Kriegserbe im Boden

Unter Oranienburg liegen über 300 Bomben mit Säurezünder

Unter Oranienburg liegen über 300 Bomben mit Säurezünder
(Symbolbild) Oranienburg war wegen seiner Rüstungsbetriebe, der Auer-Werke und der Heinkel-Flugzeugwerke eines der Hauptziele alliierter Luftangriffe. Allein 1945 gingen dort rund 10.500 Großbomben nieder. Ein ungewöhnlich hoher Anteil davon trug chemische Langzeitzünder, die erst Stunden nach dem Aufschlag auslösen sollten. Genau diese Bauart bestimmt bis heute, wie in der Stadt gebaut, gegraben und gesucht wird. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In keiner anderen deutschen Stadt liegen so viele Bomben mit Säurezünder im Boden wie in Oranienburg nördlich von Berlin. Ein Gutachten der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus kam 2008 auf mehr als 300 vermutete Blindgänger im Stadtgebiet. Das Besondere an dieser Zündtechnik ist, dass sie nicht auf einen Aufprall wartet, sondern auf den Ablauf eines chemischen Vorgangs. Deshalb gilt für diese Bomben bis heute kein Verfallsdatum.

Ein Blindgänger ist eine Bombe, die beim Aufschlag nicht detoniert ist. Bei den klassischen Aufschlagzündern verhindert meist ein mechanischer Defekt die Zündung, etwa ein verklemmter Schlagbolzen oder ein zu weicher Untergrund, in dem das Geschoss abbremst, statt hart aufzuschlagen. Solche Bomben sind gefährlich, aber in einem wichtigen Punkt berechenbar: Ohne äußere Krafteinwirkung passiert nichts. Anders liegt der Fall bei den Bomben mit Säurezünder, die die britische und die amerikanische Luftwaffe ab 1943 in großer Zahl einsetzten. Sie wurden mit einer Verzögerung von 12 bis 48 Stunden eingestellt, damit sie erst zündeten, wenn Löschtrupps, Räumkräfte und Anwohner längst wieder im Trümmerfeld arbeiteten. Der Zweck war nicht nur Zerstörung, sondern auch die dauerhafte Lähmung eines Ortes.

Oranienburg traf diese Waffe in einer Dichte wie kaum eine andere Stadt. Der Ort war Standort der Auer-Werke, in denen an der Verarbeitung von Uran gearbeitet wurde, dazu kamen die Heinkel-Flugzeugwerke in Annahof, ein wichtiger Bahnknoten, mehrere Depots und ein Flugplatz. Am 15. März 1945 flogen amerikanische Verbände den schwersten Angriff auf die Stadt, bei dem nach Auswertung der Einsatzunterlagen 5.690 Großbomben niedergingen, mehr als 4.000 davon mit chemischem Langzeitzünder. Über das gesamte Kriegsjahr summierten sich die Abwürfe auf rund 10.500 Großbomben. Die Blindgängerquote lag bei den Bomben mit Langzeitzünder deutlich höher als bei anderen Typen, was die heutige Lage im Untergrund erklärt.

Was im Inneren eines Säurezünders passiert

Der chemische Langzeitzünder arbeitet ohne Uhrwerk und ohne Strom. Im Zünderkopf sitzt eine Glasampulle mit Aceton, darunter ein Stapel dünner Zelluloidscheiben, die einen gespannten Schlagbolzen zurückhalten. Beim Aufschlag zerbricht die Ampulle, das Aceton läuft auf die Scheiben und löst sie langsam auf. Sind sie durchweicht, schnellt der Bolzen vor und zündet die Sprengladung. Die Zahl der Scheiben bestimmte die Verzögerung.

Genau dieser Aufbau macht die Blindgänger von Oranienburg zu einem Sonderfall. Löst der Vorgang damals nicht vollständig aus, etwa weil die Ampulle nur teilweise brach oder das Aceton verdunstete, bleibt der Bolzen auf halbem Weg stecken. Über Jahrzehnte verändern sich Zelluloid und Federkraft weiter, Feuchtigkeit dringt ein, Korrosion arbeitet an den Sperrelementen. Ein Zünder, der 1945 auf Messers Schneide stehen blieb, kann sich deshalb heute lösen, ohne dass jemand den Boden berührt. Fachleute sprechen von Selbstdetonation, und in Oranienburg hat es solche Fälle gegeben. Dass eine Bombe nach acht Jahrzehnten still liegt, ist damit kein Beweis für Sicherheit, sondern nur eine Momentaufnahme.

Warum die Stadt eine Sonderrolle einnimmt

Viele deutsche Städte wurden ähnlich schwer bombardiert, doch nirgendwo sonst liegt ein vergleichbar hoher Anteil alliierter Blindgänger mit chemischem Langzeitzünder im Boden. Wie die Stadt Oranienburg zur Kampfmittelsuche dokumentiert, wurden zwischen 1965 und 1990 bereits über 200 Blindgänger beseitigt, und von 1990 bis 2018 kamen noch einmal mehr als 200 hinzu. Aus dieser Zeit fehlen jedoch vielfach genaue Unterlagen darüber, wo welche Bombe geräumt wurde. Die Stadt arbeitet deshalb seit 1998 mit Prioritätenlisten, die auf der Kampfmittelverordnung des Landes Brandenburg beruhen und öffentliche Flächen, Schulen und dicht bebaute Quartiere zuerst behandeln.

Wie die Suche unter einer Stadt funktioniert

Grundlage jeder Suche sind Luftbilder, die alliierte Aufklärungsflugzeuge unmittelbar nach den Angriffen aufnahmen. Auf ihnen zeigen sich Einschlagtrichter, und wo ein Trichter fehlt, obwohl eine Bombe gefallen sein muss, entsteht ein Verdachtspunkt. Diese Punkte werden auf heutige Karten übertragen und mit Magnetometern überprüft, die Störungen im Erdmagnetfeld messen. Trifft ein Messwert zu, folgt eine Bohrung oder eine Freilegung, oft mehrere Meter tief und mit Spundwänden gesichert. In Oranienburg sind Baugruben von sieben Metern Tiefe keine Seltenheit, weil der sandige Untergrund die Bomben tief einsinken ließ. Vor einer Entschärfung werden regelmäßig Sperrkreise von 1.000 Metern eingerichtet, was in der Innenstadt tausende Menschen betrifft. Seit dem 1. August 2019 gilt Oranienburg als bundesweit erste Modellregion Kampfmittelsuche, in der der Kampfmittelbeseitigungsdienst weiter reichende Befugnisse hat als anderswo.

Der Boden gibt die Reihenfolge vor

Die Landesregierung Brandenburg hat den Start dieser Modellregion begleitet und dabei auf die besondere Risikolage verwiesen. In der Mitteilung zum Beginn der Modellregion in Oranienburg steht der Hinweis, dass es bereits Selbstdetonationen gegeben hat und das Risiko mit jedem Jahr steigt. Finanziell war der Fall lange ungelöst, weil der Bund für die Beseitigung sogenannter reichsfremder Bomben zunächst nicht aufkam und eine einzelne Kommune die Kosten kaum tragen konnte. Inzwischen stellt das Land zusätzliche Stellen und Mittel bereit. Wie lange die Suche dauert, kann niemand seriös angeben, denn jeder abgearbeitete Verdachtspunkt macht die verbleibenden schwieriger.

Kriegsreste, die ihre Lage selbst bestimmen

Oranienburg ist damit ein besonders dichtes Beispiel für ein Erbe, das in ganz Deutschland im Boden liegt. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden 2024 über 1.600 Bombenblindgänger entdeckt und unschädlich gemacht. Vergleichbares gilt unter Wasser, wo Munition aus zwei Weltkriegen langsam durchrostet und Schadstoffe abgibt. Wie gut sich solche Objekte heute dokumentieren lassen, zeigt das nach mehr als acht Jahrzehnten geortete Schnellboot vor Griechenland, das in großer Tiefe vermessen wurde. Der Unterschied liegt im Zustand der Ladung: Ein Wrack erzählt Geschichte, ein Säurezünder trägt sie fort. Unter den Straßen, Gärten und Spielplätzen von Oranienburg liegen Sprengkörper, die ihre eigene Uhr mitbringen, und diese Uhr läuft ohne Zutun weiter.

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