Starlite ist ein Kunststoff, den es vielleicht nur ein einziges Mal gab. Der britische Friseur Maurice Ward mischte ihn in den 1980er Jahren in seiner Werkstatt an, bestrich damit ein rohes Ei, hielt fünf Minuten lang einen Schweißbrenner darauf und schlug es danach mit rohem Dotter auf. Tests der britischen Atomwaffenbehörde bestätigten eine Hitzefestigkeit, die kein bekanntes Material erreicht. Ward verkaufte sein Rezept trotzdem nie, und als er 2011 starb, nahm er es mit.
Am Abend der Sendung Tomorrow's World im Jahr 1990 sahen Millionen Briten, wie Moderator Peter Macann zwei Hühnereier nebeneinanderlegte. Das eine war unbehandelt, das andere trug eine dünne, helle Schicht einer Paste. Dann richtete er einen Schweißbrenner darauf, dessen Flamme rund 2.500 Grad Celsius erreicht. Das nackte Ei platzte innerhalb von Sekunden. Das beschichtete Ei lag fünf Minuten in der Flamme, verkohlte an der Oberfläche, und als Macann den Brenner abschaltete, nahm er es mit der bloßen Hand auf, schlug es auf und zeigte ein rohes, kaltes Eigelb. Kein bekanntes Isoliermaterial hätte das geleistet, jedenfalls keines, das so dünn, so leicht und so leicht formbar war.
Der Mann hinter dem Versuch war weder Chemiker noch Ingenieur. Maurice Ward, geboren 1933, betrieb in Hartlepool im Nordosten Englands einen Damenfriseursalon und hatte sich in den 1980er Jahren einen gebrauchten Kunststoffextruder gekauft, um Zubehör für Autos zu fertigen. Aus den Abfällen dieser Maschine, die er als Gubbins bezeichnete, begann er zu experimentieren, angetrieben von einem Unglück: Im August 1985 waren am Flughafen Manchester 55 Menschen in einer brennenden Boeing 737 gestorben, die meisten nicht durch Feuer, sondern durch giftigen Rauch aus brennenden Kunststoffen der Kabine. Ward wollte ein Material, das nicht brennt und keine Gifte freisetzt. Nach eigener Aussage probierte er bis zu 20 Rezepturen am Tag, bis eine davon die Flamme seines Brenners aushielt und dabei kühl blieb.
Nach der Fernsehsendung meldete sich das Verteidigungsministerium. Im Juli 1990 wurde Ward zum Atomic Weapons Establishment in Foulness eingeladen, wo Materialien für den Fall eines Atomkriegs geprüft werden. Dort setzte man beschichtete Eier Lichtblitzen aus, die die Strahlungshitze einer Nuklearexplosion nachbilden, mit einer Wirkung, die einer Temperatur von rund 10.000 Grad Celsius entspricht. Ward berichtete später, die Eier seien verkohlt gewesen, aber intakt, und die Anlage habe alle zehn Minuten feuern können, weil sonst nichts zu kühlen war. Die Forscher hätten seit 45 Jahren nach einem Stoff gesucht, der einen nuklearen Blitz übersteht, und er habe ihn in fünf Minuten geliefert. Reine Kohle, das hitzebeständigste Element, schmilzt bei etwa 3.500 Grad; die meisten Werkstoffe verdampfen weit darunter.
Weitere Berichte aus dieser Zeit beschreiben Versuche mit Plasmaschneidern, die Stahlplatten zerteilen, und mit Laserstrahlen. In einem Test soll ein Sprengkopf innerhalb von neun Sekunden auf 900 Grad erhitzt worden sein, während eine dünne Starlite-Schicht die Temperatur darunter unter 40 Grad hielt. Die genauen Protokolle sind nie veröffentlicht worden, und viele Angaben stammen von Ward selbst. Unbestritten ist die Reaktion der Fachwelt: Boeing, die NASA und mehrere Rüstungsfirmen baten um Proben. Die Geschichte der Erfindung hat die Materials Research Society in einem Beitrag ihres MRS Bulletin nachgezeichnet.
Was in der Paste steckte, hat Ward nie vollständig verraten. Er sprach von bis zu 21 Bestandteilen, darunter organische Polymere, Keramikpartikel und Borate, und von einem Anteil an gewöhnlichen Haushaltszutaten. Das Verhalten in der Flamme verrät immerhin das Prinzip. Starlite gehört zu den intumeszierenden Stoffen: Unter Hitze verkohlt die Oberfläche und bläht sich zu einem feinporigen Kohlenstoffschaum auf, der sehr schlecht Wärme leitet. Je stärker die Hitze, desto schneller bildet sich der Schaum, sodass das Material bei extremer Belastung besser schützt als bei milder. Solche Brandschutzbeschichtungen gibt es auch industriell, etwa für Stahlträger in Gebäuden, doch keine kommt nach den Berichten an die Leistung heran, die Ward demonstrierte.
Genau daran entzündet sich bis heute die Skepsis. Kritiker weisen darauf hin, dass ein Ei viel Wasser enthält und Wasser sehr viel Wärme aufnimmt, bevor es kocht, und dass ein rohes Eigelb nach fünf Minuten Flamme weniger beweist, als es scheint. Andere halten die Versuche an Foulness für belegt, aber die Zahl von 10.000 Grad für eine Beschreibung der simulierten Strahlungsquelle, nicht der Temperatur im Material. Wie ein Werkstoff, der Physik zu widersprechen scheint, in der Fachwelt aufgenommen wird, zeigt auch die Geschichte einer Tarnkappe aus Metamaterial, die Objekte wirklich unsichtbar macht: Erst reproduzierbare Messungen machen aus einem Wunder eine Technologie.
Ward hätte reich werden können, und genau das wurde ihm zum Verhängnis. Er weigerte sich, Starlite zu patentieren, weil ein Patent die Rezeptur offengelegt hätte. Er gab Proben nur unter Aufsicht heraus und verlangte sie zurück, damit niemand sie analysieren konnte. In Verhandlungen forderte er die Mehrheit an jedem Unternehmen, das sein Material nutzen wollte, und änderte seine Bedingungen, sobald eine Einigung nahe schien. Gespräche mit der NASA, mit Boeing und mit britischen Rüstungsfirmen versandeten nacheinander. Die Journalistin Rose George, die ihn Ende der 1990er Jahre in Hartlepool besuchte, beschrieb einen Mann, der sein Geheimnis wie einen Schatz hütete und zugleich fest daran glaubte, dass die Welt es ihm irgendwann zu seinen Bedingungen abkaufen würde; ihr Porträt ist auf ihrer Website nachzulesen.
Ward blieb eigensinnig bis zuletzt. Er behauptete, seine Familie kenne das Rezept, und ließ Vorräte in seinem Haus lagern. Als er im Mai 2011 starb, blieb die Formel in der Familie, doch nichts davon gelangte je in ein Labor, das Ergebnisse veröffentlichte. Ein amerikanisches Unternehmen erklärte 2013, es habe die Rechte erworben und das Material nachgebaut, und legte Tests an einem Institut in Georgia vor; unabhängige Bestätigungen fehlen, und spätere Recherchen stellten die Belege infrage. Die Fachwelt behandelt Starlite deshalb als das, was es ist: eine glaubhaft dokumentierte Demonstration ohne prüfbares Rezept.
Die Aufnahmen aus dem Fernsehstudio von 1990 existieren weiterhin und werden im Netz millionenfach angesehen. Auf ihnen ist zu erkennen, dass die Beschichtung unter der Flamme aufquillt und schwarz wird, genau wie ein intumeszierender Schaum es tut. Materialforscher haben seitdem versucht, ähnliche Pasten aus Stärke, Backpulver, Borax und Polymeren nachzubauen, und einige davon halten einen Brenner tatsächlich einige Minuten aus. Ob Ward mehr in der Hand hatte als eine besonders gute Mischung bekannter Zutaten oder ob ihm ein Werkstoff gelang, den bis heute niemand wiederholen kann, lässt sich nicht mehr entscheiden.
So bleibt Starlite die Geschichte eines Friseurs, der ein Ei in die Flamme hielt, damit ein Atomwaffenlabor beeindruckte und lieber alles behielt, als es zu teilen. Wäre das Material das, was die Tests von 1990 nahelegen, hätte es Flugzeugkabinen, Feuerwehrkleidung und Raumfahrzeuge verändern können. Stattdessen liegt sein Rezept, wenn es je vollständig aufgeschrieben wurde, irgendwo in einer Schublade in Nordengland, und der einzige Beweis für seine Kraft ist ein rohes Eigelb, das im Fernsehen kalt blieb.
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