Farbenrätsel im Fell

Warum gibt es auf der ganzen Erde kein einziges grünes Säugetier?

Warum gibt es auf der ganzen Erde kein einziges grünes Säugetier?
(Symbolbild) Frösche, Papageien, Schlangen, Fische und Insekten leuchten in jedem Grün, das der Regenwald bietet, doch unter den rund 6.500 Säugetierarten der Erde gibt es keine einzige mit grünem Fell oder grüner Haut. Selbst das Faultier, das oft als Ausnahme gilt, ist nur wegen Algen grün, die in seinen Haaren wachsen. Der Grund liegt in der Chemie des Haares, in einer Jahrmillionen alten Nachtgeschichte der Säugetiere und in den Augen ihrer Feinde. Wer versteht, warum kein Säugetier grün ist, versteht, wie Farbe in der Natur überhaupt entsteht. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Kein Säugetier auf der Erde ist grün. Unter rund 6.500 Arten von der Spitzmaus bis zum Blauwal findet sich kein einziges mit grünem Fell, obwohl Grün in Wäldern und Wiesen die perfekte Tarnfarbe wäre und Vögel, Reptilien, Amphibien und Insekten sie millionenfach nutzen. Die Ursache liegt in einem Baufehler, den alle Säugetiere teilen: Ihre Haare können nur zwei Farbstoffe herstellen, und Grün ist mit beiden nicht zu machen.

Ein Laubfrosch verschwindet auf einem Blatt, ein Papagei im Blätterdach, eine Grüne Mamba im Geäst. Für Tiere, die in Vegetation leben, ist Grün die naheliegendste Tarnung, und die Evolution hat sie in fast allen Tiergruppen hervorgebracht. Nur eine Gruppe ist ausgenommen, und ausgerechnet die, zu der wir gehören. Unter den Säugetieren gibt es Braun in allen Schattierungen, Grau, Schwarz, Weiß, Gelb und Rot, aber weder ein grünes Eichhörnchen noch einen grünen Affen noch ein grünes Reh. Die Farbpalette der Säugetiere endet dort, wo die der Vögel erst beginnt.

Der Grund ist so einfach wie hartnäckig. Säugetierhaar wird ausschließlich mit Melaninen gefärbt, und davon gibt es genau zwei Sorten: Eumelanin, das schwarz und braun erzeugt, und Phäomelanin, das für Rot und Gelb sorgt. Aus diesen beiden Pigmenten, in verschiedenen Mengen gemischt und in Streifen entlang des Haares verteilt, entsteht jede Fellfarbe der Welt, vom Fuchsrot bis zum Zebraschwarz. Grün lässt sich daraus nicht mischen, ebenso wenig wie Blau. Ein Säugetier, das grün werden wollte, müsste einen Farbstoff erfinden, den es in seiner Verwandtschaft nie gab.

Wie Vögel und Frösche grün werden

Die anderen Tiergruppen sind ebenfalls nicht in der Lage, grünes Pigment zu bilden, jedenfalls fast nie. Sie erzeugen die Farbe auf Umwegen. Federn von Papageien enthalten gelbe Farbstoffe, die Psittacofulvine, und darüber eine mikroskopische Struktur, die blaues Licht streut; Gelb und Blau ergeben für das Auge Grün. Laubfrösche arbeiten mit drei Schichten in der Haut, unten dunkles Melanin, darüber Kristalle, die Blau reflektieren, und obenauf gelbe Pigmentzellen. Grüne Schlangen und Eidechsen funktionieren ähnlich. Die Farbe, die man sieht, ist in allen Fällen ein optischer Trick aus Struktur und Pigment, kein grüner Farbstoff.

Genau dieser Trick ist im Fell schwer umzusetzen. Strukturfarben brauchen regelmäßig aufgebaute Schichten in genau bemessenen Abständen, wie sie eine glatte Feder oder eine Hautschicht bieten. Ein Haar ist ein unregelmäßiges, faseriges Gebilde aus Keratin, dessen Oberfläche Licht eher streut als ordnet. Der Evolutionsbiologe Richard Prum von der Yale University, der Strukturfarben bei Vögeln über Jahrzehnte erforscht hat, fand solche Effekte bei Säugetieren nur in Ausnahmen, etwa beim schillernden Fell des Goldmulls, das metallisch glänzt, aber nicht grün. Blaue Haut kommt beim Mandrill vor, dessen Gesichtsfarbe durch geordnete Kollagenfasern entsteht, doch auch dort fehlt das Gelb, das Grün ergäbe.

Warum Säugetiere Tarnfarben kaum brauchen

Dass Säugetiere die Lücke in ihrer Farbpalette nie geschlossen haben, hängt mit ihrer Vergangenheit zusammen. Über 100 Millionen Jahre lebten sie im Schatten der Dinosaurier und wichen ihnen aus, indem sie nachtaktiv wurden. In der Dunkelheit sind Farben nutzlos, und die frühen Säugetiere verloren zwei ihrer vier Farbrezeptoren im Auge. Die meisten Säugetiere sehen bis heute nur zwei Grundfarben, ähnlich einem rot-grün-blinden Menschen, und können Grün von Rot und Braun nicht unterscheiden. Ein Raubtier wie der Wolf oder die Katze nimmt eine braune Maus im grünen Gras kaum anders wahr als eine grüne. Für die Tarnung reicht Braun völlig, und die Evolution belohnt keine Neuerung, die niemand sieht.

Nur die Primaten holten sich das dreifarbige Sehen zurück, vermutlich, um reife Früchte und junge Blätter im Laub zu erkennen. Doch selbst unter den Affen blieb das Fell braun oder grau, weil die Gefahr für sie überwiegend von Katzen, Greifvögeln und Schlangen ausging, und die Katzen unter ihnen sehen Grün nicht. Wie stark sich Farbe bei Tieren an die Augen der Betrachter anpasst, zeigt der Blick auf Tiere aus vielen Lebensräumen, deren Muster oft nur für die eigene Art oder für Fressfeinde sichtbar sind.

Das Faultier und die Grüne Meerkatze

Zwei Tiere gelten gemeinhin als Ausnahmen, und beide bestätigen die Regel. Das Faultier in den Regenwäldern Mittel- und Südamerikas wirkt grünlich, doch seine Haare sind bräunlich grau. Sie tragen Längsrillen oder Risse, in denen sich Feuchtigkeit sammelt, und darin wächst eine eigene Algengemeinschaft. Ein Team um die Biologin Milla Suutari wies 2010 in den Proceedings of the Royal Society B nach, dass im Fell von Faultieren eine Grünalge lebt, Trichophilus welckeri, die nirgendwo sonst auf der Welt gefunden wurde. Die Alge färbt das Fell, tarnt das Tier im Blätterdach und dient ihm, wie spätere Studien zeigten, vermutlich sogar als Nahrungsergänzung, wenn das Faultier sein Fell leckt. Ein Faultier ist also nicht grün, es trägt Grün. Die Studie ist unter Proceedings of the Royal Society B abrufbar.

Die Grüne Meerkatze in Afrika verdankt ihren Namen einem anderen Trick. Jedes ihrer Haare ist in Bänder aus schwarzem Eumelanin und gelbem Phäomelanin unterteilt, und aus der Entfernung mischt das Auge Schwarz und Gelb zu einem olivgrünen Ton. Auf der Hand hält man graues und gelbliches Haar, ohne eine Spur von Grün. Dieselbe Technik, die Wildfarbe der Säugetiere mit dem Fachbegriff Agouti, erzeugt beim Wildkaninchen ein Graubraun und bei der Meerkatze ein Olivgrau. Weiter reicht die Palette nicht.

Was die Lücke über die Evolution verrät

Die fehlende Farbe ist ein Beispiel dafür, wie die Evolution nicht das Beste hervorbringt, sondern das, was mit dem vorhandenen Material möglich ist. Säugetiere haben ihre zwei Pigmente von Vorfahren geerbt, die sie nachts nicht brauchten, und nie eine Gelegenheit gehabt, ein drittes zu entwickeln, weil die Augen ihrer Feinde es nicht gewürdigt hätten. Auch der Mensch, der Grün so gut sieht wie kaum ein anderes Säugetier, hat Haare, die von Schwarz über Braun und Rot bis Blond reichen und nirgends weiter.

So bleibt eine Tatsache, die jeder Zoobesuch bestätigt und die kaum jemand bemerkt: Im Reptilienhaus und in der Vogelvoliere leuchtet es grün, im Affenhaus und im Raubtiergehege nicht. Das einzige Säugetier, das grün ist, hat sich dafür eine Alge ins Fell geholt, und das einzige, das grün heißt, ist in Wahrheit gelb und schwarz.

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