Hallig Südfall

Rungholt: Die Nordsee verschluckte 1362 eine ganze Stadt

Rungholt: Die Nordsee verschluckte 1362 eine ganze Stadt
(Symbolbild) Unter dem nordfriesischen Wattenmeer liegen die Reste von Rungholt, einer im Mittelalter versunkenen Stadt, die jahrhundertelang nur aus Sagen bekannt war. Bei Ebbe geben Schlick und Priele nahe der Hallig Südfall immer wieder Spuren von Warften, Brunnen und Alltagsgegenständen frei. Wie groß die Siedlung tatsächlich war und was in der Nacht ihres Untergangs geschah, rekonstruieren Forscher erst nach und nach. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In einer einzigen Januarnacht des Jahres 1362 riss die Nordsee eine ganze Kulturlandschaft mit sich, und mit ihr verschwand Rungholt, der wohlhabendste Handelsplatz Nordfrieslands. Fünf Jahrhunderte lang existierte die Stadt danach nur noch in Sagen, Balladen und frommen Warnungen vor menschlichem Übermut. Erst Bodenfunde im Watt und schließlich moderne Geophysik machten aus der Legende einen realen Ort mit Straßen, Deichen und einer Kirche von beachtlicher Größe. Heute liegt eine der ungewöhnlichsten archäologischen Fundlandschaften Europas mitten im Weltnaturerbe Wattenmeer.

Rungholt gilt als das bekannteste Opfer der Sturmflut vom Januar 1362, die als Grote Mandränke, als großes Ertrinken, in die Überlieferung einging. Der Name der versunkenen Stadt steht bis heute sprichwörtlich für den Kampf der Küstenbewohner gegen die Nordsee. Über Jahrhunderte war allerdings völlig unklar, ob es den Ort überhaupt gegeben hatte. Keine Chronik der Zeit beschreibt den Untergang von Rungholt im Detail, kein Augenzeugenbericht ist erhalten, und die ältesten schriftlichen Erwähnungen stammen aus Urkunden, die nur beiläufig von einem Kirchspiel dieses Namens sprechen. Was blieb, waren Erzählungen von einer reichen, übermütigen Stadt, die für ihre Sünden im Meer versank, und der Glaube, bei stillem Wetter läuteten ihre Glocken noch unter dem Wasser.

Genau diese Mischung aus dünner Quellenlage und mächtiger Sage machte Rungholt lange zu einem Fall für Dichter statt für Wissenschaftler. Der Pfarrer Anton Heimreich hielt die Erzählungen im 17. Jahrhundert fest, und Detlev von Liliencron formte daraus 1882 seine berühmte Ballade mit der Zeile vom Reiten über Rungholt. Dass unter dem Schlick tatsächlich eine untergegangene Siedlungskammer liegt, zeigte sich erst, als das Watt selbst zu erzählen begann. Sturmfluten und Gezeitenströme legten immer wieder Brunnenringe, Pflugspuren und Tonscherben frei, bevor sie alles erneut zudeckten. Aus diesen flüchtigen Spuren ist inzwischen ein präzises Bild einer ganzen mittelalterlichen Landschaft geworden, die auf ihren Untergang zulief.

Wie Rungholt unter dem Watt wiedergefunden wurde

Rungholt war ein mittelalterlicher Handelsplatz in Nordfriesland, der in der Sturmflut vom Januar 1362, der Grote Mandränke, unterging. Forscher der Universitäten Kiel und Mainz haben die Siedlung im Wattenmeer nahe der Hallig Südfall lokalisiert und dort unter anderem den Grundriss einer 40 Meter langen Kirche sowie Dutzende Warften nachgewiesen.

Möglich wurde dieser Nachweis durch eine Kombination aus magnetischer Gradiometrie, elektromagnetischer Induktion, Seismik, Bohrungen und gezielten Grabungen. Im Mai 2023 erfasste das Team eine zwei Kilometer lange Kette künstlicher Siedlungshügel, der Warften, auf denen die Menschen ihre Häuser vor dem Wasser schützten. Eine dieser Warften trug Fundamente von 40 mal 15 Metern, die zweifelsfrei als Kirche zu deuten sind, ein Bau in der Liga der großen Gotteshäuser Nordfrieslands. Auf rund zehn Quadratkilometern Watt wurden über 50 Warften kartiert, eine Messkampagne im Jahr 2024 fügte 19 weitere hinzu. Zusammen mit einem bereits 2017 nachgewiesenen Seedeich samt Sielhafen ergibt sich das Bild eines dicht besiedelten, planvoll entwässerten Marschlands mit einem zentralen Kirchspiel.

Eine Stadt auf abgesenktem Land

Der Untergang von Rungholt war kein reines Unglück, sondern hatte eine handfeste, von Menschen mitverursachte Vorgeschichte. Die Bewohner der Region stachen in großem Stil Torf, um Brennmaterial und Salz zu gewinnen, und legten die Marsch mit Gräben trocken. Beides ließ die Landoberfläche absacken, teils bis unter das Niveau der mittleren Fluten. Die Geographin Hanna Hadler von der Universität Mainz beschreibt Hinweise darauf, dass das Land durch Torfabbau regelrecht tiefergelegt wurde und Sturmfluten dadurch leichtes Spiel hatten. Als im Januar 1362 ein schwerer Orkan das Wasser gegen die Küste drückte, brachen die Deiche der Edomsharde, jenes Verwaltungsbezirks, zu dem Rungholt gehörte. Der Überlieferung nach gingen in dieser Flut 42 Kirchspiele verloren.

Wie viele Menschen in der Nacht der Grote Mandränke starben, lässt sich nicht seriös beziffern, die Zahlen der Chronisten schwanken stark und entstanden teils Jahrhunderte später. Sicher ist, dass die Katastrophe die Küstenlinie Nordfrieslands dauerhaft veränderte und aus zusammenhängendem Marschland eine zerrissene Welt aus Inseln, Halligen und Wattströmen machte. Eine zweite Grote Mandränke zerschlug 1634 auch noch den größten Teil des verbliebenen Landes, über 6.000 Menschen sollen damals ertrunken sein. Übrig blieben Pellworm, Nordstrand und eine Handvoll Halligen, zwischen denen die Reste der alten Kulturlandschaft im Schlick konserviert wurden, eine in Europa einmalige Fundsituation.

Funde zwischen zwei Gezeiten

Die Erforschung dieser Landschaft gleicht einer Arbeit gegen die Uhr. Jede Messung und jede Grabung ist nur in den wenigen Stunden zwischen zwei Gezeiten möglich, danach steht das Gelände wieder unter Wasser. Der erste, der diese Bedingungen systematisch nutzte, war der Landwirt Andreas Busch von der Insel Nordstrand. Ab den 1920er Jahren dokumentierte er freigespülte Warftreste, Schleusenhölzer und Brunnen, vermaß sie akribisch und rettete damit Wissen über Strukturen, die die See kurz darauf endgültig zerstörte. Seine Aufzeichnungen bilden bis heute eine Grundlage der Forschung, denn viele der von ihm beschriebenen Spuren existieren nicht mehr.

Die moderne Geophysik hat diese Detektivarbeit auf eine neue Stufe gehoben, weil sie Strukturen sichtbar macht, die unter der Wattoberfläche verborgen liegen und von der Erosion noch nicht angegriffen wurden. In den Messbildern erscheinen Warften, Gräben und Deichlinien als klare Muster im Untergrund. Die Ergebnisse der Kampagnen sind in Fachjournalen publiziert, darunter eine Studie zum mittelalterlichen Deichsystem von Rungholt, die zeigt, wie planvoll die Menschen ihr Land gegen das Meer verteidigten. Ausgerechnet die Sorgfalt dieser Küstenschützer wurde ihnen zum Verhängnis, weil Entwässerung und Torfabbau den Boden unter ihren Füßen absenkten.

Was die versunkene Stadt über die Zukunft verrät

Für die Wissenschaft ist die versunkene Stadt weit mehr als ein gelöstes historisches Rätsel. Die Siedlungskammer um Rungholt zeigt in seltener Klarheit, wie eine Gesellschaft durch massive Eingriffe in ihren Küstenraum die eigene Verwundbarkeit steigerte, ein Mechanismus, der an tiefliegenden Küsten weltweit bis heute wirkt. Wie stark Sturmfluten eine Küste treffen, hängt eben nicht nur vom Wetter ab, sondern auch davon, wie der Mensch das Land zuvor verändert hat. Die Forscher lesen im Watt deshalb auch eine Fallstudie über Landnutzung, Deichbau und Risiko.

Zugleich bleibt vieles offen. Ob der nun kartierte Kirchort tatsächlich der Kern jenes Rungholt war, das die Sage meint, oder einer von mehreren untergegangenen Orten der Edomsharde, wird weiter diskutiert. Auch die Frage, wie viele Menschen dort lebten und wie weit der Handel der Siedlung reichte, ist nicht abschließend beantwortet. Sicher ist nur, dass die See ihre Beute nicht freiwillig zurückgibt. Jede Sturmflut kann neue Spuren freilegen und alte für immer auslöschen. Die Stadt, die 1362 in einer Nacht verschwand, gibt ihre Geschichte deshalb genauso preis, wie sie einst unterging, mit den Gezeiten, Stück für Stück.

PLOS ONE, Lost in the North Sea – Geophysical and geoarchaeological prospection of the Rungholt medieval dyke system (North Frisia, Germany); doi:10.1371/journal.pone.0265463

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