Furchen

Runzelige Finger im Wasser haben einen echten Zweck

Runzelige Finger im Wasser haben einen echten Zweck
(Symbolbild). Werden die Finger im Wasser runzelig, ist das kein Zeichen für aufgeweichte Haut, sondern das Ergebnis eines aktiven Vorgangs im Körper. Die Fingerkuppen bilden ein feines Furchenmuster, dessen Nutzen sich in Versuchen messen lässt. Warum manche Menschen diese Reaktion nicht zeigen, verweist direkt auf die beteiligten Nerven. (Foto: © Forschung und Wissen)

Nach einem langen Bad oder dem Abwasch sieht die Haut an Fingern und Zehen plötzlich schrumpelig aus. Fast jeder kennt das Bild der wellig gefurchten Fingerkuppen und hält es für eine Nebensache, für aufgesogenes Wasser, das die Haut aufquellen lässt. Diese Erklärung ist verbreitet und dennoch falsch. Werden die Finger im Wasser runzelig, steckt dahinter kein passives Vollsaugen, sondern ein aktiver Vorgang, den der Körper gezielt auslöst. Und dieser Vorgang erfüllt einen konkreten Zweck.

Die Haut des Menschen besteht aus mehreren Schichten, von denen die äußerste besonders widerstandsfähig ist. An Handflächen und Fußsohlen ist diese Hornschicht dicker als anderswo, weil sie starker Beanspruchung ausgesetzt ist. Läge dem Runzeln tatsächlich ein bloßes Aufquellen zugrunde, müsste die Haut überall gleichmäßig anschwellen, sobald sie lange genug mit Wasser in Kontakt kommt. Genau das geschieht aber nicht. Die Falten bilden sich in einem charakteristischen Muster aus Rillen und Erhebungen, das an den Fingerkuppen und Zehen am deutlichsten ausfällt. Dieses Muster entsteht nicht zufällig, sondern folgt dem Verlauf der darunterliegenden Strukturen. Schon dieser Umstand spricht dagegen, dass hier nur Wasser in die Haut eindringt. Tatsächlich ist der Auslöser nicht das Wasser selbst, sondern die Reaktion des Körpers darauf, und diese wird über das Nervensystem gesteuert.

Ein besonders klarer Hinweis darauf stammt aus der Medizin. Bei Menschen, deren versorgende Nerven an einer Hand geschädigt sind, bleibt das Runzeln an den betroffenen Fingern aus. Die Haut liegt genauso lange im Wasser wie an der gesunden Hand, bildet aber keine Falten. Wäre das Aufquellen ein rein physikalischer Vorgang, dürfte der Zustand der Nerven keine Rolle spielen. Da er es aber tut, muss die Faltenbildung vom Nervensystem gesteuert sein. Diese Beobachtung wurde sogar als einfacher Test für die Funktion bestimmter Nerven vorgeschlagen. Sie belegt zugleich, dass die runzeligen Finger keine zufällige Begleiterscheinung des Badens sind, sondern eine gezielte Antwort des Körpers auf feuchte Bedingungen, die offenbar einem Zweck dient.

Runzelige Finger sind keine aufgequollene Haut

Runzelige Finger im Wasser entstehen nicht dadurch, dass die Haut sich mit Wasser vollsaugt und aufquillt. Tatsächlich zieht das Nervensystem die Blutgefäße unter der Haut zusammen, wodurch sich die Oberfläche einfaltet. Die Fingerkuppen bilden also aktiv ein Furchenmuster, statt passiv anzuschwellen. Verantwortlich ist der Teil des Nervensystems, der auch andere unbewusste Vorgänge wie Herzschlag und Verdauung regelt. Sobald die Fingerkuppen längere Zeit von Wasser umgeben sind, verengen sich die feinen Gefäße im Gewebe, das darüberliegende Volumen nimmt ab, und die Haut zieht sich zu den typischen Rillen zusammen. Das Ergebnis sind keine willkürlich verteilten Falten, sondern ein regelrechtes Profil aus Hautfalten, das immer wieder ähnlich ausfällt. Dieses geordnete Muster ist der eigentliche Beleg dafür, dass hier ein gesteuerter Prozess und nicht bloßes Aufweichen am Werk ist.

Das Nervensystem steuert die Falten aktiv

Die Steuerung übernimmt das autonome, also unbewusst arbeitende Nervensystem. Es reagiert auf den längeren Wasserkontakt, indem es die Blutgefäße in den Fingerkuppen verengt. Durch diese Verengung verringert sich das Gewebevolumen unter der festen äußeren Hautschicht, und die Oberfläche wirft sich in Falten. Der Vorgang benötigt Zeit, weshalb die Finger nicht sofort, sondern erst nach einigen Minuten im Wasser runzelig werden. Genau dieser zeitliche Verlauf und die Abhängigkeit von intakten Nerven machen deutlich, dass es sich um eine aktive Körperreaktion handelt und nicht um einen simplen Aufquelleffekt. Der Körper schaltet gewissermaßen einen Modus ein, der die Haut auf nasse Bedingungen vorbereitet. Sobald die Finger wieder trocken sind, lösen sich die Falten von selbst auf, weil sich die Gefäße erneut weiten und das Gewebe zurückkehrt.

Warum die Furchen den Griff verbessern

Der Nutzen der Faltenbildung liegt im Griff. Eine Untersuchung im Fachjournal Biology Letters zeigte, dass Menschen mit runzeligen Fingern nasse Gegenstände schneller und sicherer greifen als mit glatten Fingern. Die Furchen wirken dabei ähnlich wie das Profil eines Reifens oder die Rillen einer Schuhsohle: Sie leiten Wasser aus der Kontaktfläche ab, sodass die Fingerkuppe besseren Halt auf nassen oder unter Wasser liegenden Objekten findet. Bei trockenen Gegenständen ließ sich dagegen kein Vorteil messen. Das passt zu der Vorstellung, dass die Reaktion eine Anpassung an feuchte Umgebungen ist, die das Hantieren unter Nässe erleichtert. Aus evolutionärer Sicht könnte ein solcher Vorteil beim Greifen in Wasser oder auf nassem Untergrund den Ausschlag dafür gegeben haben, dass sich dieser Mechanismus überhaupt herausgebildet hat.

Finger im Wasser runzelig, aber nicht sofort

Bemerkenswert ist der zeitliche Ablauf. Finger im Wasser runzelig zu bekommen, dauert in der Regel mehrere Minuten, weil die nervengesteuerte Gefäßverengung nicht schlagartig einsetzt. Neben den Fingern zeigen auch die Zehen den Effekt besonders deutlich, da die Haut an Händen und Füßen ähnlich aufgebaut ist. An anderen Körperstellen bleibt die Reaktion aus, weil dort die dicke Hornschicht und die dichte Anordnung der beteiligten Strukturen fehlen. Die feinen Muster der Fingerkuppen, aus denen sich auch die individuellen Hautlinien der Finger ergeben, bieten die Grundlage für das geordnete Furchenprofil. Wer die runzeligen Finger nach dem Baden betrachtet, sieht also nicht das Ergebnis von aufgesogenem Wasser, sondern eine ausgeklügelte, zeitverzögerte Reaktion des Körpers auf eine nasse Umgebung.

Biology Letters, Water-induced finger wrinkles improve handling of wet objects; doi:10.1098/rsbl.2012.0999

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