Alte DNA verbindet germanische Sprachen mit einer bislang kaum erkannten Wanderung aus dem Ostseeraum nach Schweden. Die Einwanderer könnten einen frühen Vorläufer von Deutsch, Englisch und den nordischen Sprachen verbreitet haben, rund 800 Jahre später als lange angenommen. Eine weitere Wanderung bringt schließlich Menschen zurück in den Norden, deren Nachkommen auch unter den späteren Wikingern zu finden sind.
Aus 712 neu sequenzierten alten Genomen rekonstruiert ein Team um Hugh McColl und Eske Willerslev eine bislang kaum erkannte Einwanderung nach Schweden. Die Wissenschaftler der Universität Kopenhagen und ihrer Partner verglichen das Erbgut mit Daten von 4.009 bereits untersuchten Menschen aus früheren Epochen. Dabei fanden sie eine Bevölkerungsgruppe, deren genetische Spur vor rund 4.000 Jahren im heutigen Schweden erscheint und auf den baltischen Raum verweist. Bis vor etwa 3.500 Jahren hatte sich diese Abstammung in ganz Skandinavien verbreitet, während Menschen mit unterschiedlichen Vorfahren gemeinsame Nachkommen bekamen.
Für germanische Sprachen liefert diese Bewegung einen neuen möglichen Weg nach Nordeuropa, der archäologisch bisher nur schwer zu erkennen war. Zu diesem Sprachzweig gehören neben Deutsch und Englisch auch Friesisch, Niederländisch sowie die nordischen Sprachen wie Dänisch, Schwedisch, Norwegisch und Isländisch. Lange galten frühere Zuwanderer im Umfeld der Schnurkeramik und Glockenbecherkultur als Überbringer des indoeuropäischen Dialekts, aus dem sich das Germanische entwickelte. Der nun vorgeschlagene Vorgang läge rund 800 Jahre später und würde damit eine andere Bevölkerungsbewegung mit dieser frühen Sprachgeschichte verbinden.
Neben Zähnen nutzte das Team bevorzugt Felsenbeine aus dem Schädel, weil deren besonders dichtes Knochenmaterial alte DNA gut bewahren kann. In speziellen Reinräumen bohrten sie Proben an, gewannen Erbmaterial und bereiteten es für die Sequenziergeräte vor, um moderne Verunreinigungen möglichst zu vermeiden. Typische Schäden an den Molekülen halfen dabei, tatsächlich altes menschliches Erbgut zu erkennen und für weitere Analysen geeignete Proben auszuwählen. Datierungen und archäologische Fundzusammenhänge verankerten die untersuchten Menschen anschließend in Zeit und Raum, statt ihre genetischen Ähnlichkeiten isoliert zu betrachten.
Besonders wichtig waren gemeinsam geerbte DNA-Abschnitte, mit denen sich auch eng verwandte Bevölkerungsgruppen besser auseinanderhalten lassen als mit groben Herkunftskategorien. Rechenmodelle prüften, welche älteren Gruppen die Vorfahren späterer Menschen am besten erklären und wo sich zuvor getrennte Abstammungslinien miteinander vermischten. Verunreinigte oder unzureichend lesbare Proben schieden aus; auch enge Verwandte wurden für die weiterführenden Auswertungen entfernt, damit einzelne Familien das Bild nicht verzerren. Die östliche skandinavische Gruppe besaß zusätzliche Jäger-und-Sammler-Abstammung, die besser zu Vergleichsproben aus Lettland und Litauen passte als zu einheimischen skandinavischen Jägern und Sammlern. Für ihre vermutete Entstehungsregion zwischen Finnland und Nordostschweden fehlen bislang passende Genome aus dieser Zeit, weshalb der genaue Ausgangsort der Wanderung offenbleibt.
Welche Sprache ein Mensch erlernte, lässt sich aus seiner genetischen Abstammung allein nicht bestimmen; deshalb arbeitet das Team auch mit sprachwissenschaftlichen Befunden. Für Guus Kroonen, einen der beteiligten Linguisten, sind dabei Wörter wichtig, die benachbarte Sprachgemeinschaften voneinander übernommen und anschließend unterschiedlich weiterentwickelt haben. Frühe germanische Sprecher gaben Wortschatz an Vorläufer finnischer und samischer Sprachen im Osten weiter, während sie selbst Wörter aus dem Keltischen übernahmen. Diese Kontakte begrenzen den Raum, in dem ihre Sprache damals gesprochen worden sein dürfte, und lassen sich mit den genetischen Wanderungsspuren vergleichen.
Zwischen den ältesten hier diskutierten Zuwanderungen und den ersten erhaltenen Runeninschriften liegt eine schriftlose Lücke von zwei bis drei Jahrtausenden. Die Autoren unterscheiden eine bronzezeitliche Vorstufe vom späteren Urgermanischen, das durch charakteristische Lautveränderungen entstand und zum gemeinsamen Vorfahren der germanischen Einzelsprachen wurde. Für diesen Übergang finden sie in Jütland weitgehende genetische Kontinuität, sodass soziale Veränderungen oder die eigene Entwicklung der Sprache als Auslöser infrage kommen. Spätere Runeninschriften belegen nah verwandte Dialekte in genetisch unterschiedlichen Regionen Skandinaviens und zeigen damit, wie verschieden Sprache und Herkunft verlaufen konnten.
Aufrechte Bildsteine umschließen im Königsgrab von Kivik in Südschweden eine Grabkammer, deren Ritzbilder einen sichtbaren Zugang zur nordischen Bronzezeit bieten. Rot nachgezogene Figuren heben sich von den rauen Oberflächen ab, während der umgebende Steinhügel die zentrale Kammer von der Landschaft abschirmt. Der Besucherführer der Kiviksgraven datiert die zentrale Steinkiste auf etwa 1400 vor Christus und beschreibt einen Hügel mit 75 Metern Durchmesser. Die Anlage wurde nach früheren Eingriffen in den 1930er-Jahren rekonstruiert; ihre heutige Gestalt verbindet deshalb antike Bauteile mit moderner Wiederherstellung.
Die Nature-Arbeit verbindet die frühe Ausbreitung der östlichen Abstammung mit veränderten Bestattungsweisen und Haustypen sowie mit den ersten dauerhaften Netzwerken für Bronze. Die neue genetische Mischung tritt im späteren Vergleich auf den dänischen Inseln besonders deutlich hervor, gefolgt von Norwegen und schließlich der jütischen Halbinsel. Unterschiede zwischen den Regionen bleiben dabei erhalten, auch als die materielle Kultur im Norden zunehmend gemeinsame Formen annimmt.
Später führen die genetischen Spuren aus Südskandinavien in Gebiete des heutigen Deutschlands, Polens und der Niederlande, in denen zuvor vermutlich keltische Sprachen verbreitet waren. Während der anschließenden Völkerwanderungszeit findet das Team entsprechende Vorfahren bei Angelsachsen in Britannien und bei Langobarden, deren Geschichte bis nach Südeuropa führt. Zusätzliche Proben aus Norddeutschland helfen, zwischen benachbarten eisenzeitlichen Ausgangsgruppen zu unterscheiden und die Herkunft dieser Auswanderer regional genauer einzugrenzen. Für die angelsächsische Wanderung passen diese norddeutschen beziehungsweise südjütischen Vergleichsgruppen besser als Bewohner der dänischen Inseln oder Schwedens.
Auch in den niederländischen Küstengebieten verschiebt sich das genetische Profil nach einer Phase geringer Besiedlung zugunsten der eingewanderten Gruppen und ihrer Nachkommen. Bei den untersuchten Langobarden wiederum kommen neben Menschen mit nördlichen Vorfahren auch Personen vor, deren Erbgut eher zur jeweiligen örtlichen Bevölkerung passt. Für frühe Gruppen der Wielbark-Kultur im heutigen Polen führt die Spur stärker nach Ostskandinavien und ergänzt damit die Diskussion um die Herkunft der Goten. Spätere untersuchte Goten in südlicheren Regionen besitzen überwiegend andere, regionale Vorfahren, was auf die Aufnahme weiterer Menschen in diese Gemeinschaften hindeutet.
Eine gegenläufige Bewegung bringt während der Spätantike Menschen aus dem norddeutschen beziehungsweise südjütischen Raum zurück auf die dänischen Inseln und nach Südschweden. Um das Jahr 700 lässt sich die skandinavische Abstammung vieler dort untersuchter Menschen hauptsächlich mit dieser südlicheren Herkunft erklären, während zuvor verbreitete lokale Linien zurücktreten. Auf den Inseln fällt der Wechsel besonders stark aus; Jütland bewahrt demgegenüber einen größeren Anteil seiner bisherigen Bevölkerungsgeschichte und genetischen Kontinuität. Zwischen den Neuankömmlingen und den nach Britannien gewanderten Angelsachsen bestehen enge Verbindungen, die gemeinsame Wurzeln eines Teils der späteren Wikinger erklären.
Die Bewegung überschneidet sich zeitlich mit der Herausbildung des Altnordischen, dessen Verbreitung das Team mit dem wachsenden Einfluss dänischer Gruppen verbindet. Sie präzisiert damit das Bild der bereits anderweitig belegten genetischen Vielfalt der Wikinger und macht unterschiedliche Entwicklungen innerhalb Skandinaviens sichtbar. In Norwegen blieben beim Übergang zur Wikingerzeit mehr örtliche Abstammungslinien erhalten, während sich zugleich die Sprache und gesellschaftlichen Strukturen wandelten. Parallel zum sprachlichen Wandel wurde die ältere Runenschrift umgestaltet; das jüngere Futhark diente anschließend speziell dazu, Altnordisch schriftlich festzuhalten.
Eine ergänzende Nature-Arbeit zur Verbreitung keltischer Sprachen untersucht 4.587 alte Individuen und verwendet dabei teilweise denselben genetischen Datenbestand wie die germanische Untersuchung. Sie vergleicht mehrere Erklärungen für einen Sprachzweig, zu dem heute unter anderem Irisch, Walisisch, Schottisch-Gälisch und Bretonisch gehören und der einst erheblich weiter verbreitet war. Besonders gut passt nach Ansicht der Autoren eine Bewegung aus dem östlichen Mitteleuropa, die vor rund 3.000 Jahren nach Westen führte. Menschen im Umfeld der Knovíz- und Urnenfelderkultur hinterließen dabei genetische Spuren bis nach Frankreich, auf die Britischen Inseln, nach Nordostiberien und Italien.
Als Erklärung für die Ausbreitung des Keltischen benötigt dieses Szenario nach Einschätzung des Teams die wenigsten Zusatzannahmen, andere Wege bleiben jedoch möglich. Bereits eine ältere Wanderung aus Südwesteuropa nach Britannien ist mit Modellen vereinbar, die dem Atlantikraum eine größere Rolle in der Sprachentstehung zuschreiben. Zudem könnten verwandte Dialekte gemeinsame sprachliche Merkmale übernommen haben, ohne dass überall die bisherige Sprache der Bevölkerung vollständig ersetzt werden musste. Die bei der Urnenfelderkultur verbreiteten Brandbestattungen hinterlassen gerade für diese Epoche wenige geeignete menschliche Überreste und erschweren damit eine noch genauere Rekonstruktion.
Für die Vorgeschichte des mit Knovíz verglichenen Abstammungsprofils fehlt den Autoren besonders Material aus der Zeit zwischen etwa 1750 und 1350 vor Christus. Zusätzliche Genome aus Norditalien und Mitteleuropa könnten klären, wie diese Bevölkerung entstand und welche Beziehungen zwischen frühen keltischen und italischen Sprachzweigen bestanden.
Nature, Tracing the spread of Germanic languages using ancient genomics; doi:10.1038/s41586-025-09064-1
Nature, Tracing the spread of Celtic languages using ancient genomics; doi:10.1038/s41586-026-11198-9
Asmiroca Kulturarvsupplevelser/Kiviksgraven, Kort information om Kiviksgraven
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