Sophokles schrieb mehr als 120 Tragödien und gewann mit ihnen 24 Mal den Dichterwettstreit von Athen. Sieben sind erhalten. Von Aischylos kennen wir sieben von rund 80 Stücken, von den 142 Büchern der römischen Geschichte des Livius 35, von der Komödientheorie des Aristoteles kein Wort. Die Literatur der Antike ist eine Bibliothek, aus der jemand neun von zehn Bücher entfernt hat. Manche verbrannten, manche wurden verboten, die meisten starben leise. Und einige, die alle für verloren hielten, geben gerade jetzt ihre Sätze preis.
Bücher überleben nur, wenn jemand sie abschreibt. Papyrus zerfällt in feuchtem Klima nach wenigen Generationen, Pergament ist teuer, und Kopisten schreiben ab, was gefragt ist. Ein Werk, das drei Jahrhunderte lang niemand bestellt, existiert danach nicht mehr. Die sieben erhaltenen Stücke des Sophokles sind genau jene, die spätantike Lehrer für den Schulunterricht auswählten; der Rest galt als entbehrlich. So verschwand das meiste, ohne dass jemand es zerstören wollte. Selbst die Bibliothek von Alexandria, die alle Bücher der Welt sammeln wollte, ging nicht in einer Nacht unter, sondern in Jahrhunderten aus Bränden, Kürzungen, Plünderungen und Vernachlässigung. Vom griechischen Historiker Ephoros, der Alexander dem Großen als Standardwerk galt, blieb nichts.
Manchmal war der Verlust gewollt. Der chinesische Kaiser Qin Shihuangdi ließ 213 vor Christus alle Geschichtsbücher außer seinen eigenen verbrennen. Römische Kaiser ließen die Schriften ihrer Gegner beseitigen, Bischöfe die Werke von Ketzern. Die Spanier verbrannten 1562 in Maní die Bücher der Maya, und der Verlust war fast vollständig: Von den Hunderten Faltbüchern, die einst existierten, sind vier erhalten. Eines liegt heute in Dresden, in der Sächsischen Landesbibliothek, weil ein Kurfürst es 1739 in Wien für seine Sammlung kaufte. Es ist eines der wichtigsten Dokumente einer ganzen Kultur, und niemand weiß, wie es nach Europa kam.
Die meisten antiken Bücher gingen verloren, weil sie nicht mehr abgeschrieben wurden. Bis zur Erfindung des Buchdrucks existierte jedes Werk nur in so vielen Exemplaren, wie Kopisten von Hand angefertigt hatten. Feuer, Kriege und Verbote zerstörten Bibliotheken, doch das Vergessen war der größere Feind.
Gelegentlich hat das Vergessen eine späte Pointe. 1906 entdeckte der dänische Philologe Johan Ludvig Heiberg in Konstantinopel ein Gebetbuch aus dem 13. Jahrhundert, dessen Pergament abgeschabt und neu beschrieben worden war. Unter den Gebeten lag ein Text des Archimedes, darunter die einzige Abschrift seiner Methodenlehre, in der er Ideen der Integralrechnung vorwegnimmt. Das Buch verschwand, tauchte 1998 in einer Auktion auf und wurde mit Röntgenlicht Zeile für Zeile lesbar gemacht. Ein Mönch, der Pergament sparen wollte, hatte eines der wichtigsten Werke der Mathematik zugleich zerstört und gerettet.
Das 20. Jahrhundert brachte die Zerstörung im industriellen Maßstab. Im August 1914 setzten deutsche Truppen die Universitätsbibliothek von Löwen in Brand, 300.000 Bände und Hunderte mittelalterliche Handschriften verbrannten. Am 10. Mai 1933 warfen Studenten in Berlin und anderen Städten die Bücher von Heine, Kästner und Thomas Mann ins Feuer. In Sarajevo beschossen serbische Truppen im August 1992 die Nationalbibliothek mit Brandgranaten, bis 1,5 Millionen Bücher verbrannt waren; Bürger bildeten Ketten, um Bände aus den Flammen zu tragen. Die Forscherin Rebecca Knuth prägte dafür den Begriff Libricide, Büchermord: die gezielte Vernichtung des Gedächtnisses eines Volkes. In Weimar vernichtete 2004 ein Kabelbrand in der Anna Amalia Bibliothek 50.000 Bücher, ohne Absicht und doch unwiederbringlich.
Als der Vesuv 79 nach Christus Herculaneum unter glühender Asche begrub, verkohlte er in einer Villa eine Bibliothek von rund 1.800 Papyrusrollen. Verkohlt, aber nicht verbrannt: Die schwarzen Klumpen überstanden 1.700 Jahre, bis Arbeiter sie 1752 fanden und für Holzkohle hielten. Jeder Versuch, sie zu entrollen, zerbröselte sie. Erst 2023 gelang es Studenten im Rahmen der Vesuvius Challenge, mit Computertomografie und lernenden Algorithmen die Tinte auf den geschlossenen Rollen sichtbar zu machen. Die ersten entzifferten Passagen stammen von dem Philosophen Philodemos und handeln von Musik und Genuss. Hunderte Rollen liegen noch ungelesen in Neapel, und niemand weiß, welche verlorenen Werke darin stecken. Es ist die einzige Bibliothek der antiken Welt, die als Ganzes erhalten blieb, und zwar weil sie brannte.