Cactus-Krater

Runit Dome: Die Atomkuppel im Pazifik hat keinen Boden

Runit Dome: Die Atomkuppel im Pazifik hat keinen Boden
(Symbolbild). Auf dem Enewetak-Atoll liegt eine flache Betonkuppel von 115 Metern Durchmesser kaum drei Meter über dem Meeresspiegel. Der Runit Dome deckt einen Sprengkrater ab, in den nach den amerikanischen Kernwaffentests rund 85.000 Kubikmeter belastetes Material gekippt wurden. Wer die Konstruktion für ein Endlager hält, übersieht eine Eigenschaft ihres Bauplans, über die bis heute gestritten wird. (Foto: © Forschung und Wissen)

Auf einer schmalen Koralleninsel im nördlichen Pazifik liegt eine graue Betonkuppel mit 115 Metern Durchmesser, kaum drei Meter über dem Meeresspiegel. Der Runit Dome verschließt einen Bombenkrater, in den zwischen 1977 und 1980 rund 85.000 Kubikmeter radioaktiv belasteter Boden und Trümmer gekippt wurden. Von außen hat die Anlage die Ausmaße eines Endlagers. Der entscheidende Unterschied liegt an einer Stelle, die niemand sieht.

Das Enewetak-Atoll gehört zu den Marshallinseln und besteht aus rund 40 flachen Koralleninseln, die eine weite Lagune umschließen. Zwischen 1946 und 1958 führten die Vereinigten Staaten hier und auf dem benachbarten Bikini-Atoll 67 Kernwaffentests durch, nachdem die Bewohner zuvor umgesiedelt worden waren. Am 5. Mai 1958 zündete das Militär auf der kleinen Insel Runit einen Sprengsatz mit einer Sprengkraft von 18 Kilotonnen, der den Codenamen Cactus trug. Die Explosion riss einen Krater von etwa 107 Metern Durchmesser und rund neun Metern Tiefe in den Korallenkalk. Zwei Jahrzehnte lang blieb dieses Loch offen. Dann wurde es zur zentralen Deponie für den Abfall eines ganzen Testprogramms, und aus dem Cactus-Krater wurde das bekannteste Bauwerk der Marshallinseln. Bis heute ist die Insel für jeden Aufenthalt gesperrt.

Zwischen 1977 und 1980 räumten rund 4.000 amerikanische Soldaten sechs Inseln des Atolls ab. Sie trugen belasteten Oberboden ab, sammelten Bauschutt, Metallteile und Ausrüstung ein und mischten das Material mit Portlandzement. Alles kam in den Cactus-Krater. Darüber setzten die Bautrupps mehrere hundert Betonplatten zu einer Kuppel von 115 Metern Durchmesser und 46 Zentimetern Dicke zusammen. Diese Konstruktion trägt den offiziellen Namen Runit Dome, die Bewohner des Atolls nennen sie das Grab. Das amerikanische Energieministerium beschreibt die Betonkuppel in seinen Berichten ausdrücklich als nicht tragende Abdeckung, deren Zweck der Schutz des darunterliegenden Materials vor Wind und Wasser ist. Sie hält also Regen und Wellen ab, mehr war nie geplant. Die Arbeiten kosteten rund 239 Millionen Dollar.

Ein Bombenkrater wird zur Deponie

Der Runit Dome ist kein Endlager, sondern eine Abdeckung. Unter der Betonkuppel liegen rund 85.000 Kubikmeter belasteter Boden und Trümmer in einem Sprengkrater, dessen Wände und Sohle aus porösem Korallenkalk bestehen und nie abgedichtet wurden. Nach oben ist das Material verschlossen, nach unten grenzt es unmittelbar an den Untergrund. Diese Bauweise war keine Nachlässigkeit einzelner Ingenieure. Der amerikanische Kongress hatte die Mittel für die Sanierung des Atolls begrenzt, und eine vollständige Auskleidung des Kraters oder ein Abtransport des Materials in die Vereinigten Staaten hätte die bewilligten Summen weit überschritten. Die Verantwortlichen entschieden sich für die schnellere und billigere Lösung, weil die Rückkehr der umgesiedelten Bevölkerung auf die übrigen Inseln des Atolls politisch drängte.

In den Krater kam nicht nur Erde. Die Trupps entsorgten dort auch Betonbrocken, Schrott, Fahrzeugteile und Gerät, das bei den Versuchen kontaminiert worden war. Ein Teil des Materials stammte von entfernteren Inseln des Atolls, das übrige aus dem unmittelbaren Umfeld der Sprengplätze. Viele der beteiligten Soldaten erfuhren erst Jahre später, womit sie tatsächlich gearbeitet hatten. Mehrere von ihnen erkrankten an Krebs. Die amerikanische Regierung bestritt lange einen Zusammenhang mit dem Einsatz, nahm die Aufräumarbeiten auf dem Enewetak-Atoll zwischen dem 1. Januar 1977 und dem 31. Dezember 1980 im Jahr 2022 aber in die Liste jener Tätigkeiten auf, für die Veteranen eine Strahlenbelastung nicht mehr im Einzelfall nachweisen müssen.

Warum der Runit Dome nach unten offen blieb

Korallenatolle bestehen aus stark durchlässigem Kalkgestein. Wasser bewegt sich darin nahezu ungehindert, und der Grundwasserspiegel folgt den Gezeiten. Unter dem Cactus-Krater steigt und fällt das Wasser deshalb zweimal am Tag. Weil die Kratersohle offen blieb, steht die Füllung in unmittelbarem Kontakt mit diesem bewegten Wasserkörper. Messungen des amerikanischen Energieministeriums und unabhängiger Arbeitsgruppen belegen einen Austausch zwischen dem Inneren des Bauwerks und der Lagune, der seit Jahrzehnten läuft. Die Betonplatten oben ändern daran nichts, weil sie ausschließlich die Erosion durch Regen, Wind und überschlagende Wellen bremsen. Der Runit Dome hält den Abfall damit nach oben zurück und lässt ihn nach unten weitgehend gewähren, was ihn von jedem modernen Endlagerkonzept unterscheidet.

Plutonium unter einer Betondecke von 46 Zentimetern

Die Zusammensetzung des eingeschlossenen Materials macht die Bauweise heikel. Ein großer Teil davon ist radioaktiver Abfall im engeren Sinn: Neben Cäsium-137 und Strontium-90 enthält die Füllung Plutonium, vor allem das Isotop Plutonium-239 mit einer Halbwertszeit von rund 24.100 Jahren. Cäsium-137 zerfällt mit etwa 30 Jahren vergleichsweise rasch, Plutonium bleibt über geologische Zeiträume wirksam. Daraus ergibt sich das Missverhältnis zwischen Inhalt und Hülle, denn eine 46 Zentimeter starke, nicht tragende Betondecke ist auf Jahrzehnte ausgelegt und nicht auf Jahrtausende. Die Regierung der Marshallinseln hält Runit Island deshalb unbefristet für unbewohnbar, während die Bevölkerung von Enewetak 1980 auf andere Inseln des Atolls zurückkehren durfte.

Risse im Beton und ein steigender Meeresspiegel

Sichtprüfungen haben in der Betondecke Risse und Abplatzungen dokumentiert. Das amerikanische Energieministerium führt sie auf die normale Alterung von Beton im tropischen Klima zurück und stuft die Kuppel in seinem Bericht an den Kongress zum Zustand des Bauwerks nicht als einsturzgefährdet ein. Kritischer ist die Lage des Standorts. Die Kuppel steht wenige Meter über dem Meeresspiegel auf einer schmalen Insel, die bei starken Stürmen überspült werden kann. Ein Taifun könnte Teile der Abdeckung beschädigen, und ein steigender Meeresspiegel verschiebt die Grenze zwischen Süß- und Salzwasser im Untergrund. Bereits 1982 warnte eine Arbeitsgruppe der amerikanischen Regierung vor genau diesem Szenario.

Mehr Radioaktivität außerhalb als unter dem Beton

Das stärkste Argument der amerikanischen Behörden gegen einen aufwendigen Rückbau lautet, dass die Lagune des Atolls insgesamt deutlich mehr radioaktives Material enthält als der Krater. Sedimente am Grund der Lagune wurden bei den Versuchen unmittelbar kontaminiert, sie liegen offen und werden von niemandem abgedeckt. Ein Bruch der Kuppel würde die Strahlenbelastung der Bevölkerung nach dieser Rechnung kaum verändern. Forschungsgruppen aus den Vereinigten Staaten widersprechen und verweisen auf erhöhte Werte im Boden außerhalb des Bauwerks sowie auf belastete Muscheln in der Lagune. Rund 600 Menschen leben nach dem Zensus von 2021 auf dem Atoll, etwa 30 Kilometer von Runit entfernt, und sie fischen in genau diesem Gewässer.

Der amerikanische Kongress verpflichtete das Energieministerium 2021 gesetzlich zu einer neuen Untersuchung, und 2024 legte das Ministerium einen Bericht über die Folgen des Klimawandels für den Standort vor. Darin wird durchgerechnet, was ein vollständiges Versagen des Bauwerks für Bevölkerung und Umwelt des Atolls bedeuten würde. Der Bericht bewertet ausdrücklich nicht, warum ein solches Versagen eintreten könnte, und er stützt sich auf ältere Messreihen statt auf neue Probennahmen. Genau daran entzündet sich die Kritik der Betroffenen, die seit Jahren eigene Untersuchungen und eine dauerhafte Überwachung fordern.

Am Ende steht ein Bauwerk, das seine Aufgabe von Anfang an nur zur Hälfte erfüllen konnte. Eine flache graue Kuppel aus verwitterndem Beton liegt auf einer unbewohnten Koralleninsel, gerade hoch genug, um bei ruhigem Wetter trocken zu bleiben. Darunter liegt Material, dessen langlebigster Bestandteil noch in mehreren tausend Jahren vorhanden sein wird, und unter diesem Material beginnt sofort der durchlässige Untergrund des Atolls. Wer heute über die Inselgruppe fliegt, sieht ihre höchste Erhebung von weitem, und diese Erhebung ist ein zubetonierter Bombenkrater, zehn Fuß über dem Wasser.

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