Im Tal der Könige verdichten sich die Hinweise, dass Tutanchamuns Grab nur der Vorraum einer größeren Anlage ist. Neue Messungen mit Bodenradar und Mikrogravimetrie deuten auf einen rund zwei Meter breiten, mit Geröll gefüllten Gang, der von der Grabkammer wegführt, sowie auf mehrere rechtwinklige Hohlräume im Fels. Ein Team um den früheren ägyptischen Antikenminister Mamdouh Eldamaty will die vermuteten Räume mit Kamerarobotern erkunden, möglicherweise schon im November. Fachkollegen halten die Daten für plausibel, mahnen aber zur Vorsicht, denn die Signale bewegen sich an der Grenze des Messbaren.
Das Grab des Tutanchamun trägt im Tal der Könige bei Luxor die Kennung KV62 und gilt seit seiner Entdeckung durch Howard Carter im Jahr 1922 als berühmteste Grabanlage Ägyptens. Für ein Königsgrab der 18. Dynastie ist die Anlage erstaunlich klein: Sie besteht im Wesentlichen aus einem Korridor, einer Vorkammer, der eigentlichen Grabkammer und zwei Nebenräumen, während andere Pharaonengräber dieser Epoche lange Gangsysteme mit Treppen, Hallen und Pfeilersälen tief in den Fels treiben. Trotzdem lagerten in Tutanchamuns Grab mehr als 5.000 Objekte, darunter die goldene Totenmaske und die ineinander geschachtelten Särge des Herrschers. Der Pharao starb im Alter von etwa 19 Jahren, und Untersuchungen seiner Mumie zeigten später, dass der junge König mit einem Klumpfuß lebte und vermutlich kaum ohne Stock gehen konnte. Sein früher Tod ist der Schlüssel zu einer These, die seit gut zehn Jahren die Ägyptologie spaltet.
Der britische Ägyptologe Nicholas Reeves legte 2015 die Vermutung vor, dass KV62 ursprünglich als weitaus größeres Königsgrab angelegt wurde. Auf hochauflösenden Aufnahmen der Nordwand der Grabkammer erkannte er feine Linien und Risse, die er als Umrisse zugesetzter Türöffnungen deutete, dazu nachträgliche Änderungen in den Wandbildern. Nach seiner Lesart starb der König so unerwartet, dass die Bauleute den vorderen Teil einer bestehenden Anlage erweiterten, den Pharao dort bestatteten und den tieferen Bereich verschlossen. Dort könnte nach Reeves die Königin Nofretete ruhen, die als Große Königliche Gemahlin des Echnaton die Amarna-Zeit prägte und nach Ansicht vieler Ägyptologen kurzzeitig selbst als Pharao regierte. Ihr Grab ist bis heute nicht gefunden. Radarmessungen der Jahre 2016 bis 2018 lieferten widersprüchliche Ergebnisse, und als eine italienische Untersuchung mit Bodenradar 2018 keinerlei Hohlräume fand, schien die Debatte beendet.
Die aktuelle Untersuchung leitete Mamdouh Eldamaty von der Ain-Shams-Universität in Kairo, der als Antikenminister die ersten Radarscans von 2015 selbst veranlasst hatte. Gemeinsam mit Geophysikern des ägyptischen National Research Institute of Astronomy and Geophysics ließ er in den Feldkampagnen 2023 und 2024 erneut Bodenradar durch die Wände der Grabkammer schicken. Die Auswertung übernahm der Bauingenieur George Ballard, Präsident der Geophysikberatung GBG Group, der zusätzlich alle verfügbaren Daten früherer Kampagnen neu analysierte. Ballard ist nach eigener Aussage sicher, dass die Radarbilder einen rund zwei Meter breiten, dicht mit Geröll verfüllten Gang zeigen, der von der Grabkammer wegführt. Frühere Teams hätten ihn übersehen, weil sie nach einem großen leeren Hohlraum unmittelbar hinter der Wand suchten und nicht nach einem verfüllten Korridor. Die Ergebnisse erschienen am 17. September in den Occasional Papers des Amarna Royal Tombs Project, und die Fachzeitschrift Nature stellte die neuen Belege für Kammern hinter dem Grab am selben Tag in einem Exklusivbericht vor.
Bodenradar hat durch Fels nur eine begrenzte Reichweite, deshalb ergänzte das Team die Messungen erstmals an diesem Ort durch Mikrogravimetrie. Das Verfahren erfasst winzige Schwankungen der Erdanziehung an der Oberfläche, die durch Dichteunterschiede im Untergrund entstehen: Ein Hohlraum oder ein lockeres Verfüllmaterial senkt die Schwerkraft an der Messstelle messbar ab. Auf einer Fläche von 35 Quadratmetern über und neben dem Grab nahmen die Forscher mehr als 1.200 Einzelmessungen auf. Nach Ballards Auswertung zeichnen sich darin Strukturen geringer Dichte mit rechten Winkeln ab, deren Achsen parallel zur Nordwand der Grabkammer verlaufen, was für künstlich angelegte Räume spricht. Auffällig ist, dass eine Widerstandstomographie aus dem Jahr 2017 an ähnlichen Stellen Anomalien registriert hatte, die damals als nicht zu KV62 gehörend eingestuft und beiseitegelegt wurden.
Ein Bereich mit der Bezeichnung Anomalie 7 gilt dem Team als besonders vielversprechend: eine überwiegend dichtearme Zone, in der ein ungefähr quadratischer Bereich hoher Dichte liegt. Ballard hält es für möglich, dass es sich um eine Kammer handelt, die mit Objekten gefüllt ist, räumt aber ein, dass er sich hier an der äußersten Grenze der Nachweisbarkeit bewegt. Die vermuteten Räume scheinen mit keinem anderen Eingang verbunden zu sein, was bedeuten würde, dass sie seit der Antike niemand betreten hat. Ein weiterer möglicher Raum liegt unmittelbar westlich der Grabkammer, doch dort überlagert die Schwerkraftwirkung eines benachbarten Grabes das Signal. In ihrer archäogeophysikalischen Gesamtbewertung von KV62 fassen Eldamaty, Abbas Mohamed Abbas, Ballard und Reeves die architektonischen, ikonographischen und geophysikalischen Indizien zusammen und schließen daraus auf mindestens eine weitere Kammer.
Unabhängige Geophysiker reagieren interessiert, aber zurückhaltend. Christopher Gaffney von der University of Bradford, ein Spezialist für Bodenradar, nennt den Bericht faszinierend, sieht darin aber nicht genügend Informationen für belastbare Schlüsse. Peter Styles von der Keele University hält die Existenz von Kammern auf Basis der Schwerkraftdaten für plausibel, wünscht sich jedoch deutlich mehr Details. Genau daran hakt es derzeit, denn Ballard darf nach eigenen Angaben ohne Genehmigung der ägyptischen Behörden nicht alle Rohdaten veröffentlichen. Hinzu kommt die Vorgeschichte: Schon 2016 hatte ein japanischer Radarspezialist Hohlräume gemeldet, die eine spätere Messung nicht bestätigen konnte. Dichteunterschiede im Kalkstein entstehen zudem nicht nur durch Kammern, sondern auch durch Klüfte und Verfüllungen, weshalb die Rechtwinkligkeit der Strukturen für die Interpretation entscheidend ist. Gefunden wurde bislang weder eine Mumie noch ein einziges Objekt, sondern ausschließlich ein Muster im Messsignal.
Ob die Hypothese geprüft wird, entscheidet Ägyptens Oberster Antikenrat. Das Team hat beantragt, wenige Zentimeter große Löcher in Richtung der wichtigsten Anomalie nördlich der Grabkammer bohren zu dürfen, um winzige, ferngesteuerte Fahrzeuge mit Kameras in die vermuteten Räume zu schicken. Die bemalten Wände selbst sollen dabei unangetastet bleiben. Wird die Genehmigung erteilt, könnte die Sondierung nach Ballards Angaben bereits im November 2026 beginnen. Eldamaty spricht von einem möglichen Fund, der zu den folgenreichsten archäologischen Entdeckungen der Neuzeit zählen würde, falls sich hinter der Wand tatsächlich ein unberührter Grabkomplex verbirgt. Die Vorsicht hat einen einfachen Grund: KV62 ist das einzige nahezu intakt aufgefundene Königsgrab des Neuen Reichs, und jeder Eingriff in seine Substanz ist unumkehrbar.
Unabhängig vom Ausgang zeigt der Fall, wie viel Substanz selbst an den bestuntersuchten Orten Ägyptens noch im Boden steckt. Erst vor wenigen Wochen legte eine spanisch-ägyptische Mission in Saqqara eine 4.400 Jahre alte Grabkammer mit erhaltenen Originalfarben auf einem Gräberfeld frei, das seit dem 19. Jahrhundert als abgegraben galt. Im Tal der Könige liegt die Messlatte höher, denn hier geht es nicht um eine weitere Mastaba, sondern um die Frage, ob das kleinste Königsgrab des Tals in Wahrheit der Eingang zur letzten Ruhestätte einer der berühmtesten Frauen der Antike ist. Die Antwort liegt möglicherweise nur wenige Meter hinter einer Wand, die seit mehr als 3.300 Jahren niemand geöffnet hat.
Nature, Exclusive: New evidence for hidden chambers beyond Tutankhamun's tomb; doi:10.1038/d41586-026-02621-2