereignis ums Leben kamen. Mehr als die Hälfte der Überreste zeigt Hinweise darauf, dass sie in Wasser erhitzt wurden, zwei Schädel tragen Spuren stumpfer Gewalt. Damit liegt hier das Muster vor, das Fachleute als Kriegskannibalismus bezeichnen, also die Verwertung getöteter Gegner im Anschluss an einen Überfall. Die Zahl von 36 Personen entspricht der Größenordnung einer vollständigen Siedlungsgemeinschaft jener Zeit, was die Interpretation eines einmaligen, umfassenden Angriffs stützt.
Anders liegt der Befund in der Carigüela-Höhle. Die Datierungen der dortigen Knochen verteilen sich über weite Teile des Neolithikums, hier gab es also kein einzelnes Ereignis, sondern eine wiederkehrende Praxis. Nahezu alle Knochen tragen Zerlegungsspuren, und aus zwei Schädeln wurden Schädelschalen gefertigt, also Trinkgefäße aus der abgetrennten und am Rand geglätteten Kalotte. Solche Stücke sind aus dem europäischen Jungpaläolithikum bekannt, etwa aus englischen Höhlenfundstellen, für das spanische Neolithikum waren sie bislang unüblich. Die technische Sorgfalt ist dabei das eigentliche Argument: Eine Schädelschale entsteht nicht nebenbei beim Zerlegen, sie erfordert einen zusätzlichen Arbeitsschritt mit einem klaren Ziel. Die vollständige Untersuchung ist in der Auswertung der Knochenserien aus den drei Höhlen dokumentiert, die Befund für Befund die Spurenarten trennt.
Die dritte Fundstelle, die Majolicas-Höhle, datiert in das späte Neolithikum zwischen 3950 und 3760 vor Christus und liefert das ungewöhnlichste Detail. Die dortigen Knochen wurden mit Zinnober rot gefärbt, also mit gemahlenem Quecksilbersulfid, einem Mineral, das in der Vorgeschichte des westlichen Mittelmeerraums als kostbarer Farbstoff gehandelt und in Bestattungen eingesetzt wurde. Rote Färbung menschlicher Überreste gilt als Merkmal ritueller Behandlung, nicht als Spur von Nahrungsaufnahme im Alltag. Dass dieselben Knochen zugleich Zerlegungsspuren tragen, verbindet beide Ebenen: Die Zerlegung war hier offenbar Teil eines Totenbrauchs und richtete sich gegen die eigene Gemeinschaft, nicht gegen Fremde. Eine ausführliche Einordnung des Fundkomplexes bietet die Darstellung der drei südspanischen Höhlenfundstellen mit Abbildungen der bearbeiteten Schädel.
Das Fazit der Arbeitsgruppe fällt deshalb ungewöhnlich zurückhaltend aus: Die drei Fälle ereigneten sich zu verschiedenen Zeiten, aus verschiedenen Gründen und auf verschiedene Weise. Gerade diese Uneinheitlichkeit ist das Ergebnis. Sie widerspricht der verbreiteten Vorstellung, Kannibalismus in der Vorgeschichte lasse sich mit einer einzigen Ursache erklären, etwa mit Hungersnot. Zugleich benennen die Autoren die Grenzen: Die Zuordnung eines Motivs bleibt eine Deutung des Spurenbildes, nicht ein direkter Nachweis. Ob die Menschen der Malalmuerzo-Höhle tatsächlich an einem Tag starben, lässt sich mit Radiokarbondatierungen nicht auf das Jahr genau prüfen, weil die Methode in diesem Zeitraum Unschärfen von mehreren Jahrzehnten aufweist. Für die Steinzeitforschung Südeuropas bleibt dennoch eine belastbare Aussage: Der Umgang mit menschlichen Körpern war über mehr als tausend Jahre hinweg verschieden, aber nie zufällig.