Mehr als hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gibt es in Frankreich Waldstücke, die bis heute nicht betreten werden dürfen. Sie gehören zur Zone Rouge, jenen Landstrichen entlang der früheren Westfront, die 1919 als unbewohnbar eingestuft wurden. Der Boden ist dort von Blindgängern durchsetzt, mit Giftstoffen belastet und teils so verseucht, dass kaum eine Pflanze wächst. Was nach abgeschlossener Geschichte klingt, ist bis heute eine reale Gefahr.
Als der Krieg 1918 endete, hinterließ er entlang der Front eine Mondlandschaft. Ganze Landstriche in Nordostfrankreich waren von Granaten umgepflügt, durchzogen von Schützengräben, übersät mit Blindgängern und den Überresten von Menschen und Tieren. Der Boden war durch Chlor, Phosgen und Senfgas vergiftet, Felder, die zuvor jahrhundertelang bewirtschaftet worden waren, galten als unbrauchbar. Der französische Staat teilte die Schäden nach ihrer Schwere ein und markierte die am stärksten zerstörten Flächen auf seinen Karten rot. Daraus entstand der Name Zone Rouge. In diesen Gebieten wurden Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Besiedlung untersagt, weil eine Rückkehr zu gefährlich erschien. Insgesamt erklärte Frankreich über 1.000 Quadratkilometer Land für zu belastet, um dort zu leben oder zu arbeiten.
Ein besonders betroffener Ort ist die Umgebung der Festungsstadt Verdun, wo 1916 eine der längsten und verlustreichsten Schlachten der Geschichte tobte. Millionen Granaten gingen dort nieder, ein erheblicher Teil davon explodierte nie und blieb im Boden stecken. Bis heute liegen unter der Oberfläche Schätzungen zufolge Millionen von Blindgängern, viele davon mit Sprengstoff gefüllt, manche mit Giftgas. Rund um Verdun wurden mehrere Dörfer nie wieder aufgebaut; sie existieren formal weiter, haben aber keine Einwohner mehr. Wer die Region heute besucht, sieht dichten Wald über wellenförmigem Boden, in dem sich Krater und Grabenreste erahnen lassen. Unter dieser scheinbar friedlichen Oberfläche wirkt der Krieg fort.
Die Zone Rouge umfasst Landstriche entlang der früheren Westfront, die Frankreich 1919 als unbewohnbar sperrte. Ursache sind Millionen Blindgänger sowie Giftstoffe wie Arsen, Blei und Chemiewaffenreste im Boden. In den am stärksten belasteten Arealen sterben fast alle Pflanzen ab, und einzelne Flächen bleiben bis heute vollständig gesperrt.
Die Gefahr hat zwei Ursachen. Zum einen liegen im Boden ungezählte Blindgänger, die auch nach über hundert Jahren noch explodieren können. Zum anderen haben Sprengstoffe, Giftgase und die spätere Vernichtung von Munition den Boden chemisch vergiftet. In den 1920er Jahren wurden chemische Granaten in offenen Gruben verbrannt, was die Belastung an manchen Stellen zusätzlich verschärfte. Untersuchungen der Böden in den Jahren 2005 und 2006 fanden in besonders belasteten Arealen extreme Arsenwerte von bis zu rund 176 Gramm pro Kilogramm Erde. An solchen Stellen keimen zwar Pflanzen, sterben aber fast vollständig wieder ab. Deshalb sind einige Flächen bis heute dauerhaft eingezäunt und für die Öffentlichkeit gesperrt.
Wo Landwirtschaft wieder erlaubt ist, gehört ein besonderes Phänomen zum Alltag: die Eisenernte. Jedes Jahr fördern Pflüge in den früheren Kampfgebieten Frankreichs und Belgiens große Mengen an Blindgängern, Granatsplittern, Stacheldraht und Munitionsresten zutage. Bauern legen die gefundenen Sprengkörper an den Rand ihrer Felder, wo eigens ausgebildete Räumdienste sie einsammeln und entschärfen. Die geborgenen Mengen sind erheblich und bewegen sich Schätzungen zufolge in der Größenordnung von hunderten Tonnen pro Jahr allein in Frankreich. Besonders heikel sind die chemischen Granaten: Werden sie beschädigt, können Giftstoffe austreten, weshalb sie in spezielle Anlagen gebracht und dort unter hohen Temperaturen unschädlich gemacht werden. Seit Kriegsende kamen durch solche Altlasten immer wieder Menschen zu Tode, auch wenn die Zahl der Opfer über die Jahrzehnte deutlich gesunken ist.
Die vollständige Beseitigung aller Kampfmittel ist eine Aufgabe für viele Generationen. Die französische Zivilschutzbehörde, die für die Verwaltung und Räumung der Zone Rouge zuständig ist, schätzt, dass die vollständige Säuberung beim derzeitigen Tempo noch mehrere hundert Jahre in Anspruch nehmen könnte. Über die Jahrzehnte ist die gesperrte Fläche zwar erheblich geschrumpft, weil viele Bereiche geräumt und wieder freigegeben wurden. Doch gerade die am stärksten belasteten Kerngebiete gelten als kaum je vollständig zu sanieren. Für sie bleibt der Zustand bestehen: gesperrt, überwacht und dem Wald überlassen. Der Krieg von 1914 bis 1918 ist damit in diesen Landstrichen nie ganz zu Ende gegangen, sondern liegt weiter unter der Erde.
Die Zone Rouge zeigt, wie tief ein Krieg eine Landschaft verändern kann. Was als vorübergehende Absperrung nach 1918 gedacht war, ist zu einem Dauerzustand geworden, der über ein Jahrhundert überdauert hat. Zwischen den Bäumen bei Verdun ruht bis heute eine unsichtbare Gefahr, die jedes Jahr aufs Neue ans Tageslicht kommt.