Ausbruch ohne Namen

Um 1809 kühlte ein Vulkan die Erde ab, den niemand je gefunden hat

Um 1809 kühlte ein Vulkan die Erde ab, den niemand je gefunden hat
(Symbolbild) In Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis liegt für die Jahre 1809 und 1810 eine Schwefelschicht, die nur ein gewaltiger Vulkanausbruch hinterlassen haben kann. Der Ausbruch gehört zu den größten der vergangenen 500 Jahre, er ließ die Temperaturen in den Tropen einbrechen und leitete das kälteste Jahrzehnt seit dem Mittelalter ein. Doch in keiner Chronik der Welt ist er verzeichnet, und der Vulkan wurde bis heute nicht gefunden. Nur ein Astronom in Bogotá beschrieb eine durchsichtige Wolke, die die Sonne trübte. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ende 1808 oder Anfang 1809 brach irgendwo in den Tropen ein Vulkan mit einer Wucht aus, die doppelt so groß war wie der Ausbruch des Pinatubo 1991. Seine Schwefelsäure regnete an beiden Polen auf das Eis, seine Wolke verdunkelte die Sonne, und das Jahrzehnt danach wurde das kälteste seit 500 Jahren. Trotzdem hat kein Chronist den Ausbruch festgehalten. Welcher Vulkan es war, weiß bis heute niemand.

Als Forscher in den 1990er Jahren Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis Schicht für Schicht auf Schwefel untersuchten, fanden sie für das Jahr 1815 genau das, was sie erwarteten: die Spur des Tambora, dessen Ausbruch auf der indonesischen Insel Sumbawa mindestens 71.000 Menschen tötete und 1816 zum Jahr ohne Sommer machte. Sechs Jahre tiefer im Eis lag jedoch eine zweite, fast ebenso dicke Schwefelschicht, und für sie gab es keinen Namen. Weder in europäischen noch in asiatischen oder amerikanischen Quellen war für 1809 ein großer Ausbruch verzeichnet. Das Eis zeigte ein Ereignis, von dem die Welt nichts bemerkt haben wollte.

Seither trägt der Ausbruch in der Fachliteratur den nüchternen Namen unbekannte Eruption von 1809. Nach Auswertungen der Eiskerne schleuderte er rund 19 Millionen Tonnen Schwefel in die Stratosphäre, etwa 30 Prozent weniger als der Tambora, aber doppelt so viel wie der Pinatubo, dessen Ausbruch 1991 die globale Temperatur für zwei Jahre messbar senkte. Damit gehört der unbekannte Vulkan zu den drei stärksten Ausbrüchen seit 1500 und zu den sechs stärksten der vergangenen tausend Jahre. Dass ein Ereignis dieser Größe ohne Augenzeugen bleiben konnte, ist die eigentliche Merkwürdigkeit dieser Geschichte.

Was das Eis an beiden Polen verrät

Vulkanische Schwefelsäure gelangt nur dann auf beide Polkappen, wenn der Ausbruch nahe am Äquator liegt, denn erst dort verteilt die Luftzirkulation der Stratosphäre die Aerosole gleichmäßig auf beide Hemisphären. Die Schicht von 1809 findet sich in Bohrkernen aus Grönland und der Antarktis in fast gleicher Stärke, was auf einen tropischen Vulkan hinweist. Schwefelisotope belegen zudem, dass die Aerosole in großer Höhe entstanden, also tatsächlich bis in die Stratosphäre geschleudert wurden. Aus der Dicke der Schicht, verglichen mit dem Tambora, lässt sich die Menge abschätzen, und aus der Position im Eis das Jahr, mit einer Unschärfe von etwa einem Jahr.

Mehr als das verrät das Eis nicht. Vulkanasche, die den Ausbruchsort chemisch identifizieren könnte, findet sich in den Kernen nur in winzigen Mengen, und bisher ließen sich diese Partikel keinem bekannten Vulkan zuordnen. Wie sich unter einem lange ruhigen Vulkan eine Magmakammer wieder füllen kann, zeigt der Blick auf die Kikai-Caldera vor Japan, deren Kammer in nur 2,5 Kilometern Tiefe wächst.

Die durchsichtige Wolke über Bogotá

Den einzigen bekannten Augenzeugen fand 2014 ein Team der University of Bristol nach monatelanger Suche in spanischen Kolonialarchiven. Der kolumbianische Astronom Francisco José de Caldas, Leiter des Observatoriums von Bogotá, berichtete im Februar 1809 von einer dauerhaften, durchsichtigen Wolke in großer Höhe, die seit dem 11. Dezember 1808 das Sonnenlicht über der Stadt trübte und die Sonne so blass erscheinen ließ, dass man sie mit bloßem Auge betrachten konnte. Caldas hielt fest, dass der Schleier nicht aus Wasserdampf bestehen konnte, weil er bei Tag und Nacht gleich blieb und die Sterne matter erscheinen ließ. Ein Arzt in Lima beschrieb im selben Winter einen ähnlichen Dunst und ungewöhnliche Sonnenuntergänge.

Diese Beobachtungen passen exakt zu dem, was ein stratosphärischer Aerosolschleier nach einem tropischen Ausbruch verursacht, und sie erlauben eine engere Datierung: Der Vulkan brach im Spätherbst 1808 aus, wahrscheinlich Ende November oder Anfang Dezember. Dass der Schleier zuerst über Südamerika auffiel, erlaubt allerdings keinen Rückschluss auf den Ort, denn die Wolke umrundete die Erde innerhalb weniger Wochen. Die Suche nach dem Vulkan blieb damit weiter offen.

Welcher Vulkan 1809 ausgebrochen sein könnte

Die Liste der Verdächtigen ist lang und die Beweislage dünn. Ein tropischer Vulkan, der eine derart große Eruption hervorbringt, hinterlässt gewöhnlich eine Caldera, einen eingebrochenen Krater von mehreren Kilometern Durchmesser, und ausgedehnte Ascheschichten in der Umgebung. Für einen Ausbruch von 1808 müssten diese Schichten noch jung und gut erhalten sein. Vulkanologen haben Kandidaten in Indonesien, auf den Philippinen, in Melanesien und in den Anden geprüft, doch entweder passt das Alter der Ablagerungen nicht, oder die Region war so entlegen, dass niemand nachgesehen hat. Der Deutsche Wetterdienst hält in seiner Auswertung des Tambora-Jahres fest, dass der Ausbruch von 1808 oder 1809 höchstwahrscheinlich in den Tropen stattfand, wie aus einem Bericht des DWD hervorgeht.

Ein internationales Team um Claudia Timmreck vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg hat 2021 alle verfügbaren Temperaturmessungen und Rekonstruktionen für die Jahre nach 1809 mit Klimamodellen verglichen. Das Ergebnis: In den Tropen brachen die Temperaturen nach dem Ausbruch ähnlich stark ein wie nach dem Tambora, auf der Nordhalbkugel dagegen ungleichmäßig und mit Verzögerung. Die Forscher nannten ihre Arbeit einen klimatischen Cold Case und stellten fest, dass die Untersuchung offen bleibt. Vollständig lesbar ist die Studie unter Climate of the Past.

Das kälteste Jahrzehnt seit 500 Jahren

Die Folgen des unbekannten Ausbruchs spürten die Menschen, ohne die Ursache zu kennen. Ab 1810 häuften sich in Mitteleuropa und Nordamerika kalte Sommer und Missernten, in Württemberg waren die Getreidevorräte der Gemeinden bereits aufgezehrt, als 1815 der Tambora folgte und das Jahrzehnt vollends zum kältesten seit dem 16. Jahrhundert machte. Was nach 1816 als Jahr ohne Sommer in die Geschichte einging, war in Wahrheit die zweite Hälfte einer Doppelkatastrophe, deren erste Hälfte in den Chroniken fehlt. Baumringe aus den Alpen zeigen für die Jahre ab 1810 verdichtete, schmale Wachstumsringe, die Kälte anzeigen, lange bevor der Tambora explodierte.

So bleibt ein Ereignis, dessen Spur an beiden Enden der Erde im Eis liegt, dessen Schleier ein Astronom in Bogotá mit bloßem Auge sah und dessen Kälte Bauern in Schwaben in die Auswanderung trieb, ohne dass jemand den Berg kennt, der es verursachte. Irgendwo in den Tropen liegt eine Caldera, die 1808 entstand, und der Vulkan, der die Welt abkühlte, wartet noch darauf, dass ihn jemand findet.

Climate of the Past, The unidentified eruption of 1809: a climatic cold case; doi:10.5194/cp-17-1455-2021

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