Zeit in Zehnteln

Warum hatte früher in Frankreich ein Tag nur zehn Stunden?

Warum hatte früher in Frankreich ein Tag nur zehn Stunden?
(Symbolbild) In Museen in Paris und im Schwarzwald liegen Uhren, deren Zifferblatt nur bis zehn reicht. Sie stammen aus wenigen Jahren am Ende des 18. Jahrhunderts, in denen Frankreich den Tag neu erfand: Mittag lag bei fünf Uhr, eine Stunde dauerte 144 heutige Minuten, und wer sich verabredete, tat es zu einer Zeit, die außerhalb des Landes niemand verstand. Die Reform war Teil eines Plans, der auch Meter und Kilogramm hervorbrachte, und sie scheiterte an etwas, das die Revolution nicht abschaffen konnte. (Foto: © )

Warum hatte in Frankreich ein Tag einmal nur zehn Stunden? Weil die Französische Revolution nicht nur Könige, sondern auch Maße abschaffen wollte und nach Meter und Kilogramm auch die Zeit dem Zehnersystem unterwarf. Ab 1793 hatte der Tag zehn Stunden zu je 100 Minuten zu je 100 Sekunden, Uhrmacher bauten Zifferblätter mit zehn Ziffern, und das Experiment endete nach kurzer Zeit an einem Hindernis, das keine Gesetzgebung überwinden konnte.

Wer im Musée des Arts et Métiers in Paris vor den Uhren der Revolutionszeit steht, sieht Zifferblätter, die auf den ersten Blick falsch wirken. Statt zwölf Stunden zeigen sie zehn, statt 60 Minuten 100, und manche tragen sicherheitshalber beide Systeme, das alte innen und das neue außen, damit der Besitzer sich zurechtfand. Diese Uhren sind die Zeugen eines Versuchs, der so kühn war wie kaum ein anderer der Revolution: Nicht Adel und Kirche sollten verschwinden, sondern die Art, wie Menschen die Zeit zählen.

Der Hintergrund war ein Wirrwarr. Frankreich benutzte am Ende des Ancien Régime Hunderte verschiedener Maße, jede Provinz hatte ihre eigene Elle, ihr eigenes Pfund und ihren eigenen Scheffel, und der Handel litt darunter. Die Nationalversammlung beauftragte 1790 die Akademie der Wissenschaften mit einem einheitlichen System, das auf der Zahl Zehn beruhen sollte, weil sich damit am einfachsten rechnen ließ. Heraus kamen der Meter als Zehnmillionstel des Erdquadranten, das Gramm als Gewicht eines Kubikzentimeters Wasser und der Liter. Wer so weit gegangen war, konnte die Zeit nicht ausnehmen. Dass ein Tag 24 Stunden zu 60 Minuten hat, war ein Erbe der Babylonier, also älter als jede Monarchie, und genau deshalb sollte es fallen.

Zehn Stunden, hundert Minuten, hundert Sekunden

Am 5. Oktober 1793 beschloss der Nationalkonvent die Dezimalzeit. Der Tag von Mitternacht zu Mitternacht wurde in zehn Stunden geteilt, jede Stunde in 100 Dezimalminuten, jede Minute in 100 Dezimalsekunden. Eine Dezimalstunde entsprach damit zwei Stunden und 24 Minuten alter Zeit, eine Dezimalminute 86,4 Sekunden, eine Dezimalsekunde 0,864 Sekunden. Mittag war fünf Uhr, der frühe Abend lag bei sieben, und wer um halb zehn schlafen ging, tat es nach alter Rechnung um 22:48 Uhr. Die Regelung sollte ab dem 22. September 1794, dem Beginn des Jahres III der Republik, für alle amtlichen Dokumente verbindlich sein.

Die Dezimalzeit war Teil eines größeren Umbaus. Bereits im Oktober 1793 hatte der Konvent den Revolutionskalender eingeführt, der die Jahre ab der Republikgründung zählte, den Monaten Namen wie Brumaire und Thermidor gab und die Woche durch die Dekade ersetzte, zehn Tage mit einem einzigen Ruhetag am Ende. Der Sonntag verschwand mit den Heiligen aus dem Kalender. Zusammen mit der Zehn-Stunden-Uhr sollte ein Franzose seine Zeit von der Sekunde bis zum Jahr in Zehnerschritten messen. Wie weit die Idee reichte, den Tag neu zu ordnen, zeigen auch die Beiträge zum Thema Geschichte, in denen Kalender und Zeitrechnung immer wieder als Machtmittel auftauchen.

Die Uhrmacher und das Volk

Für die Uhrmacher war das Dekret Geschäft und Zumutung zugleich. Bestehende Uhren ließen sich nicht umbauen, weil das Räderwerk auf zwölf Stunden ausgelegt war; jede Dezimaluhr musste neu konstruiert werden, mit Zifferblatt, Zeigern und Übersetzung. Werkstätten in Paris und in der Schweiz fertigten Taschenuhren und Standuhren mit zehn Ziffern, oft als Doppelzifferblatt, und in öffentlichen Gebäuden hingen Uhren, die beide Zeiten zeigten. Erhalten sind heute einige Hundert Stücke, begehrte Sammlerobjekte, deren Geschichte das Musée des Arts et Métiers unter arts-et-metiers.net dokumentiert.

Das Volk machte nicht mit. Eine Stunde, die fast zweieinhalb alte Stunden dauerte, war für Handwerker, Bauern und Marktleute unbrauchbar, weil sie ihre Arbeit in Einheiten planten, die dem Tageslauf folgten. Kirchturmuhren schlugen weiter zwölf, Glocken riefen zu alten Zeiten, und außerhalb der Behörden verabredete sich niemand zu dezimalen Stunden. Während sich Meter und Kilogramm durchsetzten, weil sie beim Handel Vorteile brachten, bot die Dezimalzeit keinen Nutzen, den ein einzelner Mensch gespürt hätte, nur Kosten für eine neue Uhr. Am 7. April 1795 setzte der Konvent die Verbindlichkeit aus, nach nur 17 Monaten Pflicht. Die Dezimalzeit blieb erlaubt, wurde aber praktisch nicht mehr verwendet.

Warum die Zeit nicht dezimal wurde

Der Revolutionskalender überlebte länger, bis Napoleon ihn zum 1. Januar 1806 abschaffte und Frankreich zum gregorianischen Kalender zurückkehrte. Die Dezimalzeit war da längst vergessen, obwohl sie mathematisch schöner ist als das babylonische Erbe. Der Grund für ihr Scheitern ist dabei kein historischer Zufall. Zeit ist im Unterschied zu Längen und Gewichten keine Größe, die man nur misst, sondern eine, mit der Menschen ihren Tag mit anderen abstimmen. Sie funktioniert nur, wenn alle dieselbe verwenden, und die ganze Welt außer Frankreich zählte weiter in 24 Stunden. Hinzu kommt, dass die 60 des babylonischen Systems durch 2, 3, 4, 5, 6, 10, 12, 15, 20 und 30 teilbar ist, was das Rechnen mit Viertel- und Drittelstunden erleichtert, während sich 100 weder durch drei noch durch sechs teilen lässt.

Zwei Rückkehrversuche gab es trotzdem. 1897 setzte die Französische Akademie der Wissenschaften eine Kommission ein, die einen Kompromiss vorschlug, den Tag mit 24 Stunden zu je 100 Minuten. Auch dieser Vorschlag blieb liegen. Und in der Astronomie hat sich eine Form der Dezimalzeit tatsächlich gehalten: Das Julianische Datum zählt die Tage seit dem Jahr 4713 vor Christus mit Dezimalbrüchen, sodass ein Zeitpunkt wie 2460000,75 den Nachmittag eines Tages bezeichnet. Wer Sternbeobachtungen vergleicht, rechnet bis heute in Zehnteln des Tages, ganz im Sinn der Revolution.

Was von zehn Stunden blieb

Von der französischen Dezimalzeit sind die Uhren geblieben, die Bezeichnung Dezimalminute in alten Landkarten und ein Gedanke, der sich seitdem hartnäckig hält. In der Softwarewelt teilt die sogenannte Internetzeit, die 1998 vorgeschlagen wurde, den Tag in tausend Beats, und in Wirtschaftsberechnungen taucht die Dezimalstunde als Zehntelstunde auf, wenn Arbeitszeit abgerechnet wird. Der Traum vom Tag mit zehn Stunden lebt also in Nischen weiter, ohne je die Turmuhren zu erreichen.

So bleibt ein Experiment, das mutiger war als alle Reformen, die folgten: Ein ganzes Land sollte anders zählen, wenn es auf die Uhr sieht. Es scheiterte nicht an der Mathematik, sondern daran, dass Zeit den Menschen gehört, die sie miteinander teilen, und die hatten sich vor 4.000 Jahren in Babylon auf 24 Stunden geeinigt.

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