Riese im Eis

Welches Tier ist das größte Landtier der Antarktis?

Welches Tier ist das größte Landtier der Antarktis?
(Symbolbild) Wer an die Tiere der Antarktis denkt, sieht Kaiserpinguine, Robben und Wale vor sich. Doch alle diese Tiere leben vom Meer und kommen nur zum Brüten oder Ausruhen an Land. Fragt man nach dem größten Tier, das ausschließlich auf dem antarktischen Boden lebt, lautet die Antwort anders, als fast jeder erwartet, und sie passt bequem auf einen Fingernagel. Das Tier übersteht Temperaturen, die jedes andere Insekt töten würden, lebt zwei Jahre eingefroren und trägt ein Erbgut, das Rekorde bricht. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Welches Tier ist das größte Landtier der Antarktis? Nicht der Pinguin und nicht die Robbe, denn beide sind Meerestiere, die nur zu Besuch an Land kommen. Das größte Tier, das seinen ganzen Lebenszyklus auf antarktischem Boden verbringt, ist eine flügellose Mücke von zwei bis sechs Millimetern Länge. Belgica antarctica lebt zwei Jahre eingefroren, übersteht den Verlust von zwei Dritteln ihres Körperwassers und besitzt das kleinste bekannte Erbgut aller Insekten.

Die Antarktis ist der einzige Kontinent, auf dem kein Mensch dauerhaft lebt, und auf dem auch fast kein anderes Landtier existiert. Kein Säugetier, kein Reptil, kein Landvogel, kein Frosch. Die Tiere, die auf Bildern aus der Antarktis erscheinen, sind fast ausnahmslos Bewohner des Ozeans. Kaiserpinguine brüten auf dem Meereis, verbringen aber den größten Teil ihres Lebens im Wasser und ernähren sich ausschließlich dort. Weddellrobben liegen am Strand, jagen aber unter dem Eis. Auch die Vögel, die auf antarktischen Felsen nisten, holen ihre Nahrung aus dem Meer. Wer nach einem Tier sucht, das wirklich vom Land lebt, muss sehr genau hinsehen.

Zoologen unterscheiden deshalb zwischen Tieren, die an Land vorkommen, und solchen, die dort ihren gesamten Lebenszyklus vollenden. Nach dieser Definition schrumpft die Fauna der Antarktis auf Milben, Springschwänze, Fadenwürmer, Bärtierchen und ein einziges Insekt. Dieses Insekt ist das größte Landtier des Kontinents, und es hat den Namen Belgica antarctica, benannt nach dem Forschungsschiff Belgica, mit dem eine belgische Expedition 1898 als erste in der Antarktis überwinterte und dabei das Tier entdeckte.

Eine Mücke ohne Flügel

Belgica antarctica gehört zu den Zuckmücken, einer Familie harmloser Insekten, deren Verwandte an Seen in Europa in Schwärmen tanzen. Die antarktische Art hat die Flügel aufgegeben, ein Fall von Anpassung, denn wer auf einer windgepeitschten Felsküste fliegt, wird sofort ins Meer geweht. Stattdessen krabbelt die dunkelbraune, wenige Millimeter kleine Mücke über Moose, Algen und Pinguinguano auf den eisfreien Küstenstreifen der Antarktischen Halbinsel, wo sie in Dichten von Tausenden Tieren pro Quadratmeter vorkommen kann. Ihr Leben verläuft im Wesentlichen als Larve: Zwei Jahre lang frisst sie sich durch Algen und Bakterien, den größten Teil davon eingefroren im Boden. Das erwachsene Tier lebt nur etwa zehn Tage im antarktischen Sommer, paart sich, legt Eier und stirbt.

Was diese Mücke zu einem Forschungsobjekt macht, ist ihre Widerstandsfähigkeit. Die Larven überleben es, im Boden einzufrieren, und zwar nicht durch Frostschutz wie viele Insekten, sondern indem sie das Gefrieren zulassen und ihre Zellen darauf vorbereiten. Sie ertragen den Verlust von bis zu 70 Prozent ihres Körperwassers, überstehen Wochen ohne Sauerstoff, hohe Salzkonzentrationen und die extreme ultraviolette Strahlung des antarktischen Sommers. Kein anderes Insekt vereint so viele Überlebenskünste. Der British Antarctic Survey, das britische Polarforschungsinstitut, dokumentiert die Landfauna des Kontinents und die Rolle der Zuckmücke unter bas.ac.uk.

Das kleinste Erbgut aller Insekten

2014 entschlüsselte ein Team um den Biologen David Denlinger von der Ohio State University das Genom der Mücke und fand eine Überraschung: Es umfasst nur 99 Millionen Basenpaare, weniger als jedes andere bis dahin sequenzierte Insekt und rund ein Dreißigstel des menschlichen Erbguts. Dabei fehlen der Mücke keine wichtigen Gene, sie hat nur radikal gespart, indem sie fast alle wiederholten und überflüssigen Abschnitte gestrichen hat. Die Forscher vermuten, dass das eine Anpassung an die Kälte ist: Ein kompaktes Genom lässt sich mit weniger Energie kopieren und in der kurzen Zeit, in der Wachstum möglich ist, schneller nutzen. Die Ergebnisse erschienen in Nature Communications.

Bemerkenswert ist auch, was das Genom nicht enthält. Gene für Flügelmuskeln und den Flug sind stark reduziert, Gene für die Reaktion auf Stress dagegen zahlreich vorhanden. Belgica antarctica ist damit ein Modell dafür, wie sich Leben an die Grenze des Möglichen anpasst, und Forscher untersuchen ihre Proteine, um zu verstehen, wie Zellen Frost und Austrocknung überstehen. Weitere Berichte vom südlichsten Kontinent finden sich unter dem Thema Antarktis.

Warum es sonst nichts gibt

Dass die Antarktis so wenige Landtiere hat, liegt an einer Kombination aus Kälte, Trockenheit und Isolation. Nur etwa ein Prozent des Kontinents ist eisfrei, und diese Flecken sind über Tausende Kilometer verstreut. Die Temperaturen liegen selbst im Sommer an der Küste meist unter fünf Grad, und die Luft ist so trocken wie in einer Wüste. Vor allem aber ist der Kontinent seit rund 30 Millionen Jahren durch den Zirkumpolarstrom vom Rest der Welt abgeschnitten, sodass kaum eine Art einwandern konnte. Die Tiere, die es gibt, stammen zum Teil aus der Zeit vor der Vereisung: Genetische Studien deuten darauf hin, dass Belgica antarctica seit vielen Millionen Jahren in der Antarktis lebt und mehrere Eiszeiten auf kleinen eisfreien Inseln überdauert hat.

Einen Konkurrenten um den Titel gibt es nur in der Grauzone. Die Antarktische Halbinsel beherbergt eine zweite Zuckmücke, Parochlus steinenii, die Flügel besitzt und fliegen kann, aber auf die subantarktischen Inseln und die Nordspitze der Halbinsel beschränkt ist. Und seit einigen Jahrzehnten breitet sich mit Schiffen und Forschungsstationen eine eingeschleppte Zuckmücke aus Südamerika aus, die auf der Insel Signy bereits Massen bildet und die einheimische Art bedrängt. Der größte Bewohner des Kontinents könnte damit eines Tages Konkurrenz von einem Neuankömmling bekommen, der ebenfalls nur wenige Millimeter misst.

Der Riese auf dem Fingernagel

Es gibt wenige Superlative, die so leise sind. Auf einem Kontinent, der größer ist als Europa, ist das größte Tier, das dort dauerhaft lebt, eine Mücke, die zwischen zwei Sandkörnern Platz hat. Wer auf der Antarktischen Halbinsel an Land geht und einen Stein umdreht, findet sie zu Hunderten, schwarz und träge, und hält damit das oberste Glied einer Nahrungskette in der Hand, die ohne Raubtiere auskommt. Kein Vogel frisst sie gezielt, kein Säugetier jagt sie, ihre Feinde sind Kälte und Wind.

So kehrt die Frage nach dem größten Landtier der Antarktis den Blick um. Der Kontinent der Pinguine und Wale ist an Land ein Reich der Winzlinge, und sein Riese ist ein Insekt, das zwei Jahre im Eis liegt, um zehn Tage im Sommer zu erleben. Sein Erbgut ist das kleinste seiner Klasse, sein Lebensraum der härteste der Erde, und sein Titel ist ihm so lange sicher, wie kein größeres Tier den Sprung über den Südlichen Ozean schafft.

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