Unter der Wüste von New Mexico hängen Kristallgebilde von bis zu 6 Metern Länge von einer Höhlendecke, länger als ein typischer Linienbus hoch ist. Die Lechuguilla-Höhle umfasst mehr als 233 Kilometer kartierte Gänge und reicht 489 Meter tief. Im Chandelier Ballroom wachsen weiße bis durchscheinende Gips-Kronleuchter, die in einer US-Regierungsanhörung als die größten bekannten Gipsstalaktiten der Erde bezeichnet wurden. Jahrzehntelang deutete an der Oberfläche fast nichts auf dieses unterirdische System hin. Wie konnte hinter einem kleinen Schacht eine solche Welt entstehen?
Als Höhlenforscher in den 1950er-Jahren am Boden des damaligen Lechuguilla-Schachts standen, hörten sie Wind durch einen mit Geröll verstopften Bereich rauschen. Vor ihnen lag nur ein trockener historischer Hohlraum, doch das Geräusch ließ vermuten, dass unter den Steinen weitere Gänge verborgen waren. Der Zugang war damals seit Jahrzehnten bekannt und hatte nach einem Bergbauanspruch von 1914 sogar kurzzeitig dem Abbau kleiner Mengen Fledermausguano gedient.
Ab 1984 grub eine Gruppe aus Colorado mit Genehmigung des National Park Service durch das Geröll. Am 26. Mai 1986 öffnete sich schließlich der Weg in große begehbare Passagen, wie beim National Park Service nachzulesen. Aus dem vermeintlich kleinen Schacht wurde innerhalb weniger Jahre eine der außergewöhnlichsten bekannten Höhlen der Guadalupe Mountains. Was zunächst wie ein lokales Rätsel klang, führte damit zu Gängen, in denen Gipsstalaktiten und andere Mineralformen in Größen erhalten blieben, die an der Oberfläche kaum vorstellbar sind.
Besonders auffällig sind die Gips-Kronleuchter im Chandelier Ballroom. Ein Gips-Kronleuchter ist ein verzweigtes Bündel aus Gipskristallen, kein klassischer Kalktropfstein aus Calcit. Einzelne dieser Gebilde erreichen laut National Park Service etwa 6 Meter Länge und wiegen nach Angaben des NPS teils mehrere Hundert Pfund. Eine Anhörung des US-Repräsentantenhauses zur Lechuguilla Cave Protection Act bezeichnete sie ausdrücklich als die größten bekannten Gipsstalaktiten der Welt. Der Raum ist kein einzelner Saal voller gleichförmiger Zapfen. Zwischen dunklem Kalkstein hängen helle, teils durchscheinende Kristallbündel, deren Äste sich nach unten und seitlich verzweigen. UNESCO beschreibt Lechuguilla als Höhle mit der weltweit größten Ansammlung solcher Gips-Kronleuchter, von denen einige mehr als 6 Meter erreichen, nachzulesen unter UNESCO World Heritage Centre. Die Formationen wirken massiv, bestehen aber aus empfindlichem Mineral, das durch Berührung leicht beschädigt werden kann. Ihre Verzweigungen wachsen nicht wie gleichmäßige Eiszapfen, sondern bilden dichte, oft unregelmäßige Gruppen aus hellen Kristallen. Gerade dieser Kontrast zwischen massivem Felsraum und zerbrechlichen Mineralästen prägt den Chandelier Ballroom.
Der kleine historische Eingang führte zunächst nur über einen 27 Meter tiefen Schacht zu ungefähr 122 Metern trockener Sackgassen. Nach dem Durchbruch änderte sich der Maßstab vollständig. Vermessungsteams kartierten seit 1984 mehr als 233 Kilometer Gänge und erreichten eine Tiefe von 489 Metern. Damit führt das System durch mehrere geologische Einheiten des Guadalupe-Gebirges und erlaubt Forschern einen seltenen Blick in den Aufbau des alten Riffkalksteins.
Die Formenvielfalt ist ebenso ungewöhnlich wie die Länge. Neben den Kronleuchtern dokumentiert der National Park Service Gips-Haare und Gips-Bärte bis 6 Meter sowie sogenannte Sodastrohhalme bis 5,5 Meter Länge. Dazu kommen zitronengelbe Schwefelablagerungen, Höhlenperlen und weitere seltene Speläotheme, also Mineralgebilde, die in Höhlen wachsen. Einen anschaulichen Vergleich mit einer anderen unterirdischen Gipswelt bietet der Artikel über die Kristallhöhle von Pulpí mit bis zu zwei Meter langen Kristallen.
Bei vielen Kalksteinhöhlen sickert leicht saures Regenwasser von oben nach unten und löst den Fels mit Kohlensäure. In den Guadalupe Mountains passt dieses übliche Modell nur schlecht. Geologische Untersuchungen zeigen, dass dort schwefelwasserstoffreiches Wasser aus tieferen Bereichen auf sauerstoffhaltiges Grundwasser traf. Dabei entstand Schwefelsäure, die den Kalkstein wesentlich aggressiver angreifen konnte und Hohlräume von unten beziehungsweise entlang des damaligen Grundwasserspiegels erweiterte.
Gips gehört zu den chemischen Spuren dieses Vorgangs. Carol Hill beschrieb für die Höhlen der Region Isotopenwerte und Mineralvorkommen, die eine überwiegende Lösung durch Schwefelsäure statt Kohlensäure stützen, nachzulesen unter AAPG Bulletin. Der zitronengelbe elementare Schwefel und große Gipsmengen in Lechuguilla passen zu diesem Modell. Die heute sichtbaren Kronleuchter sind spätere Mineralbildungen in einem System, dessen große Gänge viel früher durch die Säure entstanden.
Im Inneren interessieren Forscher nicht nur die Kristalle. Der National Park Service berichtet von seltenen chemolithoautotrophen Bakterien, also Mikroorganismen, die Energie aus anorganischen Stoffen gewinnen. In Lechuguilla nutzen solche Organismen Schwefel-, Eisen- und Manganverbindungen. Der NPS hält es für möglich, dass sie an der weiteren Lösung von Gestein und an der Form einzelner ungewöhnlicher Höhlengebilde beteiligt sind.
Gerade diese Lebensgemeinschaft macht die Höhle zu einem empfindlichen Forschungssystem. Gewöhnliche Besucher dürfen Lechuguilla deshalb nicht betreten. Der Zugang ist auf genehmigte Wissenschaftler, Vermessungs- und Erkundungsteams sowie notwendige Einsätze des National Park Service beschränkt. Lichtkegel, Schuhe und Messgeräte kommen nur kontrolliert in Bereiche, deren Mineraloberflächen und mikrobielle Lebensräume über sehr lange Zeit kaum gestört wurden.
Lechuguilla liegt unter einer Wildniszone des Nationalparks, reicht aber nahe an Flächen heran, die vom Bureau of Land Management verwaltet werden. Der National Park Service nennt Öl- und Gasbohrungen dort ausdrücklich als mögliches Risiko. Gas oder Flüssigkeiten könnten bei einem Leck in Höhlengänge gelangen, empfindliche Organismen schädigen und Menschen gefährden, die sich während Forschungsarbeiten tief im System befinden.
Damit bleibt ausgerechnet die Verbindung zur öl- und gasreichen Umgebung doppeldeutig. Schwefelwasserstoff aus tieferen geologischen Systemen spielte wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Höhlen der Guadalupe Mountains, während heutige Bohraktivitäten in der Nachbarschaft geschützt werden müssen, damit dieselben unterirdischen Räume nicht beeinträchtigt werden. Über dem Chandelier Ballroom liegt weiterhin Wüstenlandschaft, während darunter weiße Kristallbündel mehrere Meter von der dunklen Decke herabhängen und an das Windgeräusch erinnern, das Höhlenforscher einst aus dem Geröll hörten.
Mit KI-Unterstützung erstellt
Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.