Menschheit in Zahlen

Wie viele Menschen haben jemals gelebt?

Wie viele Menschen haben jemals gelebt?
(Symbolbild) Rund acht Milliarden Menschen leben heute auf der Erde, und die Frage, wie viele vor ihnen gelebt haben, lässt sich mit erstaunlicher Genauigkeit beantworten. Demografen des Population Reference Bureau rechnen seit 1995 nach und kommen mit den aktuellen Daten auf etwa 117 Milliarden Geburten seit dem Auftreten des modernen Menschen. Die heute Lebenden machen davon nur knapp sieben Prozent aus, weit weniger, als eine hartnäckige Legende behauptet. Hinter der Zahl stehen Annahmen über Steinzeit, Kindersterblichkeit und Lebenserwartung, die die Menschheitsgeschichte in ein neues Licht rücken. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Etwa 117 Milliarden Menschen wurden seit dem Auftreten des Homo sapiens vor rund 200.000 Jahren geboren. Das ist das Ergebnis einer Rechnung des Population Reference Bureau in Washington, die seit 1995 mit jedem neuen Fund und jeder neuen Volkszählung aktualisiert wird. Die acht Milliarden Menschen, die heute leben, sind demnach knapp sieben Prozent aller, die je gelebt haben, und die weit verbreitete Behauptung, es lebten heute mehr Menschen als jemals gestorben sind, ist falsch.

Die Frage klingt unbeantwortbar, denn für mehr als 99 Prozent der Menschheitsgeschichte gibt es keine Volkszählung, kein Geburtenregister und keinen Grabstein mit Datum. Die ersten halbwegs verlässlichen Bevölkerungszahlen stammen aus dem Römischen Reich und dem China der Han-Dynastie, und selbst für das Jahr 1800 schwanken die Schätzungen der Weltbevölkerung um Hunderte Millionen. Trotzdem lässt sich die Gesamtzahl aller je geborenen Menschen eingrenzen, weil sie von nur drei Größen abhängt: seit wann es Menschen gibt, wie viele zu den verschiedenen Zeiten lebten und wie viele Kinder pro tausend Einwohner jedes Jahr zur Welt kamen.

Der Demograf Carl Haub stellte diese Rechnung 1995 erstmals für das Population Reference Bureau auf, eine gemeinnützige Forschungseinrichtung, die seit 1929 Bevölkerungsdaten auswertet, und kam auf gut 105 Milliarden Geburten seit dem Jahr 50.000 vor Christus. Seither wurde die Rechnung mehrfach überarbeitet, zuletzt 2022 von Haub und seiner Kollegin Toshiko Kaneda, nachdem Fossilfunde den Beginn des modernen Menschen auf etwa 190.000 vor Christus vorverlegt hatten. Das Ergebnis lautet 117 Milliarden, mit allen Vorbehalten, die eine solche Zahl verdient. Die vollständige Herleitung ist beim Population Reference Bureau nachzulesen.

Wie man 200.000 Jahre Geburten zählt

Die Rechnung teilt die Menschheitsgeschichte in Abschnitte. Für die lange Zeit vor der Landwirtschaft nehmen die Demografen eine winzige, kaum wachsende Bevölkerung an, die sich in kleinen Gruppen über die Kontinente verteilte; für das Jahr 8000 vor Christus, als Ackerbau im Vorderen Orient begann, werden rund fünf Millionen Menschen angesetzt, für das Jahr 1 unserer Zeitrechnung etwa 300 Millionen, für 1650 rund 500 Millionen, für 1800 eine Milliarde. Mit jeder Epoche wird eine Geburtenrate verknüpft. In der Steinzeit lag sie nach dieser Annahme bei etwa 80 Geburten pro tausend Menschen und Jahr, mehr als doppelt so hoch wie in den ärmsten Ländern heute, weil die Sterblichkeit ebenso hoch war und die Bevölkerung nur mit vielen Geburten überhaupt stabil blieb.

Multipliziert man Bevölkerung, Geburtenrate und Jahre und addiert die Abschnitte, ergibt sich die Gesamtzahl. Der größte Anteil fällt dabei nicht in die Gegenwart, sondern in die Jahrtausende zwischen dem Beginn der Landwirtschaft und dem Mittelalter: Bis zum Jahr 1200 waren nach der Tabelle des Population Reference Bureau bereits mehr als 80 Milliarden Menschen geboren worden. Ein Demograf der Texas A&M University, Dudley Poston, erweiterte die Rechnung für die Zeit vor 50.000 vor Christus und kam für die frühesten 140.000 Jahre auf zusätzliche acht Milliarden Geburten. Das zeigt, wie wenig die lange Frühzeit ins Gewicht fällt: Kleine Gruppen über sehr lange Zeit bringen weniger Menschen hervor als eine große Bevölkerung über wenige Jahrhunderte.

Der Mythos von den lebenden Mehrheit

In den 1970er Jahren kursierte in Zeitungen und Schulbüchern die Behauptung, 75 Prozent aller Menschen, die je gelebt hätten, seien jetzt am Leben. Sie stützte sich auf keine Rechnung, sondern auf den Eindruck des explosiven Wachstums nach dem Zweiten Weltkrieg, und sie war um mehr als das Zehnfache daneben. Nach den Zahlen von 2022 sind die 7,96 Milliarden Menschen der Erde 6,8 Prozent aller je Geborenen. Dass dieser Anteil überhaupt so hoch ist, verdankt sich der Tatsache, dass die Weltbevölkerung in den vergangenen 200 Jahren von einer auf acht Milliarden wuchs, während sie in den 200.000 Jahren davor kaum je über wenige Hundert Millionen hinauskam.

Die Zahl 117 Milliarden ist zudem keine Zählung der Toten. Sie zählt Geburten, und ein Großteil dieser Geburten endete früh. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte lag die Lebenserwartung bei der Geburt nach den Annahmen der Demografen bei nur etwa zehn Jahren, nicht weil Erwachsene so früh starben, sondern weil ungefähr jedes zweite Kind das fünfte Lebensjahr nicht erreichte. Wer die Kindheit überstand, konnte auch in der Steinzeit 50 oder 60 Jahre alt werden. Von den 117 Milliarden Menschen haben also womöglich 50 Milliarden nie das Erwachsenenalter gesehen, eine Größenordnung, die keine Chronik und kein Friedhof der Welt verzeichnet. Wie eine Seuche in der Antike ganze Städte entvölkern konnte, zeigen Kalkschichten im Pont du Gard, die den Ausfall der Wasserversorgung von Nîmes festhalten.

Warum andere Rechnungen andere Zahlen liefern

Die Schätzung des Population Reference Bureau ist die bekannteste, aber nicht die einzige. Der Demograf Nathan Keyfitz kam 1966 mit einem Beginn der Rechnung um 1.000.000 vor Christus und anderen Annahmen auf etwa 69 Milliarden. Andere Autoren erhielten Werte zwischen 50 und 150 Milliarden, je nachdem, wie hoch sie die Geburtenraten der Frühzeit und die Bevölkerung des Altertums ansetzten. Das Magazin Scientific American rechnete 2023 vor, dass eine vereinfachte Methode mit denselben Bevölkerungsdaten auf mehr als 140 Milliarden führt. Dass alle Wege in derselben Größenordnung landen, ist das eigentlich Bemerkenswerte: Die Zahl liegt sicher über 50 und unter 150 Milliarden, und 117 ist die beste Mitte, die die Daten hergeben.

Die größte Unsicherheit liegt in der Frühzeit, für die die Rechnung ein gleichmäßiges Wachstum unterstellt. Tatsächlich dürfte die Bevölkerung mit Klimaschwankungen, Vulkanausbrüchen und Seuchen stark geschwankt haben, und Schwankungen bedeuten im Mittel mehr Geburten, nicht weniger, weil nach jedem Einbruch mehr Kinder geboren wurden. Die Demografen selbst halten deshalb eine Unterschätzung für wahrscheinlicher als eine Überschätzung. Neue Funde, die den Homo sapiens noch weiter zurückdatieren, würden die Zahl geringfügig erhöhen, aber nur um wenige Milliarden, weil die Frühzeit so dünn besiedelt war.

Was aus der Zahl folgt

Bis 2050 werden nach derselben Rechnung weitere vier Milliarden Menschen geboren, sodass die Gesamtzahl auf rund 121 Milliarden steigt. Der Anteil der Lebenden wächst dann auf gut acht Prozent, weil die Weltbevölkerung noch zunimmt, und beginnt danach zu sinken, sobald sie ihren Höhepunkt überschreitet. In sehr ferner Zukunft, wenn die Menschheit lange genug besteht, werden die acht Milliarden von heute wieder auf einen winzigen Bruchteil aller Menschen schrumpfen, so wie die Steinzeit heute nur einen Bruchteil der 117 Milliarden stellt.

So gesehen ist jeder heute Lebende einer von rund 117 Milliarden, mit 109 Milliarden Vorgängern, von denen die meisten in Dörfern lebten, Kinder verloren und keine Spur hinterließen, die ein Archiv bewahrt. Die Zahl macht sichtbar, was die Geschichtsschreibung gewöhnlich übergeht: Der größte Teil der Menschheit hat vor jeder aufgezeichneten Geschichte gelebt, und der Teil, der heute die Erde bevölkert, ist die Ausnahme, nicht die Regel.

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