Konstantinopel

Verlorenes Rezept: Kaum löschbares Griechisches Feuer brannte auf Wasser

Verlorenes Rezept: Kaum löschbares Griechisches Feuer brannte auf Wasser
(Symbolbild) Griechisches Feuer machte die Flotte von Byzanz über Jahrhunderte auf See nahezu unbesiegbar, weil die Brandwaffe auf der Wasseroberfläche weiterbrannte und sich mit Wasser kaum löschen ließ. Die Rezeptur galt als Staatsgeheimnis und wurde nur einem winzigen Kreis von Eingeweihten anvertraut. Was über Zusammensetzung und Technik gesichert ist und wo die Forschung bis heute an Grenzen stößt, zeigt der Blick nach Konstantinopel. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im 7. Jahrhundert tauchte vor Konstantinopel eine Waffe auf, die alle Regeln des Seekriegs außer Kraft setzte. Griechisches Feuer schoss als brennender Flüssigkeitsstrahl aus Rohren am Bug byzantinischer Kriegsschiffe, haftete an Holz und Segeln und brannte sogar auf der Wasseroberfläche weiter. Wer über Bord sprang, war vor den Flammen nicht sicher. Rund 800 Jahre lang verteidigte diese Erfindung ein ganzes Reich, und trotzdem kann bis heute niemand sagen, woraus sie genau bestand.

Die Waffe entstand in einer Phase, in der das Byzantinische Reich um sein Überleben kämpfte. Arabische Flotten beherrschten im 7. Jahrhundert zunehmend das östliche Mittelmeer und bedrohten Konstantinopel, die Hauptstadt und das wirtschaftliche Herz des Reiches, direkt vom Wasser aus. In dieser Lage kam ein Flüchtling in die Stadt, der die Kräfteverhältnisse verschieben sollte. Kallinikos, ein griechischer Baumeister aus Heliopolis, dem heutigen Baalbek im Libanon, war vor den arabischen Eroberern geflohen und entwickelte in Konstantinopel um das Jahr 677 ein vollständiges Waffensystem aus brennbarem Gemisch, Druckapparat und Spritzrohr. Der Chronist Theophanes schreibt die Erfindung ausdrücklich ihm zu. Beim ersten großen Einsatz in einer Seeschlacht bei Kyzikos vernichtete die neue Waffe einen erheblichen Teil der arabischen Flotte.

Wie viel davon abhing, zeigte sich unmittelbar danach. Die arabische Belagerung Konstantinopels, die bis 678 andauerte, scheiterte maßgeblich an der Brandwaffe, und auch die zweite große Belagerung von 717 bis 718 endete mit der Vernichtung der Angreiferflotte. Noch 941 setzte die zahlenmäßig weit unterlegene byzantinische Flotte das Gemisch erfolgreich gegen einen Angriff der Rus ein. Die Byzantiner selbst nannten ihre Waffe flüssiges Feuer oder Seefeuer, der Name Griechisches Feuer stammt von ihren Gegnern und späteren Chronisten. Für die Feinde des Reiches wurde allein das Auftauchen byzantinischer Kriegsschiffe mit den Feuerrohren am Bug zum Grund, eine Schlacht zu vermeiden.

So funktionierte das Griechische Feuer

Griechisches Feuer war eine flüssige Brandwaffe des Byzantinischen Reichs, die ab dem 7. Jahrhundert unter Druck aus Rohren auf feindliche Schiffe gespritzt wurde. Das Gemisch brannte auf der Wasseroberfläche weiter und ließ sich mit Wasser kaum löschen. Seine genaue Zusammensetzung war ein Staatsgeheimnis und ist bis heute nicht zweifelsfrei rekonstruiert.

Über das Gerät hinter dem Flammenstrahl geben byzantinische Militärhandbücher und Berichte der Gegner zumindest Umrisse preis. Am Bug der Dromonen, der Ruderkriegsschiffe des Reiches, saß ein bronzenes Spritzrohr, in den Quellen Siphon genannt, das sich schwenken ließ. Nach der Rekonstruktion der Byzantinisten John Haldon und Maurice Byrne gehörten dazu ein luftdichter Kessel, in dem das Gemisch über einem Kohlebecken vorgewärmt wurde, und eine kräftige Pumpe, die den nötigen Druck erzeugte. Erhitzt und unter Druck gesetzt, verließ die Flüssigkeit das Rohr als zusammenhängender, bereits brennender Strahl, der über etliche Meter trug. Ein Experiment unter Leitung von Haldon zeigte im Jahr 2002 mit einem nachgebauten Apparat, dass ein solches System mit leichtem Rohöl aus der Schwarzmeerregion und Kiefernharz tatsächlich funktioniert. Eine Zusammenfassung dieser Forschung bietet die Southern Cross University.

Ein Staatsgeheimnis mit eigener Legende

Dass die Rezeptur überhaupt verloren gehen konnte, war kein Unfall, sondern das Ergebnis konsequenter Geheimhaltung. Die Herstellung des Gemischs, der Bau der Apparate und die Ausbildung der Bedienmannschaften waren voneinander getrennt organisiert, sodass kaum jemand das Gesamtsystem überblickte. Kaiser Konstantin VII. erhob die Waffe im 10. Jahrhundert in seiner Schrift über die Verwaltung des Reiches regelrecht zum Heiligtum. Dort verbreitete er die Legende, ein Engel habe das Rezept einst dem ersten christlichen Kaiser Konstantin dem Großen offenbart, verbunden mit dem Verbot, es je an Fremde weiterzugeben. Ein General, der das Geheimnis verkaufen wollte, sei beim Betreten einer Kirche vom Blitz erschlagen worden. Die Drohkulisse verfehlte ihre Wirkung offenbar nicht, denn trotz vieler Mitwisser über Jahrhunderte drang die Rezeptur nie nach außen.

Selbst erbeutete Ausrüstung half den Gegnern nicht weiter. Araber und Bulgaren fielen mehrfach vollständige Feuerapparate in die Hände, und beide setzten durchaus eigene Brandmittel aus Pech, Schwefel und Erdöl ein. Ein Gemisch mit der Wirkung des Originals brachte jedoch keiner der Nachahmer zustande, weil das Zusammenspiel aus Rezeptur, Vorwärmung, Druck und Rohr zu komplex war. Das Griechische Feuer gilt deshalb in der Forschung als seltener Beleg dafür, dass sich technisches Wissen über viele Generationen hinweg vollständig geheim halten lässt.

Die Rezeptur verschwindet mit dem Reich

Genau diese Geheimhaltung wurde der Waffe schließlich zum Verhängnis. Als Kreuzfahrer Konstantinopel im Jahr 1204 plünderten, riss die Überlieferung ab, und spätestens mit der osmanischen Eroberung der Stadt 1453 ging das Wissen endgültig unter. Hinzu kam ein handfestes Rohstoffproblem, denn die mutmaßlich entscheidende Zutat, leichtes Erdöl aus dem Raum zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer, lag mit dem schrumpfenden Reich irgendwann außerhalb der eigenen Grenzen. Die Forschung hält heute ein Gemisch aus leichtem Rohöl oder Naphtha mit Harz als Verdickungsmittel für die wahrscheinlichste Grundlage, diskutiert daneben Schwefel und Branntkalk, und kommt dennoch über begründete Vermutungen nicht hinaus. Anders als etwa beim römischen Beton, dessen antike Rezeptur Materialforscher inzwischen weitgehend entschlüsselt haben, fehlt beim Seefeuer jede erhaltene Probe, an der sich eine Analyse ansetzen ließe.

So bleibt eine Erfindung, die Weltgeschichte geschrieben hat und zugleich unvollständig überliefert ist. Eine Flüssigkeit, die auf den Wellen brannte, hielt eine Großmacht rund 800 Jahre über Wasser, und ihr Kern passt bis heute auf keine Formel. Auf dem Grund des Marmarameers und des Goldenen Horns liegen die verkohlten Reste der Flotten, die das Gemisch vernichtet hat, doch das Rezept selbst nahm Byzanz mit in den Untergang.

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