Eigene Hand

Sich selbst kitzeln funktioniert bei einer Gruppe von Menschen doch

Sich selbst kitzeln funktioniert bei einer Gruppe von Menschen doch
(Symbolbild). Eine fremde Hand an der Fußsohle löst binnen Sekunden Zappeln und Lachen aus, die eigene bleibt wirkungslos. Sich selbst kitzeln misslingt fast allen Menschen, und der Grund liegt nicht in der Haut, sondern in einer Vorarbeit im Gehirn, die vor der Berührung abgeschlossen ist. Im Labor genügen Sekundenbruchteile, um den Kitzelreiz zurückzuholen. Bei einer Gruppe von Menschen fehlt dieser Schutz messbar. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein fremder Finger an der Fußsohle genügt für Zappeln, Lachen und den Reflex, das Bein wegzuziehen. Sich selbst kitzeln dagegen misslingt fast jedem Menschen, und daran ändert auch Übung nichts. Der Grund liegt nicht in der Haut, sondern in einer Rechnung, die das Gehirn abschließt, bevor die Finger überhaupt ankommen. Ein Versuchsaufbau aus der Hirnforschung hebelt diesen Schutz mit einer Verzögerung von Sekundenbruchteilen aus.

Kitzeln gehört zu den ersten körperlichen Erfahrungen, die Kinder gezielt herbeiführen und ebenso gezielt beenden wollen. Zwei Formen lassen sich unterscheiden. Knismesis beschreibt das leichte Kribbeln, das ein Grashalm, ein Insekt oder eine lose Haarsträhne auf der Haut auslöst und das vor allem zum Kratzen anregt. Gargalesis meint das kräftige Kitzeln an Achseln, Rippen, Hals und Fußsohle, das Lachen, Winden und Abwehrbewegungen hervorruft. Beide Formen brauchen einen fremden Auslöser. Sich selbst kitzeln funktioniert bei keiner von beiden zuverlässig, obwohl die Haut identisch gereizt wird und dieselben Nervenbahnen feuern. Schon Aristoteles hielt diesen Unterschied für bemerkenswert, und Charles Darwin notierte, dass zum Kitzeln offenbar ein Moment der Unvorhersehbarkeit gehört. Genau dieser Punkt macht den Kitzelreiz für die Hirnforschung interessant, denn er trennt sauber zwischen eigener und fremder Bewegung.

Der Unterschied zwischen eigener und fremder Berührung ist keine Nebensächlichkeit des Nervensystems, sondern eine Grundvoraussetzung dafür, dass ein Körper sich in seiner Umgebung zurechtfindet. Jede Bewegung erzeugt Reize: Kleidung streift die Haut, die Zunge berührt den Gaumen, die Finger tippen auf eine Tastatur, der Fuß drückt gegen den Boden. Würde das Gehirn all diese selbst erzeugten Signale in voller Stärke verarbeiten, bliebe kaum Kapazität für das, was von außen kommt und tatsächlich neu ist. Deshalb rechnet das Nervensystem bei jeder geplanten Bewegung mit, welche Empfindung gleich eintreffen wird, und dämpft genau diesen erwarteten Anteil. Fremde Berührungen entgehen dieser Dämpfung, weil sich ihr Zeitpunkt, ihre Richtung und ihre Stärke nicht vorhersagen lassen. Der Kitzelreiz ist damit ein Sonderfall, an dem sich ein sonst unsichtbarer Rechenvorgang direkt am eigenen Körper ausprobieren lässt.

Das Gehirn kennt die Berührung, bevor die Finger ankommen

Sich selbst kitzeln misslingt, weil bei jeder eigenen Bewegung eine Kopie des Bewegungsbefehls an das Kleinhirn geht. Dieses sagt voraus, welche Empfindung folgen wird, und schwächt die Antwort der Hautwahrnehmung genau in diesem Umfang ab. Fremde Berührungen lassen sich nicht vorhersagen, treffen ungedämpft ein und lösen deshalb den vollen Kitzelreiz aus.

Fachlich wird dieser Rechenschritt als Vorwärtsmodell bezeichnet. Das Kleinhirn erhält die Kopie des Befehls, simuliert dessen sinnliche Folgen und liefert eine Erwartung, die mit der tatsächlichen Rückmeldung aus Haut, Muskeln und Gelenken abgeglichen wird. Stimmen Erwartung und Rückmeldung überein, wird das Signal heruntergeregelt. Bildgebende Messungen stützen dieses Modell: Wird ein Tastreiz von außen gesetzt, zeigt der somatosensorische Kortex deutlich mehr Aktivität, als wenn dieselbe Person den Reiz durch eine eigene Bewegung erzeugt. Im Kleinhirn kehrt sich das Muster um, dort fällt die Aktivität geringer aus, sobald eine Bewegung eine berechenbare Berührung nach sich zieht. Das passt zu der Rolle, die dem Kleinhirn seit Langem zugeschrieben wird, nämlich Bewegungen nicht nur zu steuern, sondern ihre Folgen vorwegzunehmen.

Ein Roboterarm macht die eigene Hand fremd

Der entscheidende Versuch stammt aus dem Londoner Labor von Sarah-Jayne Blakemore, Daniel Wolpert und Chris Frith. Die Teilnehmer bewegten mit der rechten Hand einen Hebel, der über eine Mechanik einen weichen Stab über die linke Handfläche führte. Solange die Übertragung ohne Verzögerung lief, empfanden die Probanden die Berührung als schwach und kaum kitzlig, obwohl der Reiz technisch identisch war. Sobald zwischen Handbewegung und Berührung eine Verzögerung von 100, 200 oder 300 Millisekunden eingebaut wurde, stiegen die Bewertungen für Intensität und Kitzligkeit an, und zwar umso stärker, je länger die Verzögerung ausfiel. Dasselbe geschah, wenn die Mechanik die Bewegungsrichtung um 30, 60 oder 90 Grad drehte, wie die Untersuchung zur Unterdrückung des selbst erzeugten Kitzelreizes zeigt.

Aus diesem Verlauf lässt sich ablesen, dass die Dämpfung kein grober Schalter ist, der zwischen eigen und fremd unterscheidet, sondern eine sehr genaue Vorhersage über Ort, Zeitpunkt und Verlauf der Berührung. Je weiter die tatsächliche Empfindung von dieser Vorhersage abweicht, desto weniger wird sie abgeschwächt. Damit erklärt sich auch eine Alltagsbeobachtung: Wer den eigenen Arm langsam und gleichmäßig streichelt, spürt nichts Kitzliges, wer dagegen mit einem Gegenstand mit unregelmäßiger Führung über die Fußsohle fährt, kommt der Sache näher. Vollständig gelingt es trotzdem nicht, weil die Absicht, die Bewegung und die Berührung weiterhin aus derselben Quelle stammen und das Kleinhirn den Zusammenhang mitrechnet.

Gekitzelte Ratten stellen bei Angst das Lachen ein

Wie eng Kitzeln mit Stimmung und sozialer Situation verknüpft ist, zeigte 2016 eine Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ratten reagieren auf Kitzeln durch eine menschliche Hand mit Ultraschalllauten bei etwa 50 Kilohertz, mit Annäherung an die Hand und mit unaufgeforderten Freudensprüngen. Am stärksten fielen die Reaktionen am Bauch und an den Fußunterseiten aus. In der Rumpfregion des somatosensorischen Kortex feuerten währenddessen die meisten abgeleiteten Nervenzellen kräftig, und eine gezielte elektrische Reizung dieser Region löste dieselben Laute aus, wie die Studie zu den neuronalen Grundlagen der Kitzligkeit beschreibt.

Entscheidend war der zweite Teil des Versuchs. Wurden die Tiere in eine unangenehme Lage gebracht, etwa auf eine erhöhte Plattform unter helles Licht, brachen die Laute ein und die Aktivität der zuvor kitzelempfindlichen Zellen sank deutlich. Kitzeln funktionierte in diesem Zustand nicht mehr. Beim Menschen gilt dasselbe in abgewandelter Form, denn eine angespannte oder bedrohliche Situation nimmt dem Kitzelreiz zuverlässig die Wirkung, während er unter Vertrauten sofort greift. Kitzeln gehört damit weniger zur reinen Hautempfindung als zum Repertoire von Spiel, Nähe und Grenzsetzung, und es bleibt eine Reaktion, die eine zweite Person voraussetzt.

Wenn die Dämpfung ausbleibt

Denselben Versuchsaufbau mit Hebel und Stab setzte die Arbeitsgruppe später bei psychiatrischen Patienten ein. Menschen ohne Halluzinationen bewerteten selbst erzeugte Berührungen wie gesunde Kontrollpersonen als schwächer, weniger kitzlig und weniger angenehm als die identischen Reize durch den Versuchsleiter. Bei Patienten mit akustischen Halluzinationen und mit sogenannten Passivitätserlebnissen, also dem Erleben, von außen gesteuert zu werden, blieb dieser Unterschied aus. Sie bewerteten die eigene Berührung genauso stark wie die fremde. Das gilt als Hinweis darauf, dass die innere Vorhersage eigener Handlungen bei diesen Symptomen gestört ist. Ein Test für eine Diagnose ist der Aufbau nicht, denn die untersuchten Gruppen waren klein und die Symptome unterschiedlich stark ausgeprägt.

Bleibt der Alltag, in dem sich das Prinzip an jedem beliebigen Tag überprüfen lässt. Wer sich kratzt, spürt genau die Stelle, die er treffen wollte, ohne dass die Empfindung überhandnimmt. Wer eine fremde Hand an derselben Stelle erwartet, zieht das Bein oft schon zurück, bevor die Berührung überhaupt stattfindet. Und wer eine kitzlige Person warnt und dann langsam zugreift, erlebt eine deutlich schwächere Reaktion als bei einem unangekündigten Griff. In all diesen Fällen arbeitet dieselbe Vorhersage, die dafür sorgt, dass die eigene Fußsohle unter den eigenen Fingern eine ganz gewöhnliche Hautstelle bleibt.

Nature Neuroscience, Central cancellation of self-produced tickle sensation; doi:10.1038/2870
Science, Neural correlates of ticklishness in the rat somatosensory cortex; doi:10.1126/science.aah5114

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