In der honduranischen Kleinstadt Yoro finden Menschen nach heftigen Gewittern seit über hundert Jahren hunderte lebende Fische auf Straßen, Feldern und Höfen. Das Phänomen heißt dort Lluvia de Peces, Regen der Fische, und wird jedes Jahr mit einem eigenen Festival gefeiert. Auch aus Texas, Kalifornien und Australien gibt es dokumentierte Fälle, in denen nach einem Sturm Fische auf dem Boden lagen. Der Fischregen klingt wie eine Legende, ist aber durch Fotos, Videos und Augenzeugen belegt. Die spannendste Frage ist, wie die Tiere überhaupt dorthin gelangen.
Wer nach einem Gewitter über eine Straße geht und dort zwischen Pfützen kleine, zappelnde Fische liegen sieht, hält das zunächst für einen Scherz. Genau das passiert in der Region Yoro im Norden von Honduras jedoch mit erstaunlicher Regelmäßigkeit. Typischerweise in den Monaten Mai oder Juni zieht ein schweres Unwetter über das Gebiet, und wenn der Regen nachlässt, sind die Wege und Felder mit hunderten kleinen Süßwasserfischen bedeckt. Die Bewohner sammeln die Tiere in Eimern und Körben ein und bereiten sie in ihren Küchen zu. Für die Menschen vor Ort ist der Fischregen kein Schrecken, sondern ein vertrauter Teil des Jahres, der bis in ihre kulturelle Identität hineinreicht. Seit dem Jahr 1998 gibt es sogar ein eigenes Festival, das Festival de Lluvia de Peces, mit Umzug und Feierlichkeiten. Das Ereignis hat damit einen festen Platz im Kalender einer ganzen Region gefunden.
Berichtet wird von diesem wiederkehrenden Ereignis bereits seit dem 19. Jahrhundert. Eine lokale Legende führt es auf einen spanischen Missionar zurück, der in den 1860er Jahren in der Gegend wirkte und der Überlieferung nach darum betete, dass Gott den armen und hungrigen Menschen Nahrung schicke. Kurz darauf, so die Erzählung, seien zum ersten Mal Fische vom Himmel gekommen. Solche Geschichten machen verständlich, warum das Phänomen bis heute eine fast religiöse Bedeutung trägt. Für die Wissenschaft ist die Sache jedoch komplizierter, denn ähnliche Beobachtungen gibt es rund um die Welt. Frösche, Krebse, kleine Fische und sogar Vögel wurden nach Stürmen an Orten gefunden, an denen sie eigentlich nicht sein können. Das Sammelphänomen trägt den nüchternen Namen animal rain, also Tierregen, und beschäftigt Meteorologen, Biologen und Anomalie-Forscher gleichermaßen.
Die verbreitetste Erklärung für einen echten Fischregen sind Wasserhosen, also Wirbelstürme, die über Gewässern entstehen. Eine solche rotierende Luftsäule kann Wasser und darin lebende Tiere ansaugen und über eine gewisse Strecke tragen, bevor sie sie wieder abregnet. Dieses Modell erklärt gut, warum nach manchen Unwettern tatsächlich Tiere auf dem Boden landen. Für den Fall von Yoro stößt es allerdings an eine Grenze. Wasserhosen tragen ihre Fracht in der Regel nicht über große Entfernungen, und die in Yoro gefundenen Fische gehören häufig nicht zu den Arten der örtlichen Bäche und Flüsse. Damit bleibt offen, woher die Tiere stammen sollen, wenn sie tatsächlich aus der Luft kommen. Genau an dieser Stelle beginnt der bis heute ungelöste Kern des Rätsels, der das Phänomen von einer bloßen Kuriosität zu einem echten wissenschaftlichen Streitfall macht.
In den 1970er Jahren beobachtete ein Team von National Geographic das Ereignis in Yoro mit eigenen Augen, was es zu einem der wenigen gut bezeugten Fälle überhaupt macht. Die Forscher stellten etwas Auffälliges fest: Viele der gefundenen Fische waren blind und besaßen kaum funktionsfähige Augen. Solche Merkmale finden sich bei Tieren, die dauerhaft in völliger Dunkelheit leben, etwa in unterirdischen Höhlen und Grundwasseradern. Daraus entstand eine ganz andere Deutung des Fischregens. Nach dieser Hypothese fallen die Tiere gar nicht vom Himmel, sondern werden durch die enormen Wassermassen eines Unwetters aus unterirdischen Flüssen an die Oberfläche gedrückt. Die durchlässigen Kalksteinböden der Region würden ein solches Netz aus Höhlen und Wasserläufen begünstigen. Bewiesen ist dieses Modell jedoch nicht, denn ein direkter unterirdischer Lebensraum, der mit den Straßen von Yoro verbunden wäre, wurde bislang nicht gefunden.
Die beiden Erklärungen widersprechen sich nicht vollständig, doch keine kann für sich allein alle Beobachtungen erklären. Augenzeugen berichten immer wieder, sie hätten Fische auf Dächer prasseln hören, was gegen eine reine Bewegung von unten nach oben spricht. Andererseits passen fremde und blinde Fischarten schlecht zur Vorstellung einer nahen Wasserhose. Selbst grundlegende Angaben sind uneinheitlich, denn manche Quellen nennen ein Ereignis pro Jahr, andere bis zu vier. Ein aufschlussreicher Einzelfall zeigt, wie überraschend die wahre Ursache sein kann: Beim dokumentierten Fischregen von Texarkana in Texas im Dezember 2021 kamen Forscher nach genauer Untersuchung zu dem Schluss, dass ein Schwarm Vögel die kurz zuvor gefressenen Fische im Flug wieder ausgewürgt hatte. Das Beispiel macht deutlich, dass hinter einem einzigen Begriff sehr verschiedene Mechanismen stecken können. Der Fischregen von Yoro bleibt deshalb ein Ereignis, das die Menschen einer ganzen Region seit Generationen prägt und die Wissenschaft bis heute nicht restlos erklären konnte.