Blaues Glas aus Ägypten schmückt einen bronzenen Zügelring, der vor rund 2.000 Jahren an einem Streitwagen in Britannien befestigt war. Das zeigen Röntgenanalysen an der britischen Synchrotronanlage Diamond Light Source, zu der Kuratoren des Ashmolean Museum in Oxford das Stück gebracht hatten. Während die roten Glaseinlagen typisch für die britische Eisenzeit sind, passt die chemische Zusammensetzung des blauen Glases zu keiner bekannten Herstellung auf der Insel. Das unscheinbare Museumsobjekt belegt damit einen Handelsweg über mehr als 3.500 Kilometer.
Das Objekt ist ein sogenannter Terret, ein Ring aus Bronze, durch den die Zügel eines Pferdegespanns liefen, damit sie sich nicht verhedderten. Solche Ringe saßen am Joch von Streitwagen und wurden in der Regel zu mehreren verwendet. Das untersuchte Stück stammt aus der Grafschaft Suffolk im Osten Englands und wird auf die Zeit zwischen 50 vor und 75 nach Christus datiert. Diese Spanne umfasst die unruhigen Jahrzehnte vor und nach der römischen Invasion Britanniens unter Kaiser Claudius im Jahr 43 nach Christus. Verziert ist der Ring im Stil der La-Tène-Kultur, der keltischen Kunstrichtung mit ihren geschwungenen und verschlungenen Mustern, und mit Einlagen aus rotem und blauem Glas. Ein so aufwendig geschmückter Zügelring gehörte nach Einschätzung der Forscher einer Person von beträchtlichem sozialem Rang, denn gewöhnliches Pferdegeschirr kam ohne solche Farbeffekte aus.
Ende 2025 brachten Kuratoren des Ashmolean Museum den Ring zur Synchrotronanlage Diamond Light Source auf dem Harwell-Campus in Oxfordshire. Dort erzeugen Elektronen, die nahezu mit Lichtgeschwindigkeit in einem Speicherring kreisen, extrem helles Röntgenlicht, mit dem sich die chemische Zusammensetzung von Materialien bestimmen lässt. Geleitet wurde die Untersuchung von der Strahlrohrwissenschaftlerin Susan Nehzati gemeinsam mit Courtney Nimura vom Ashmolean Museum und Mary Davis von den National Museums Scotland. Die Analyse ist Teil einer größeren Studie über die Herstellung und Verbreitung von Glas im späten vorrömischen Britannien, die das Team auch in einem Tagungsbeitrag an der französischen Synchrotronquelle SOLEIL vorgestellt hat. Entscheidend war dabei, dass die Methode das einzigartige Stück nicht beschädigt, denn Proben aus einem solchen Museumsobjekt herauszuschneiden kommt praktisch nicht infrage.
Streitwagen spielten im eisenzeitlichen Britannien eine besondere Rolle. Schon Julius Caesar beschrieb nach seinen Landungen in den Jahren 55 und 54 vor Christus, wie britische Krieger mit leichten Wagen in die Schlacht fuhren, absprangen und zu Fuß kämpften, während die Lenker bereitstanden. Das Geschirr solcher Gespanne war mehr als reine Technik. Mit Ringen, Beschlägen und Trensen aus Bronze zeigten ihre Besitzer Reichtum und Zugehörigkeit. Die Glaseinlagen wurden dafür in vertiefte Felder der Bronze eingeschmolzen, eine Technik, die Handwerker der britischen Eisenzeit meisterhaft beherrschten. Besonders beliebt war ein kräftiges, undurchsichtiges Rot, das Fachleute wegen seiner Farbe als Siegellackrot bezeichnen. Blau dagegen ist in dieser Zeit seltener. Gerade die Kombination beider Farben machte den Ring aus Suffolk für die Forscher interessant, weil sich an ihm prüfen ließ, ob beide Glassorten aus derselben Quelle stammen oder ob hier unterschiedliche Rohstoffe zusammenkamen.
Für die Messungen nutzte das Team das Strahlrohr I18, das Röntgenlicht auf einen Fleck von wenigen Mikrometern bündelt. Mit Röntgenfluoreszenz lässt sich damit Punkt für Punkt ablesen, welche chemischen Elemente in einem Material stecken, während die sogenannte XANES-Spektroskopie zusätzlich verrät, in welcher chemischen Form sie vorliegen. So entstand eine vollständige Elementkarte des Rings, auf der Blei, Kupfer und Eisen getrennt sichtbar werden. Die Bronze selbst besteht nach den Ergebnissen, die Diamond Light Source am 22. September veröffentlichte, überwiegend aus Kupfer mit einem erheblichen Anteil an Blei, einer für britische Bronzearbeiten jener Zeit üblichen Mischung. Auch das rote Glas enthält auffallend viel Blei. Es entspricht damit einem Typ, der an eisenzeitlichen Fundplätzen in ganz Britannien vom mittleren Abschnitt der Periode bis ins 1. Jahrhundert nach Christus immer wieder nachgewiesen wurde. Das blaue Glas dagegen zeigte eine völlig andere Signatur.
Statt Blei dominiert im blauen Glas Eisen, begleitet von kleineren Mengen Kupfer. Eine solche Zusammensetzung passt zu keinem Glas, von dem bekannt ist, dass es in dieser Zeit in Britannien hergestellt wurde. Nach Einschätzung der Forscher stammt es sehr wahrscheinlich aus Ägypten. In der Antike gehörten Ägypten und die Levante zu den großen Zentren, in denen Rohglas in großen Mengen erschmolzen und anschließend über den Mittelmeerraum gehandelt wurde. Das Team vermutet, dass das blaue Glas in Form fertiger Perlen nach Britannien gelangte. Ein einheimischer Handwerker, der bereits mit rotem Glas aus heimischer Tradition arbeitete, schmolz die Importware dann offenbar erneut und setzte sie in die Bronze ein. In einem einzigen kleinen Objekt verbinden sich so ein Material aus dem östlichen Mittelmeer und eine Verzierungstradition, die tief in der britischen Eisenzeit verwurzelt ist. Blaues Glas aus Ägypten war damit kein exotischer Fremdkörper, sondern Rohstoff für lokales Kunsthandwerk.
Die Mittelmeerküste Ägyptens liegt mehr als 3.500 Kilometer Luftlinie von Suffolk entfernt. Dass Glas von dort in einem Zügelring im ländlichen Britannien endete, zeigt, wie weit die Austauschnetze der Antike reichten. Einen ägyptischen Händler, der mit Perlen im Gepäck an die englische Küste segelte, braucht es für diese Erklärung nicht. Wahrscheinlicher ist, dass das Material über viele Stationen und Märkte von Hand zu Hand wanderte, bis es eine britische Werkstatt erreichte. Offen bleibt allerdings, wann genau das geschah. Weil die Datierung des Rings bis in die ersten Jahrzehnte nach der römischen Eroberung reicht, lässt sich nicht sicher sagen, ob das Glas noch vor oder erst mit den Legionen ins Land kam. Beide Szenarien wären bemerkenswert, denn sie zeigen, wie früh fremde Rohstoffe in britische Handwerkstraditionen einflossen, ohne diese zu verdrängen. Weitere Funde, die solche Verbindungen quer durch Europa belegen, bündelt die Rubrik Archäologie.
Bemerkenswert ist, dass der Ring nicht aus einer neuen Ausgrabung stammt. Er gehörte seit langer Zeit zur prähistorischen Sammlung des Ashmolean Museum, und erst moderne Analyseverfahren machten seine Geschichte sichtbar. Für die Archäologie bedeutet das, dass unzählige bekannte Objekte in Museumsdepots noch Informationen bergen, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Nehzati betont, dass solche Forschung für alle sichtbar sein sollte und die Öffentlichkeit künftige Fragestellungen mitprägt. Besucher können den Ring inzwischen in der Ausstellung Harnessing Power in der Conservation Gallery des Museums betrachten. Die wichtigste offene Frage bleibt, über welche Routen und zu welchem Zeitpunkt das blaue Glas die Werkstatt erreichte. Beantworten lässt sie sich nur über vergleichbare Funde von anderen Fundorten. Dass selbst vermeintlich gut erforschte Orte noch Überraschungen bereithalten, zeigt etwa die fast intakte Klosterheizung aus dem Mittelalter in Basel.
Diamond Light Source, Diamond's I18 beamline unlocks new information about Iron Age craftmanship; Tagungsbeitrag Nehzati, Nimura, Davis, Harnessing X-rays to Reveal Historical Productions in Late Iron Age Britain