Der Name auf dem Etikett ist ein Familienstand: Veuve, Witwe. Barbe-Nicole Ponsardin war 27 Jahre alt, als ihr Mann François Clicquot 1805 starb und ihr eine Weinhandlung hinterließ, die kaum Gewinn machte. Frauen durften in Frankreich damals kein Unternehmen führen, es sei denn als Witwe. Sie nutzte die Lücke. In den folgenden 60 Jahren machte sie aus einem trüben Getränk für Fürstenhöfe ein klares, sprudelndes Weltprodukt, umging eine Seeblockade, erfand ein Verfahren, das jede Champagnerkellerei bis heute nutzt, und hinterließ einen Namen, den Wilhelm Busch reimte. Die Grande Dame der Champagne war die erste Geschäftsfrau der modernen Welt.
Champagner war um 1800 kein Luxus, sondern ein Problem. Der Wein aus der Champagne gärte in kalten Kellern unvollständig, und wenn er im Frühjahr in der Flasche weitergärte, entstand Kohlensäure. Die Winzer hatten lange gegen diesen Fehler gekämpft, bis der Hof von Versailles Gefallen an dem Prickeln fand. Doch das Verfahren war unberechenbar. Flaschen explodierten reihenweise, Kellerarbeiter trugen Eisenmasken, und der Wein blieb trüb, weil die abgestorbene Hefe als Bodensatz in der Flasche schwamm. Wer Champagner trank, goss ihn aus einer Karaffe ab und nahm einen Schleier in Kauf. Das Getränk war teuer, selten und ohne Marke. Genau hier setzte eine junge Witwe aus Reims an.
Barbe-Nicole Ponsardin wurde 1777 als Tochter eines Textilfabrikanten in Reims geboren, der die Revolution überstand, indem er rechtzeitig die Seite wechselte, und 1798 mit dem Sohn eines anderen Textilhändlers verheiratet, François Clicquot. Der Schwiegervater handelte mit Wolle, Bankgeschäften und nebenbei mit Wein; François wollte den Wein zum Hauptgeschäft machen und reiste durch Europa, um Kunden zu finden. 1805 starb er, angeblich an Typhus, nach anderen Berichten von eigener Hand. Der Schwiegervater wollte die Weinhandlung schließen. Die Witwe bat um vier Jahre Zeit und ein Darlehen. Sie bekam beides, unter Aufsicht eines Kompagnons, und begann mit etwa 60.000 Flaschen im Jahr.
Veuve Clicquot machte den Champagner klar, indem sie um 1816 mit ihrem Kellermeister Antoine de Müller ein Verfahren entwickelte, das die Hefe aus der Flasche entfernt. Flaschen werden kopfüber in schräge Löcher eines Rüttelpults gesteckt und täglich gedreht und steiler gestellt, bis sich der Bodensatz im Flaschenhals sammelt und entfernt werden kann. Das Verfahren heißt Remuage und wird bis heute angewendet.
Der Legende nach ließ sie dafür in ihren Küchentisch Löcher bohren. Das Prinzip war einfach und die Wirkung groß: Der Wein wurde kristallklar, ohne dass Kohlensäure entwich, und ließ sich in der Flasche verkaufen, wie er war. Die Konkurrenz brauchte Jahre, um das Geheimnis zu lüften, denn die Witwe verpflichtete ihre Kellerarbeiter zur Verschwiegenheit. 1818 mischte sie als Erste einen Rosé aus Weiß- und Rotwein statt aus Holunderfärbung, und 1810 hatte sie den ersten Jahrgangschampagner der Geschichte gefüllt. Der Jahrgang 1811, das Jahr des Großen Kometen, wurde ihr berühmtester. Doch zu diesem Zeitpunkt lief das Geschäft schlecht. Napoleons Kriege hatten die Grenzen geschlossen, die Kontinentalsperre trennte Frankreich von seinen Kunden, und der Keller füllte sich mit Flaschen, die niemand kaufte.
Der größte Markt für Champagner lag im Osten. Der russische Adel liebte den süßen Schaumwein, doch der Zar hatte französische Waren verboten, und britische Schiffe blockierten die Häfen. Im Frühjahr 1814, als Napoleon nach der Niederlage bei Leipzig in Bedrängnis geriet und die Alliierten Reims besetzten, wagte die Witwe ein Spiel. Sie ließ 10.550 Flaschen des Jahrgangs 1811 heimlich auf ein Schiff nach Königsberg bringen, das die Blockade noch vor dem Frieden durchbrach. Als die Ladung im Juni in Russland eintraf, hatte Napoleon abgedankt, das Verbot war gefallen, und die Konkurrenz stand noch in Frankreich. Die russischen Offiziere, die Reims besetzt und ihren Keller geleert hatten, kannten den Namen bereits; nun bestellten sie Nachschub. Zar Alexander I. soll erklärt haben, er trinke nichts anderes. Ein zweites Schiff mit 12.780 Flaschen folgte im Herbst. Die Witwe hatte alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen.
In den 1820er-Jahren war Veuve Clicquot die führende Marke Russlands und in ganz Europa bekannt. Die Witwe führte das Unternehmen streng, kontrollierte jede Lieferung, entließ Partner, die ihr nicht passten, und blieb unverheiratet, weil eine Ehe ihr die Kontrolle genommen hätte. Als ihr Bankhaus 1828 in einer Krise zusammenbrach, rettete ihr Buchhalter Édouard Werlé die Firma mit eigenem Vermögen; sie machte ihn zum Teilhaber und später zum Erben. Werlé baute die Kellereien in den Kreidestollen unter Reims aus und führte 1877, elf Jahre nach ihrem Tod, das orangegelbe Etikett ein, an dem die Marke bis heute erkannt wird. Als Barbe-Nicole Clicquot 1866 mit 89 Jahren starb, verließen jährlich 750.000 Flaschen ihr Haus. Wilhelm Busch dichtete 1872 in der Frommen Helene über die Witwe Klicko im Glase, und in England hieß Champagner schlicht the Widow.
Die Champagne verkauft heute rund 300 Millionen Flaschen im Jahr, und fast jede davon wurde gerüttelt, meist von Maschinen, die nachahmen, was 1816 an einem Küchentisch begann. Veuve Clicquot gehört zum Luxuskonzern LVMH und ist eine der bekanntesten Marken der Welt. Was von der Frau blieb, die sie schuf, ist ein Familienstand auf dem Etikett und ein Satz, den sie einer Nichte schrieb: Die Welt sei in ständiger Bewegung, und man müsse mutig sein, um darin zu bestehen. Sie hatte es mit 10.550 Flaschen auf einem Schiff bewiesen.