Venedig scheint über dem Wasser zu schweben, doch tatsächlich ruht die Stadt auf einem verborgenen Wald aus Holz. Unter den Palästen, Kirchen und Brücken stecken Millionen Baumstämme, tief in den weichen Schlamm der Lagune gerammt. Dass diese Pfähle seit über tausend Jahren nicht verrotten, wirkt widersinnig, hat aber eine klare Ursache. Ausgerechnet das Wasser, das die Stadt bedroht, ist der Grund, warum ihr hölzernes Fundament bis heute trägt.
Die Geschichte Venedigs beginnt in einer misslichen Lage. Vom 5. Jahrhundert an flüchteten Menschen vor Einfällen germanischer Stämme auf kleine Sandinseln in der Lagune, einem geschützten, aber geologisch unbequemen Raum. Statt festen Grund fanden sie nur weiche, wassergesättigte Sedimente aus Schlick und Ton, in denen einfache Hütten versanken. Wer hier dauerhaft bauen wollte, musste den unsicheren Untergrund erst tragfähig machen. Die Lösung, die die Venezianer über Generationen entwickelten, war so einfach wie genial: Sie rammten dicht an dicht Holzpfähle in den Schlick, bis diese eine festere Schicht im Untergrund erreichten. Aus einem instabilen Sumpf wurde so ein Baugrund, der ganze Steinpaläste tragen konnte.
Verwendet wurde vor allem widerstandsfähiges Holz, überwiegend Eiche, dazu Lärchenholz und Erlenholz, seltener die weichere Pappel. Die Pfähle waren oft nur wenige Meter lang und einige Zentimeter dick, wurden aber in ungeheurer Zahl gesetzt, jeweils mit geringem Abstand zueinander. Die Zwischenräume füllten sich mit Schlick und Sand, sodass ein kompakter Block aus Holz und Sediment entstand. Auf die Pfahlköpfe legten die Baumeister dann waagerechte Lagen aus Brettern, meist aus Lärchenholz, und erst darüber begann das eigentliche, sichtbare Bauwerk. Diese unscheinbare Technik trägt Venedig seit mehr als einem Jahrtausend.
Venedig ruht nicht direkt auf dem Schlamm, sondern auf einer Pfahlgründung: Millionen Holzpfähle wurden durch die weichen Sedimente der Lagune bis in eine festere, verdichtete Tonschicht getrieben, die Caranto heißt. Diese Schicht liegt mehrere Meter tief und ist stabil genug, um die Lasten aufzunehmen. Auf den Pfählen liegen Holzplattformen, darauf folgt das Mauerwerk aus Ziegeln und istrischem Stein.
Das Fundament ist also ein Schichtsystem, kein einzelnes Stelzengerüst. Zuunterst der dichte Pfahlwald im Sediment, darüber die Bretterlage, dann eine wasserabweisende Schicht aus istrischem Kalkstein, der kaum Feuchtigkeit aufnimmt, und schließlich die Backsteinmauern. Der istrische Stein bildet dabei die Sperrschicht zwischen dem stets nassen Holz und dem aufgehenden Mauerwerk. So werden die Lasten der schweren Gebäude gleichmäßig auf viele Pfähle und über sie auf den tragfähigen Caranto verteilt. Erst dieses Zusammenspiel macht aus dem weichen Lagunenboden einen Baugrund, der jahrhundertelang hält.
Der scheinbare Widerspruch, dass ein Fundament aus Holz im Wasser nicht verfault, löst sich mit einem Blick auf die Bedingungen unter der Oberfläche. Damit Holz verrottet, braucht es zwei Dinge: Feuchtigkeit und Sauerstoff. Die Pfähle Venedigs stecken jedoch dauerhaft und vollständig im wassergesättigten Schlick, in dem praktisch kein Sauerstoff vorhanden ist. Ohne Sauerstoff können die Pilze und Bakterien, die Holz sonst zersetzen, nicht arbeiten. Solange das Holz nie mit Luft in Berührung kommt, bleibt es nahezu unbegrenzt erhalten.
Hinzu kommt ein zweiter Vorgang, der die Pfähle mit der Zeit sogar stabiler macht. Das mineralreiche Wasser der Lagune lagert nach und nach Mineralsalze in die Holzfasern ein. Dadurch versteinert das Holz an der Oberfläche langsam und wird härter, statt zu vermodern. Besonders Lärchenholz gilt als widerstandsfähig und wird im Wasser regelrecht zäh. Aus dem einst weichen Baumstamm wird über die Jahrhunderte ein fester, halb mineralisierter Pfeiler. Genau deshalb ruht die Stadt bis heute auf ihrem ursprünglichen Unterbau, ohne dass die Pfähle je erneuert werden mussten.
Welche Dimensionen die Bauweise annahm, zeigt die Barockkirche Santa Maria della Salute am Eingang des Canal Grande. Für ihr Fundament wurden nach Überlieferung mehr als eine Million Holzpfähle in den Boden getrieben, oft mit der eindrucksvollen Zahl von rund 1,1 Millionen angegeben. Auch die berühmte Rialtobrücke steht auf mehreren tausend Pfählen, häufig mit etwa zwölftausend beziffert. Für ein einziges Bauwerk verschwanden so ganze Wälder unter dem Wasserspiegel.
Das Holz stammte großenteils aus den Bergwäldern des Umlandes und der Alpen, aus denen die Stämme über Flüsse in die Lagune geflößt wurden. Der immense Holzbedarf für Fundamente, Schiffe und Bauten prägte die gesamte Region über Jahrhunderte. So gesehen steht Venedig nicht nur auf Pfählen, sondern auf einem großen Teil der Wälder seines Hinterlands, verborgen und konserviert im sauerstofffreien Schlick der Lagune.
Das dramatische Bild, die Pfähle könnten irgendwann verfaulen und die Stadt zum Einsturz bringen, führt in die Irre. Solange sie unter Wasser bleiben, sind sie stabil. Bedroht ist Venedig durch etwas anderes: durch das Zusammenspiel aus steigendem Meeresspiegel und dem langsamen Absinken des Untergrunds, der Subsidenz. Beides zusammen lässt das Wasser relativ zur Stadt steigen, sorgt für häufigeres Hochwasser und belastet die Sockelzonen der Gebäude, wo salziges Wasser, wechselnde Feuchte und Frost am Mauerwerk nagen.
Genau an diesen Übergängen zwischen dauernd nassem und zeitweise trockenem Bereich entstehen die eigentlichen Schäden, nicht am tief liegenden Holz. Die Pfahlgründung, die Venedig einst überhaupt erst möglich machte, ist also nicht die Schwachstelle der Stadt, sondern eine ihrer erstaunlichsten Stärken. Was oben als steinerne Pracht über dem Wasser schwebt, ruht seit über tausend Jahren auf einem verborgenen Wald, den das Wasser nicht zerstört, sondern bewahrt.
Quellen: bau- und materialhistorische Darstellungen zur Pfahlgründung Venedigs; ISPRA zu Meeresspiegel und Subsidenz der Lagune.